Die kroatische Schriftstellerin und Dramatikerin Ivana Sajko polemisiert in ihrem Beitrag Heldinnen? Ja, Heldinnen bei 10 nach 8 gegen die angebliche Abwertung von Frauen aus Südosteuropa in Deutschland, die "für niedrig qualifizierte und stigmatisierte Arbeiten importiert wurden und werden". "Wir, Frauen aus Südosteuropa", fügt die Schriftstellerin hinzu, die selbst 2016 aus Kroatien nach Deutschland eingewandert ist, "wurden schon in den Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts für niedrig qualifizierte und gesellschaftlich stigmatisierte Arbeiten importiert. So sind wir in der Erinnerung eines ganzen Landes eigentlich Putzfrauen."

Es ist schon richtig. Südosteuropäerinnen, überhaupt Osteuropäerinnen, tragen durch Putz- und vor allem Pflegearbeiten, aber auch als Erntehelferinnen und Küchenhilfen gegenwärtig immens zur Stabilisierung und zum Wohlstand westeuropäischer Gesellschaften bei – auch der deutschen. Ob sie genug Anerkennung für diese sogenannten typisch weiblichen Arbeiten erhalten, lässt sich diskutieren. Care-Work, Familienarbeit, Hausarbeit machen Frauen bekanntlich schon immer auch unbezahlt, warum dann nicht auch schlecht bezahlt und für andere? Wir alle kennen Pflegefälle in unserem Umfeld, die in den vergangenen 20 Jahren zu Hause rund um die Uhr von einer unterbezahlten Polin betreut, gewaschen, gefüttert und nicht selten bis in die letzten Lebensstunden begleitet wurden. Die Alten- und Krankenpflege bräche wohl ohne die Hilfe aus dem Osten ganz zusammen, nur dass aus den Polinnen inzwischen eben Bulgarinnen oder kroatische Badantinnen (Pflegekräfte, die nach Italien gehen) geworden sind. In den vergangenen Jahren versprechen Medienberichte auch außerhalb der EU, beispielsweise in Bosnien, ausgebildeten Krankenschwestern fantastische Lohn- und Lebensbedingungen im Ausland. In dieser Woche besuchte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn den Kosovo, um Pflegekräfte anzuwerben. Arbeitsmigration als Heilsversprechen – das gibt es noch, auch wenn die Verheißungen kaum der Realität der Ankunftsländer entsprechen. Die Debatte, wie wir unsere Einwanderinnen sehen, wie wir sie wertschätzen oder nicht, haben wir noch nicht wirklich geführt.

Ich behaupte, die Wahrnehmung der Gastarbeitergeneration der Sechziger hat sich in Deutschland bereits vor geraumer Zeit verändert. Deutschland (präziser vielleicht: Westdeutschland) betrachtet heute seine damaligen Arbeitszuwanderer und die dritte, vierte, ja bald schon fünfte Generation, als integralen Bestandteil der eigenen Gesellschaft. Nur wenige fragen bei südslawischen, italienischen, griechischen oder türkischen Namen heute noch abfällig, woher die denn kommen: Sie stehen auf Bürotüren der Stadtverwaltung, in allen Bereichen der Bundespolitik, werden eingeblendet unter Tagesschau-Sprechern, unter Universitätsprofessorinnen, Journalistinnen, sind letztlich überall zu finden. Ich will die Hürden der Integration und die diskriminierende Geringschätzung auf dem Weg dorthin nicht kleinreden: Doch kaum einer sieht in den ehemaligen Gastarbeiterinnen bloß Putzfrauen; kaum eine erinnert sich an unsere Mütter als geringgeschätzte Putzkolonne.

Miranda Jakiša ist Südosteuropaexpertin, Professorin für Süd- und Ostslawische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin und seit 2019 an der Universität Wien. © privat

Meine Mutter kam im Zuge der bundesdeutschen Anwerbeverträge als Fabriknäherin 1968 aus Jugoslawien nach Deutschland. Sie hatte auch zwei der berühmt-berüchtigten Putzstellen: im katholischen Kindergarten, in den ich gesteckt wurde, und im Metallverarbeitungsbetrieb, der meinen Vater beschäftigte. Später, als sie genug Deutsch sprach, hat sie in einem Fachgeschäft viele Jahre Schuhe verkauft. Nachdem sie das Angebot ihres in Rente gehenden Chefs abgelehnt hatte, das Schuhgeschäft mit unternehmerischem Risiko als neue Eigentümerin zu übernehmen, arbeitete sie voller Engagement in einem Haushaltswarengeschäft bis zum eigenen Ruhestand.

Sie sieht sich persönlich und arbeitsbiografisch von Deutschland und den Deutschen anerkannt. In alemannischem Deutsch erzählt sie – im für die erste Generation typischen Aufstiegsnarrativ –, sie sei in Deutschland nie diskriminiert worden, man habe ihre Arbeit sehr geschätzt, und sie habe sich erfolgreich und kontinuierlich beruflich verbessert. Sie hatte in Deutschland, sagt meine Mutter, immer gute Chefs, die sie zu Weihnachtsfeiern, sogar zum privaten Kaffee und Kuchen einluden. Auf ihr Einkommen konnte sie immer stolz sein, während in ihrer Heimat Jugoslawien erst Zucker, Speiseöl und Haarshampoo ausgingen, bevor das ganze Land verschwand. Meine Mutter fühlt sich längst angekommen in den Reihen ihrer deutschen Nachbarn, von denen sie für ihren Fleiß und Aufstiegswillen respektiert wird. Zur Goldenen Hochzeit haben meine Eltern vom Ortsvorsteher der Stadt und vom Ministerpräsidenten Baden-Württembergs Glückwunschurkunden erhalten, über die sie sich sehr gefreut haben. Für meine Eltern steht lange fest: Das Beste, was ihnen biografisch geschehen konnte, war die Auswanderung nach Deutschland. Sie verstehen sich in der Erinnerung eines ganzen Landes als wertvolle Bürger und angesehene Rentner. Ich wage zu behaupten, dass das stimmt.

Während der vergangenen zwei Jahrzehnte ist es allmählich in der öffentlichen Wahrnehmung angekommen, dass die Arbeitsmigrantinnen und -migranten in Deutschland enorme Leistungen vollbracht haben. Sie haben über Jahrzehnte in die Renten- und Krankenkassen gezahlt, dabei den Müll entsorgt, Straßen und Wohnungen sauber gehalten und die unbeliebten Fließband- und Fabrikjobs übernommen, die sonst niemand so richtig wollte. Im Zuge verschiedener Anwerbewellen kamen sie aus der Armut ihrer Heimatländer nach Deutschland und waren unbestritten zunächst "Menschen ohne Heimat, die in dem Land, das sie verlassen hatten, genauso der Kritik ausgesetzt waren wie in jenem, in dem sie arbeiteten". Sie waren legale Wirtschaftsflüchtlinge, Migrantinnen mit Verträgen, gebraucht, von den Arbeitgebern sogar oft hofiert, aber darüber hinaus nicht anerkannt. Doch die "Verdammten dieser Erde", wie Ivana Sajko die Gastarbeiter pauschal mit Berufung auf Frantz Fanon in maßloser Übertreibung bezeichnet, empfinden sich selbst längst nicht (mehr) als solche. Zumindest nicht jene, die ich kenne und unter denen ich aufgewachsen bin.

Nur in der Erinnerung Kroatiens, Bosniens, Serbiens, in der Erinnerung der jugoslawischen Nachfolgestaaten gelten die Gastarbeiterinnen bis heute als bemitleidete Putzfrauen. Aus der Ferne konnten und können sich die Daheimgebliebenen weder die Arbeitsbereitschaft, den eisernen Aufstiegswillen und das zukunftsgerichtete Durchhaltevermögen dieser Jugoslawinnen erklären noch ihre allmähliche Sozialisation in den Aufnahmegesellschaften nachvollziehen. Dabei trugen die jugoslawischen Gastarbeiter, wie der Südosteuropahistoriker Ulf Brunnbauer zeigen kann, signifikant zum jugoslawischen Staatshaushalt bei, der schon bald fest mit den Devisen rechnete, die seine Diaspora regelmäßig nach Hause schickte. Das und die unzähligen mit Gastarbeitergeld gebauten Häuser und Betriebe in Bosnien, Kroatien, Nordmazedonien, Montenegro, Serbien und Slowenien sind eine Leistung der südosteuropäischen Arbeitsmigrantinnen, die bis heute nicht gewürdigt wird. Natürlich auch, weil es den Staat, der einst am meisten davon profitierte, nur noch in zersplitterter Form gibt. Die Geringschätzung zu Hause hatte damals wie heute viel mit Neid zu tun, die Geringschätzung in Deutschland mit Fremdenfeindlichkeit.