Erst 2013 entdeckte ein Wissenschaftler bei Archivrecherchen einen Acht-Sekunden-Film-Clip (heute auch auf YouTube), in dem man Roosevelt beim Besuch eines Kriegsschiffes im Rollstuhl zumindest erahnen kann. Das heißt: Medien revolutionieren unsere Wahrnehmung. Und verändern dadurch unsere Welt. Autorität und Charisma, Aura und Image sind elementar an die Möglichkeit gelingender Informationskontrolle geknüpft – noch Willy Brandt konnte seine Depressionen verbergen, Helmut Schmidt seine Ohnmachtsanfälle im Kanzleramt. Und Helmut Kohl hielt, einen Putsch fürchtend, bei einem Parteitag im September 1989 trotz gewaltiger Schmerzen eisern durch, als er eigentlich für eine Prostata-OP längst ins Krankenhaus gehört hätte. Unbemerkt von der Öffentlichkeit. Der anwesende Arzt wurde als "neuer Mitarbeiter" präsentiert.

Heute wird die Hinterbühne zunehmend zur Vorderbühne, schwinden die Schutz- und Ruhezonen der unbeobachteten Existenz. Und die Dynamik des systemischen Medien-Mobbings entfaltet sich, einfach so. Dafür braucht es nicht mal böse Absichten und keine Kampagnen, die es natürlich auch noch gibt. Wir sehen fast alles. Und zwar sofort. Die rutschende Hose des Ministerpräsidenten, die Schrill-schrill-Auftritte ("Mindestlohni steigeri") von Andrea Nahles, den Stammel-Blackout in einer Talkshow, die Tränen während einer Pressekonferenz, den plötzlichen Schwächeanfall einer Hillary Clinton, durch Zufall auf dem Höhepunkt des amerikanischen Schmutzwahlkampfes von einem Hobbyfotografen mit seinem Smartphone dokumentiert. Zwei Stunden nachdem Hillary Clinton am Rande der Feierlichkeiten für die Opfer des 11. September kurz die Beine wegsackten, wusste die Welt Bescheid.

Die Frage ist: Können politische Führungsfiguren den Absolutismus der Transparenz überleben, ohne selbst immer weiter hochzurüsten im Inszenierungsgeschäft? Und: Ist das Zittern ein Symptom, das auf eine Person – die Kanzlerin – verweist? Oder zeigt sich hier unsere Medienwirklichkeit, die grelle Überbelichtung der Verhältnisse, die jeden, der in der Öffentlichkeit steht, irgendwann in einen schlotternden Zwerg verwandelt?

Selbstverständlich, der Fall schillert. Er stellt den seriösen Journalismus vor ein Dilemma; einerseits gilt es, die entwürdigende Bloßstellung zu vermeiden, andererseits wäre auch die betuliche Verschleierung tatsächlich bedeutsamer Sachverhalte falsch. Denn natürlich muss man wissen, wenn eine Kanzlerin nicht gesund sein sollte, ihr Amt nicht mehr auszufüllen vermag. Nur: Unter den aktuellen Bedingungen wird das Zeichen von Schwäche unvermeidlich zum globalen Drama, kann – filmisch fixiert – zum alles dominierenden Schlüsselbild werden. Transparenz ist dann kein instrumenteller Wert mehr, kein Mittel zum Zweck einer womöglich tatsächlich relevanten Enthüllung, sondern längst ein Faktum, eine mediale Gegebenheit, der ein eigener Schrecken innewohnt. Also: Lässt sich der Körper einer Kanzlerin postheroisch denken? Und was wäre das für ein Leben, wenn man anerkennt, dass es diesen Körper gibt, der leider nicht immer perfekt funktioniert, wenn die Welt zuschaut?