Bei diesem Buch handelt es sich um Literatur, auch wenn Denis Scheck es in einer seiner Literatursendungen jüngst bestritten hat. Es gehört zur großen Lager- und Gefängnisliteratur wie die Bücher von Primo Levi und Alexander Solschenizyn. Und es brauchte trotzdem mehr als zehn Jahre, bis es auf Deutsch erscheinen konnte, dank des Engagements des kleinen Weidle Verlags und der Übersetzerin Larissa Bender. 

Marion Detjen ist Historikerin am Bard College Berlin und betreut dort das Stipendienprogramm für Studierende aus Kriegs- und Krisenregionen. Ihre Schwerpunkte liegen auf der europäischen Migrationsgeschichte, deutsch-deutscher Geschichte und den Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © privat

In Syrien wurde es seit seinem Erscheinen 2008 auf Arabisch (die erste Ausgabe erschien 2007 auf Französisch, weil sich zunächst kein arabischer Verlag traute) in Raubkopien von Hand zu Hand (bzw. von Handy zu Handy) weitergereicht, gilt als wichtigstes Werk der syrischen Exilliteratur und wurde während der Revolution als Metapher für den Zustand des Landes unter Assad gelesen.

Mustafa Khalifas Das Schneckenhaus ist ein kunstvoll konstruierter, autobiografisch-dokumentarischer Roman, die Geschichte eines namenlosen Mannes und Ich-Erzählers, der am Flughafen von Damaskus Anfang der Achtzigerjahre verhaftet wird und ein Martyrium im Wüstengefängnis von Tadmor durchleidet: 13 Jahre systematische und erfindungsreich betriebene Folterungen und Demütigungen durch das Assad-Regime und dessen Schergen – nicht nur die Militärpolizei, auch die Strafbataillone für besonders schmutzige Aufgaben und einfache Militärdienstleistende, die dort für eine halbjährige Ausbildung in Sadismus stationiert werden.

Die Gefangenen, so beschreibt es der Erzähler, werden zu mehreren Hundert in Zellen gepfercht. Auf dem Dach jeder Zelle steht ein Wachmann, der durch ein Loch alles, was in der Zelle vor sich geht, beobachtet. Für die Folterungen gibt es Rituale und willkürliche Anlässe: die "Willkommensparty", den Hofgang, die Essensausgabe, die Bestrafungen. Und es wird massenhaft gestorben, in den Hinrichtungen, durch Folter, Krankheit, Hunger und Wahnsinn. Das Buch legt Zeugnis ab von einem Herrschaftssystem, das den ihm unterworfenen Menschen keine Wahl lässt, als Opfer oder Täter zu sein, Gefolterte oder Folterer.

Die geschilderten Verbrechen sind aus zahlreichen anderen Quellen belegt. Das Gefängnis Tadmor wurde 2015 vom IS zerstört, über Jahrzehnte hatte das syrische Regime dort alles, was nach Opposition aussah, weggesperrt und oft zu Tode gequält. Unter Hafis al-Assad waren die Gefangenen vor allem Muslimbrüder und Linke. Sein Sohn Bashar ließ es nach seiner Machtübernahme zunächst schließen, nahm es aber 2011 wieder in Betrieb, um Aktivisten dort zu inhaftieren. Nur wenige haben Tadmor lebend verlassen. Dass in den Haftzentren des syrischen Sicherheitsapparats bis heute ähnliche Bedingungen herrschen, erschließt sich aus den Berichten von Überlebenden und Organisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch.

Wenig ist bisher übersetzt

Wie systematisch dort gefoltert und getötet wird, weiß man auch von den Bildern des ehemaligen Militärfotografen "Caesar", der im Auftrag des Regimes Tausende getötete Gefangene fotografierte, die Fotos aus dem Land schmuggelte und internationalen Strafjuristen zur Verfügung stellte. Mehr als 80.000 Menschen gelten aktuell als "verschwunden", noch immer werden Menschen verschleppt und vom Geheimdienst festgehalten. Seit kaum mehr bestritten wird, dass Assad den Krieg gewonnen hat, scheinen sich die Gefängnisse wieder zu leeren, allerdings nicht etwa durch Freilassungen und Amnestien, sondern durch Massenhinrichtungen als Teil des syrischen Genozids – der geplanten politisch und demografisch motivierten Vertreibung und Ausrottung von Bevölkerungsteilen.

Gerade der dokumentarische Charakter wird das Buch für viele zu einer Zumutung machen. Warum soll man das lesen, wenn es wirklich passiert, und man es sich gerade deshalb nicht vorstellen will? Was soll man aus Erfahrungsberichten und der Schilderung des Grauens lernen? Und wenn es schon um Politik geht – ist nicht der islamistische Terrorismus eine viel schlimmere Bedrohung? Sind die "autoritären Regime" im Mittleren Osten nicht vielleicht sogar ein notwendiges Übel, um die Minderheiten dort zu schützen? Von den Werken in der Tradition und dem Genre der Gefängniserinnerungen in der arabischen Literatur des 20. Jahrhunderts, die uns zeigen könnten, dass die staatlich legitimierten Verbrechen im Nahen Osten dem Islamismus vorgelagert sind, ist bisher fast nichts ins Deutsche übersetzt.