Am liebsten bin ich an der Ostsee allein, am Strand direkt hinter der ehemaligen Grenze. Dort, genau an der Stelle, wo bis 1989 der Grenzzaun ins Meer ragte, hören die Häuser auf. Es stehen keine Strandkörbe herum, es gibt keine Promenade und keine Eisdielen, die bequeme Badegäste herlocken würden. Unter der Woche oder bei schlechtem Wetter ist der Strand oft leer. Hierher zieht es mich regelmäßig, und sei es nur für einen Tag. Schon oft habe ich mich deshalb Freunden gegenüber rechtfertigen müssen – du fährst schon wieder? Allein? Und was machst du dort? Besonders dass ich dafür andere Dinge links liegenlasse, Konzerte, Kneipenabende, Zeit mit Freunden, stößt auf Unverständnis. Verkannt und als Außenseiterin steige ich trotzdem immer wieder in den Zug.

Jule Hoffmann, geboren 1988 in Lübeck, arbeitet als freie Redakteurin und Autorin für Deutschlandfunk Kultur. Sie ist Gastautorin bei "10 nach 8". © privat

Zugfahren ist eine der raren Gelegenheiten, die es rechtfertigen, einfach nur dazusitzen und in die Gegend zu schauen. Womöglich ist das Zugabteil für viele Menschen der einzige Ort, denke ich, an dem sie sich selbst überlassen sind. Ein kollektives Jeder-für-sich, ein Time-out an jedem Fensterplatz. Natürlich nutzen viele die Fahrtzeit effektiv zum Arbeiten oder beschäftigen sich mit Lesen, schauen Filme. Aber sie tun das allein.   

Ansonsten gilt Alleinsein nicht als erstrebenswert. Das Gegenteil – viele Termine haben, viele Freunde, Projekte, eine feste Partnerschaft, teamfähig sein und gut vernetzt – macht für die meisten ein erfolgreiches Leben aus. Alleinsein, Nichtstun, Langeweile sind die Todfeinde der neoliberalen Gesellschaft. Es gibt dieses Meme von einer Frau, die gemütlich mit einer Katze im Bett liegt und den Telefonhörer in der Hand hält, darunter steht: "Yeah I can’t come out tonight. Super busy." Tatsächlich besagt eine Studie der University of Maryland, dass Menschen sich nur dann allein wohlfühlen, wenn sie vorgeben können, beschäftigt zu sein, und für andere ein Zweck erkennbar ist, zum Beispiel beim Einkaufen oder Joggen.

Sich allein zu entspannen oder zu vergnügen hingegen werde von der Sorge begleitet, andere könnten dies als Zeichen deuten, dass man keine Freunde hat. Was auch heißt, dass es für die meisten schlichtweg nicht vorstellbar ist, dass jemand gerade freiwillig und lieber als mit anderen allein isst, spazieren geht oder im Kino sitzt.

Woher kommt bloß diese Geselligkeitsideologie? Die Vorstellung, dass alles mehr Spaß macht, wenn man es mit anderen teilt? Auf empirischen Tatsachen beruht das jedenfalls nicht, schon weil die meisten es nie ausprobieren. Und das wird auch so bleiben, solange Alleinsein gleichbedeutend damit ist, allein inmitten geselliger Menschen tapfer an seinem Bier nippen zu müssen.

Natürlich ist es ein grundlegender Unterschied, ob man inmitten von Menschen allein ist oder räumlich getrennt von anderen. Niemandem fällt es leicht, allein zu sein, wenn andere einen dabei mitleidig anschauen. Genauso wie es ein grundlegender Unterschied ist, ob man allein oder einsam ist. Googelt man Stichworte wie "allein" oder "Alleinsein", kommen ausschließlich Ergebnisse mit Berichten über Einsamkeit in der Digitalisierung, wie gefährlich das für die Gesundheit sei und was man dagegen tun könne. Dabei hängt Einsamkeit weniger damit zusammen, ob man allein ist, sondern schlichtweg damit, ob man sich anderen Menschen verbunden fühlt oder nicht. Tatsächlich war ich in den Momenten, in denen ich mich einsam gefühlt habe, meist mitten unter Menschen. Außerdem kann sich Alleinsein ganz im Gegensatz zu Einsamkeit durchaus positiv auf die Gesundheit auswirken. In einer großangelegten Umfrage der Universität Durham aus dem Jahr 2016 gaben die Befragten an, sich am besten entspannen zu können, wenn sie allein sind: Als die fünf erholsamsten Aktivitäten wurden "Lesen", "in der Natur sein", "für sich sein", "Musik hören" und "nichts Bestimmtes tun" angegeben. Nur sagt eben selten jemand, wie sehr er sich darauf freut, nachher niemanden mehr sehen zu müssen und nichts Bestimmtes zu tun.

Und so fahre ich immer wieder mehr oder weniger klammheimlich an den Strand. Dort angekommen, laufe ich einfach los, bis mein Bewegungsdrang nachlässt. Später setze ich mich in den Sand, gehe mit den Füßen ins Wasser. Die Weite überfällt mich. Ich kann kilometerweit gucken. Im Umkreis von Tausenden Metern: Menschenleere. Manchmal singe ich laut, manchmal führe ich Selbstgespräche. Hinterher bin ich so aufgeräumt wie nie. Selbstgespräche sind enorm hilfreich, Sportler*innen zum Beispiel können sich durch affirmative Selbstgespräche zu Spitzenleistungen motivieren.

Ein ordentliches Selbstgespräch erfordert aber, dass einem niemand hört. Und das ist im Alltag höchst selten der Fall, außer vielleicht noch beim Singen unter der Dusche, wenn das laute Wasserrauschen ein wenig Selbstvergessenheit zulässt. Überhaupt ist Selbstvergessenheit ein zentrales Stichwort. Nur allein kann ich mich selbst vergessen, oder anders gesagt: Wer allein ist, wird von niemandem als Frau oder Mann wahrgenommen, als jung oder alt, hässlich oder schön; auch nicht als Freundin oder Schwester oder Bekannte oder Geliebte. Nichts davon.