Gelassenheit, das klingt nach meditativem Lotossitz, lächelnder Sanftmut und idyllischer Friedfertigkeit. Und es stimmt ja auch: Insofern es Menschen hilft, ihr Stresslevel mittels Yoga runterzupegeln oder durch Zen-Übungen vom Arbeitsalltag abzuschalten, wäre es falsch, den gegenwärtigen Gelassenheitshype lediglich als esoterische Wohlstandsverwahrlosung der Manufactum-Mittelschicht zu verbuchen. Dennoch sollte das nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Gelassenheitsdenken auch eine dunkle Seite besitzt. Denn ganz gleich, ob man es aus seinen westlichen Wurzeln, der Stoa, oder seinen östlichen Wurzeln, allen voran dem Buddhismus, herleitet: Stets birgt dieses Denken eine Ethik, die sich buchstäblich brutal auslegen lässt. Oder zugespitzter gesagt: Gelassenheit kann auch die Grundstimmung von fanatischen Kriegern, totalitären Ideologen oder skrupellosen Turbokapitalisten sein. 

Gelassenheitskonzepte, wie sie sich im Stoizismus und Buddhismus offenbaren, sind nämlich oft mit einem geradezu soldatischen Tugendkatalog verbunden, der Seelenruhe schnell in Kaltblütigkeit verwandeln kann: Opfer- und Leidensbereitschaft, Emotionslosigkeit, Ich-Verzicht, Disziplin und Gehorsam. Nimmt man exemplarisch Senecas Text Vom glücklichen Leben, eines der wichtigsten und einflussreichsten Werke der jüngeren Stoa, strotzt dieser nur so vor militärischer Rhetorik. So marschiere die Tugend, für Seneca das höchste und unverhandelbare Gut, nicht nur "im ersten Glied" und trage dabei "das Feldabzeichen", sondern im Angesicht widriger Umstände solle die Tugend auch "wie ein guter Soldat ihre Wunden ertragen, ihre Narben zählen und, von Geschossen durchbohrt, noch im Tod den Feldherrn lieben, für den sie fällt; sie wird jene alte Vorschrift im Herzen bewahren: Folge Gott!" Denn schließlich, so fasst Seneca eine Grundformel der Stoiker zusammen, seien Letztere auf "diesen Fahneneid (…) eingeschworen worden: das, was uns als Sterblichen zukommt, zu ertragen und sich nicht durch das verwirren zu lassen, was zu vermeiden nicht in unserer Macht steht. In einem Königreich sind wir geboren: Gott gehorchen ist Freiheit."

Nun könnte man relativierend einwenden, dass derlei martialische Gehorsams- und Aushalteparolen im Kontext antiker Alltagsverhältnisse entstanden und in einen größeren philosophischen Kontext eingebunden sind, zu dem etwa auch starke Gerechtigkeits- und Fürsorgepflichten zählen. Dabei verkennt man aber, dass die mentale Militanz der Stoa auch im Denken selbst wurzelt, allem voran im Imperativ der apátheia, also der avisierten Ausschaltung der Leidenschaften. Gehört die totale Affektkontrolle, die Verachtung von Lust und Schmerz, nämlich zum Kern des Gelassenheitsdenkens, so ist das im Grundsatz ja jene Geisteshaltung, die seit jeher auch Elitesoldaten mühsam antrainiert wird.

Dieser Artikel stammt aus dem "Philosophie Magazin" Nr. 5/2019.

Transreligiöses Eskalationspotenzial

Zumal die emotionslose Austarierung der inneren Mitte in der Stoa keineswegs eine kreative Einzelleistung ist, sondern vielmehr Resultat intellektueller Gefolgschaft. Oder wie Seneca sagt: "Solange wir freilich überall umherschweifen und nicht einem Führer folgen, sondern dem Lärmen und Durcheinanderschreien von Leuten, die uns in verschiedene Richtungen rufen, wird unser Leben mit Irrtümern vertan werden." Solch soldatisches Denkertum zeigt sich nicht nur in der europäischen, sondern auch in der ostasiatischen Ideengeschichte. Dass sich der Buddhismus hinsichtlich seines gewalttätigen Eskalationspotenzials keineswegs von den anderen Weltreligionen unterscheidet, sieht man schon daran, dass es im heutigen Myanmar vor allem buddhistische Mönche sind, die mit ultranationalistischer und rassistischer Hetze Pogromstimmungen gegenüber Muslimen schüren. Eine politisch ähnlich aggressive Aufladung des Buddhismus kennt man aus dem kaiserlichen Japan, wo die religiösen Autoritäten des Zen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs oft eine gleichermaßen militaristische wie nationalistische Agenda verfolgten. Wie sehr bestimmte Elemente des Buddhismus anschlussfähig an faschistische Diskurse sind, zeigt sich exemplarisch auch daran, dass die deutschen Nationalsozialisten insgesamt zwar ein gemischtes, aber in weiten Teilen durchaus positives Verhältnis zum Buddhismus pflegten, ja bisweilen sogar auf gewisse ideologische Synergieeffekte hofften. Und dies galt für den Buddhismus im Allgemeinen und den japanischen Zen-Buddhismus im Speziellen.