Vielleicht braucht es in diesen Zeiten, in denen die politischen Helden in Hochgeschwindigkeit verglühen, Autorität und Aura angreifbar sind wie nie, einen weniger naiven Begriff medialer Gewalt. Man denkt ja oft stark vereinfacht über Gewaltverhältnisse nach, orientiert an einem linearen Modell von Ursache und Wirkung: Da gibt es den aufdringlichen Paparazzo mit seinem monströsen Fotoapparat, den bösartigen Boulevardjournalisten, den missgünstigen Chefkommentator, der einen Politiker in Bedrängnis bringt, ihn verfolgt und attackiert. Schlimm, wirklich schlimm. Eine Ursache, eine Wirkung. Und schon erscheint alles klar.

Aber das sind Denkbilder und Wahrnehmungsschablonen einer allmählich verblassenden Vergangenheit. Sie passen nicht in das Zeitalter der Vernetzung, sondern zu einer Epoche publizistischer Großmächte, die zu Ende geht. Mediale Gewalt steckt heute in der Situation, lässt sich nicht mehr einfach der einzelnen Person zurechnen. Sie ergibt sich aus einem plötzlich aufschäumenden Aufmerksamkeits- und Erregungsexzess, resultiert aus einem – für Betroffene – brutalen Zusammenspiel aus Tweets, Postings, Videoschnipseln und hektisch ausgestoßenen Kommentaren.

Angela Merkel zittert, das dritte Mal innerhalb weniger Wochen, dieses Mal nicht neben dem ukrainischen Staatspräsidenten Wolodymyr Selenskyj, nicht neben dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, sondern neben dem finnischen Ministerpräsidenten Antti Rinne stehend. Es spielt die deutsche Nationalhymne. Die Kamera dokumentiert ein Zucken. Fährt schon ein paar Sekunden später in sensationalistischer Spählust den Körper hinab – was gibt es da noch zu sehen? Die Kanzlerin besteht jetzt nur noch aus zuckenden Beinen, sekundenlang.

Dann geht alles ganz schnell. #Zitteranfall trendet auf Twitter. Online wird das Video wie verrückt geklickt. Merkel-Kritiker feiern mit Spottfilmchen – mehr als 60.000 Aufrufe nach vier Stunden – auf YouTube den Schwächeanfall, posten Verwünschungen, die da heißen: "Ich hoffe sie stirbt beim nächsten Anfall." – "Aller guten Dinge sind 3. Jetzt verrecken." – "Ich hab da kein Mitleid mehr... zur Hölle soll sie fahren!!!" Focus Online hat die ersten Erklärungen. Der Tod der Mutter im April dieses Jahres. Womöglich war alles zu viel. Dann wieder heißt es: "Dahinter könnten organische und neurologische Krankheiten stecken, genauso gut aber auch Aufregung und Anspannung." Stimmt. Vielleicht. Oder auch nicht. Eventuell. Doch, doch. Und hinter der alles und nichts behauptenden Live-Spekulation – das wäre die Ferndiagnose des Medienwissenschaftlers – könnten auch Para-Journalisten stecken, die ihr Publikum als Klickvieh missbrauchen. Die Bild-Zeitung kommt im großen Schlagzeilengewitter mit einer Frage daher: "Wie lange noch, Frau Kanzlerin?" Kurzum: Ein solches Raunen und Herumvermuten ist ein besonders schwerer Fall von kommentierendem Sofortismus, Ausdruck und Folge der Selbstverhärtung im Klischee, die auf eine irgendwie eklige Weise stets das Bescheidwissen mimt.

Angela Merkel - "Ich achte auf meine Gesundheit" Die Kanzlerin reagierte gelassen auf die Frage nach ihren mehrmaligen Zitteranfällen. Sie werde nicht jünger, sei aber gesund und wisse um die Verantwortung ihres Amtes. © Foto: Markus Schreiber

Um zu verdeutlichen, in welchem Maße die aktuelle Medienentwicklung strukturell indiskret ist und eigene Schmerzen der Sichtbarkeit erzeugt, lohnt es sich, an Franklin D. Roosevelt zu erinnern, US-Präsident in den Jahren 1933 bis 1945. Roosevelt saß im Rollstuhl, war gelähmt. Vermutlich eine Kinderlähmung, heißt es. Die Mehrheit der Amerikaner wusste zu seinen Lebzeiten jedoch nichts von dem Rollstuhl. Wie das? Roosevelt wollte es so. Und er konnte eine maximale Image- und Bildkontrolle durchsetzen. Es gibt nur drei Fotos, die ihn im Rollstuhl zeigen. Und seine Leute nahmen Journalisten im Zweifel die Kamera weg, wenn sie ihn fotografieren wollten, wie man ihn aus dem Auto heraus in den Rollstuhl hob. Manchmal montierte er sich Metallschienen an die Beine, um sich ein paar Schritte vor Publikum zu bewegen, gestützt auf einen Freund, den er als menschliche Krücke benützte.