Franka Lu ist eine chinesische Journalistin und Unternehmerin. Sie arbeitet in China und Deutschland. In dieser ZEIT-ONLINE-Serie berichtet sie kritisch über Leben, Kultur und Alltag in China. Um ihr berufliches und privates Umfeld zu schützen, schreibt sie unter einem Pseudonym.

Ein Café in Berlin, es ist Anfang Juni, ich komme mit einem jungen deutschen Geschäftsmann ins Gespräch. Er fragt sehr schnell nach meiner Haltung zum chinesischen Social-Credit-System. Ich bin überrascht, frage zurück, was er davon hält. Das sei ein Überwachungsstaat wie bei Orwell, sehr beängstigend, sagt er. Außerdem glaube er, dass Chinas Einfluss noch weiter wachsen werde, inklusive des Exports seiner Überwachungstechnik in die ganze Welt. "Ich weiß ein bisschen mehr über China als die meisten meiner Freunde. Keiner wird es aufhalten können. Ich kann nichts daran ändern." Den letzten Satz wiederholt der deutsche Geschäftsmann mehrfach.

Als ich in der Woche darauf einen erfahrenen deutschen Politikberater frage, was Europa unternehmen könne, um eigene Tech-Unternehmen aufzubauen, die vergleichbar nicht nur mit denen im Silicon Valley wären, sondern etwa auch mit dem chinesischen Konzern Huawei, lächelt der spöttisch: "Das wird in Europa niemals klappen." Ich frage weiter: Ob die Europäische Union vielleicht Kooperations- und Handelsbeschränkungen gegenüber China erlassen sollte, um die Weiterverbreitung chinesischer Überwachungstechnologien nicht auch noch weiter zu unterstützen? "Das ist nicht möglich … Wir müssen mit China bei so vielen globalen Themen zusammenarbeiten."

Eine zunehmend resignierte Haltung gegenüber Chinas autoritärer Hightech-Macht greift in Europa um sich, scheint mir. Es mehren sich Stimmen, die im Namen eines politischen Realismus fordern, sich mit den Gegebenheiten in China zu arrangieren, wenn nicht gar offensiv mit dem Regime zu kooperieren. Medien verbreiten das, Politkommentatoren empfehlen es und auch aus privaten Gesprächen ist mir diese Haltung längst vertraut. Alarmierend ist daran nicht so sehr, dass man im geopolitischen Zusammenhang und in der Wirtschaft nach Kompromissen und Kooperationen sucht, das ist oft nötig. Viele scheinen jedoch das Vertrauen in die Fähigkeit der Demokratien westlicher Prägung zu verlieren, genug eigene Innovationskraft und Stärke aufzubringen, um ein Gegenbild zu der dystopischen Zukunft zu liefern, die China heute schon verkörpert. Manche Leute zucken nur mit den Schultern und halten das alles für eine irrelevante Sache, die am anderen Ende der Welt geschieht. Widerstand zwecklos.

Die eine oder die andere Seite

Widerstand zwecklos – das kann man auch so formulieren, dass es angenehm neutral klingt. In einem TED-Talk hat Kerry Brown, Direktor des Lau China Instituts am King's College in London, neulich gezeigt, wie man die Situation auf diese Art wahrnehmen kann. Die Welt sei in der Rivalität zwischen "zwei außergewöhnlichen Traditionen" gefangen, "der der europäischen Aufklärung auf der einen und der Chinas auf der anderen Seite", sagte Brown. "Entweder legen wir uns auf die eine oder die andere der beiden Seiten fest – oder es gelingt uns eine Art von Mehrdeutigkeit, ein Balanceakt zwischen zwei sehr unterschiedlichen Weltsichten."

Aber geht das wirklich? Von welchen Traditionen und Weltsichten ist hier überhaupt die Rede? Und wessen Traditionen und Weltsichten sind es im Fall von China? Die der Regierung, die unter dem Label des Marxismus eine dynamische Wirtschaftsmacht und das größte Überwachungssystem der Welt managt – oder sind es die der 1,4 Milliarden Chinesen, die von Kindesbeinen an erzogen werden, sich diesem System klaglos zu fügen? Warum verwenden wir ebenso große wie unpräzise Begriffe wie Tradition, Zivilisation, Geschichte, Werte, wenn es in Wahrheit um den Widerstreit politischer Systeme geht, um Ideologien, um Machtstrukturen?

Leider wird der Rest der Welt in diesem Kampf der Systeme auf lange Sicht gar nicht die Wahl haben, es bei Mehrdeutigkeiten zu belassen oder dem Versuch, eine Balance herzustellen. Das liegt an der Natur aufsteigender Mächte: Sie erobern, sie bestimmen die Regeln, sie verlangen Anpassung. Kai Strittmatter, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, hat in seinem Buch Die Neuerfindung der Diktatur anschaulich gezeigt, wie die Kommunistische Partei Chinas unter Xi Jinping einen "Netzwerk-Totalitarismus" erschafft hat. Nur dass dieser nicht auf das eigene Territorium begrenzt ist, sondern sich über die ganze Welt ausbreitet. Um besser zu verstehen, wie die Endphase des Kampfs aussehen könnte, sollten wir uns die Strategie der chinesischen Regierung genauer ansehen.