Franka Lu ist eine chinesische Journalistin und Unternehmerin. Sie arbeitet in China und Deutschland. In dieser ZEIT-ONLINE-Serie berichtet sie kritisch über Leben, Kultur und Alltag in China. Um ihr berufliches und privates Umfeld zu schützen, schreibt sie unter einem Pseudonym.

Der 30. Jahrestag des Tiananmen-Massakers am 4. Juni ist für China ein heikler und entscheidender Moment. Für den Rest der Welt allerdings auch. Vor 30 Jahren beschloss die Kommunistische Partei Chinas, ihre eigenen Staatsbürger zu ermorden, um die absolute Macht zu behalten. Dann entwickelte sie eine hybride Ökonomie, um den Herausforderungen der Welt nach dem Kalten Krieg gewachsen zu sein. Seitdem wurde das vor 30 Jahren vergossene Blut in China weithin vergessen, der Traum der Demokratie verraten, ein neues autoritäres Staatsmodell konstruiert und gestärkt. Und im Westen: Vom Versprechen des Neoliberalismus, mit der Befreiung der Marktkräfte weltweiten Frieden und Wohlstand zu bringen, ist wenig geblieben. An die Globalisierung der liberalen Ordnung glaubt kaum jemand mehr, Nationalismen kehren zurück. Es ist der richtige Augenblick, nicht nur an die Opfer und die Helden in China zu erinnern, sondern auch die ernüchternden und widersprüchlichen Lehren aus der Entwicklung des Landes seither zu ziehen. Beides wird helfen, in diesen verwirrenden Zeiten einen klareren Blick in die Zukunft zu werfen.

Die Erinnerung an den 4. Juni zu bewahren, das war und ist in China so anstrengend wie gefährlich, ein steter Kampf gegen die Zensur und die Machtmaschine der Regierung. Wenig ist bewahrt von den Geschichten und Zeugnissen des chinesischen Traums von der Demokratie. In einem kürzlich im Guardian veröffentlichten Artikel haben Louisa Lim und Ilaria Maria Sala beschrieben, wie gründlich "Pekings großes Vergessen", diese Auslöschung der Erinnerung eines ganzen Volkes, gelungen ist: "Wir haben diesen Moment des Schocks und der Verwirrung miterlebt und den einen Satz in vielen Versionen gehört: 'Ich war da. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Aber ich habe so lange nicht darüber gesprochen, dass ich es aus der Erinnerung verdrängt habe. Bis zu diesem Augenblick hatte ich buchstäblich vergessen, dass ich dort gewesen bin.'" Von der Mehrheit der Bevölkerung ganz zu schweigen, die nicht "dort" war – und die Leidenschaft, die Solidarität, die Hoffnung, den Zorn, die Kugeln und das Blut nicht erlebt hat.

Wer die Erinnerung unterdrückt, macht das Nachdenken unmöglich. Den Menschen wird eine verzerrte Fassung von Karl Marx' historischem Materialismus eingetrichtert: Danach ist "der Lauf der Geschichte" durch "objektive Kräfte" bestimmt. Die Bürger müssen alle Macht an die weise und allmächtige Kommunistische Partei Chinas übertragen, die die Nation durch die tückischen Strudel dieser Kräfte navigiert. Andernfalls herrschten Desaster und Chaos im Land. Weil das Nachdenken über Tiananmen unterdrückt wird, gibt es keine Vorstellung einer anderen Zukunft mehr; zumindest erscheint es so. Die Leute wissen Bescheid über die elende ökonomische Lage der früheren sowjetischen Staaten, über die Gewalt in Syrien nach dem Arabischen Frühling – aber vom Fortschritt etwa in Tschechien oder Tunesien wissen sie wenig. Vom Einzelnen wird nicht mehr verlangt, als dass er oder sie hart arbeitet und die Partei unterstützt. Die Belohnung: wachsender Reichtum. Und wenn sie reicher werden, glauben viele gern, die Partei sei im Besitz der letztgültigen Wahrheit.

Mit dem Zweifel beginnt der Verrat

Für die Chinesinnen und Chinesen, die andere Vorstellungen haben, und für die Nichtchinesen, die mit der Demokratiebewegung in China sympathisieren, waren die 30 Jahre seit Tiananmen eine harte Probe: für ihre Gefühle, ihr Gewissen und ihre Werte. Vor 30 Jahren war Demokratie der Traum, dessen Verwirklichung die Chinesen herbeisehnten. Von diesem Traum ist wenig übrig. Und jeder Versuch, ihn in die Öffentlichkeit zurückzubringen und wiederzubeleben, bedarf enormer Anstrengungen. "Ist es denkbar, dass ich mich getäuscht habe und dass die Partei recht gehabt hat?" Diese Frage haben sich früher oder später viele einmal gestellt, gerade angesichts der Krisen und Rückschritte, die der Westen erlebt hat.

Schließlich sind der wachsende Wohlstand, die globale Macht Chinas, die technologischen Innovationen, die enorm gestiegene Lebenserwartung und der gewachsene Bildungsstand schwer von der Hand zu weisende Argumente. Viele Chinesinnen und Chinesen scheinen diese Leistungen als unbezweifelbare Beweise für die Überlegenheit des chinesischen Modells zu akzeptieren. Könnte es vielleicht wirklich sein, dass Demokratie und eine offene Gesellschaft nicht in jedem Land die beste Staatsform sind? Könnte es sein, dass menschliche Kosten zugunsten des großen Ganzen einfach unvermeidbar sind, wie die Partei es behauptet? Zweifel sind eine schmerzhafte Sache. Mit dem Zweifel beginnt der Verrat an den Opfern und Helden von Tiananmen, der Verrat an den unabhängigen Geistern, an der Freiheit und dem Verlangen nach Gerechtigkeit, die die menschliche Würde ausmachen. Und doch: Die Belege dafür, dass Demokratie besser für das Auskommen des Einzelnen ist, werden weniger.