Am 5. Juni 2019, drei Tage nach der Ermordung des CDU-Politikers Walter Lübcke, landete das linke Onlinemagazin Perspektive – Zeitung für Solidarität und Widerstand einen kleinen Reichweitenerfolg bei Facebook. Ein Text mit dem Titel "Warum interessiert sich niemand für den Mord an Walter Lübcke?" wurde über 250-mal direkt von der Facebook-Seite von Perspektive weitergeteilt, so oft wie sonst keiner im laufenden Monat. In dem Text der Zeitung, die laut eigenem Claim für "unabhängigen Journalismus von unten" steht, fanden sich grob verallgemeinernde oder schlicht unwahre Formulierungen wie die folgende: "Scheuen die bürgerlichen Medien sonst vor keinerlei Spekulationen, Halbwahrheiten und dem Abdrucken von erfundenen Geschichten aus dem Internet zurück, ist die Stille in diesem Fall ohrenbetäubend."

Zu diesem Zeitpunkt war der nach heutigem Kenntnisstand dringend tatverdächtige Rechtsextreme Stephan E. noch nicht festgenommen; war auch ein Mann aus dem persönlichen Umfeld Lübckes noch nicht vorübergehend in Gewahrsam genommen worden, der dann bald wieder freikam. Medien wussten nichts über den Fall – außer dass ein Mensch erschossen worden war, den viele andere Menschen mit offenkundig rassistischen Einstellungen erklärtermaßen hassten. Diese Tatsachen wurden gemeldet, zunächst nur die näheren Umstände des Todes, später auch mit knappem Verweis auf den gegen Lübcke geäußerten Hass. Ansonsten war Zurückhaltung – journalistisch – dringend geboten. Zumal die Staatsanwaltschaft Kassel Spekulationen, wonach die Tat im Zusammenhang mit früheren Morddrohungen stehen könnte, zurückgewiesen hatte.

War die Zurückhaltung wirklich geboten? War es richtig, die seriöse journalistische Auseinandersetzung abseits dürrer Meldungen zunächst dem Onlinemagazin Vice zu überlassen? Unter der Überschrift "So hasserfüllt war die rechtsextreme Kampagne gegen den erschossenen CDU-Politiker" fand sich da bereits zwei Tage nach dessen Tod eine sorgfältige Dokumentation der auf digitalem Weg geäußerten oder verbreiteten Unflätigkeiten gegen Lübcke. Der Text behauptete keinen Zusammenhang, wo er nicht war. Er führte, aus Anlass der Tötung eines Menschen, eine entmenschlichte und gewalttätige Sprache vor Augen, die dem gewaltsamen Tod zweifellos vorangegangen war.

Ein Investigativressort ist keine Mordkommission

Für viele Journalisten etablierter Medien ist allerdings auch diese Form der Berichterstattung bereits zu suggestiv, zu raunend. Denn wie stünde so ein Text mit seinen offensichtlichen Implikationen da, erwiese sich der Mord am Ende doch als reine Beziehungstat?

Die Arbeit einer Mordkommission funktioniert nicht nach den Regeln von Erregungszyklen in sozialen Netzwerken, sie ist mühsam und aufwendig; die zuständigen Behörden brauchen oftmals weit mehr Zeit zur Ermittlung von Tatverdächtigen, als Kommentatoren und Kommentatorinnen etwa auf Twitter es offenbar für geboten halten. Investigativressorts in Medien, die über solche Ermittlungen berichten, sind keine eigene Mordkommission, sondern in einem solchen Fall selbst stark auf Informationen aus Behördenkreisen angewiesen. Die Redaktionen befinden sich auch deshalb in einem Dilemma: Die Verfügbarkeit von gesicherten Fakten, die man berichten könnte, richtet sich nicht danach, wie groß oder klein das öffentliche Interesse in diesem Moment ist.

Dumm, wenn dann ringsum die Verdächtigungen ins Kraut schießen; wenn die Filterblase reißt und auch eigentlich vernünftige Menschen – aus Mangel an Berichterstattung, die ihrer Erregung und Besorgnis gerecht wird – plötzlich Beiträge wie den eingangs erwähnten verbreiten. Dumm auch, wenn sich schwerlich von der Hand weisen lässt, dass in der Vergangenheit – etwa beim Amoklauf von München 2016 oder knapp zwei Jahre später bei der Amokfahrt in Münster – in der Live-Berichterstattung von Fernsehsendern und Newsblogs die Möglichkeit eines islamistischen Hintergrunds ventiliert wurde. Ein Verdacht, der sich hinterher beide Male als falsch erwies.

Nun lassen sich schiefe Analogien und whataboutism mit großer Geste zurückweisen. Natürlich gibt es, völlig unabhängig vom weltanschaulichen Hintergrund, ein größeres Interesse an fortlaufender Berichterstattung, wenn die Möglichkeit weiterer Taten und Täter im unmittelbaren zeitlichen und örtlichen Umfeld eines Anschlags nicht ausgeschlossen werden kann. Im Fall von München ist die Rede von 66 bei der Polizei eingegangenen Falschmeldungen bezüglich weiterer Attentäter und Attentate, die an diesem einen Abend in dieser einen Stadt für Menschen unmittelbar relevant waren. Auch ZEIT ONLINE berichtete an diesem Abend und in den folgenden Tagen fortlaufend.  Und natürlich ist das kein Vergleich mit der Gefahr, die von Lübckes mutmaßlichem Mörder ausging, bevor er gefasst wurde. Selbst wenn sich am Ende bestätigen sollte, wovon nun alle ausgehen, nämlich dass es sich bei Stephan E. um den Mörder Walter Lübckes handelt: Wer hätte sagen können, ob Stephan E. danach noch andere Gewalttaten begangen hätte, und wenn ja, wie und wo er das nächste Mal zugeschlagen hätte? Angesichts dessen sollte doch nachvollziehbar sein, dass in einem Fall viel und in einem anderen zunächst wenig berichtet wurde.