Der Eismann, der in der Berliner Eisdiele vor mir steht und hier wahrscheinlich "Dairy Artist" heißt, trommelt ungeduldig mit der Eiszange auf den Tresen. Ich schaue panisch auf die grotesk große Auswahl. Schokolade, Erdbeer, am Ende nimmt man dann halt Majoran-Murmeltierfett, wie immer.

Entscheidungen, das sind diese kleinen Biester, die es immer wieder schaffen, uns von einem glücklichen Leben abzuhalten. Und die gleichermaßen immer wieder dazu in der Lage sind, uns das schönste aller Leben zu versprechen. Dazu allerdings muss man sie erst einmal treffen. Je besser man im Entscheiden ist, desto schöner das eigene Leben. Desto besser schmeckt das Eis. Desto rasanter macht man Karriere. Desto glücklicher die Ehe, desto, desto, desto.

Niemals in der Geschichte der Menschheit gab es eine größere Entscheidungsfreiheit als heute – was eigentlich bizarr ist. Denn sie macht es beinahe unmöglich, eine klare Wahl zu treffen. Bei Eis mag einen höchstens noch die Auswahl überfordern, bei allen größeren Themen ist es nicht nur die hohe Anzahl vermeintlich "falscher" Entscheidungen, es ist auch die unendliche Masse an Faktoren, die es zu berücksichtigen gilt. Bei jeder Wahl, bei jeder Kaufentscheidung. Woher kommt das Produkt? Wer musste wie viel dafür leiden, Tiere, Menschen, Umwelt? Wie viel Geld darf ein Brot kosten? Was wiegt mehr, Gewissen oder Genuss oder eine Mango?

Gleichzeitig wirkt kaum etwas attraktiver als klare Entscheidungen. Gradlinigkeit ist ein Kompliment ("So ein entschiedener junger Mann, meine Güte"), Unentschiedenheit und Hadern sind es weniger. Die wenigsten Politiker werden dafür bewundert, sich einfach nicht entscheiden zu können und wie der Hase im Märchen von Hase und Igel blind hin und her zu rennen und zu verlieren.

Punk, blablabla

Denn so hehr es auch sein mag, möglichst alle Faktoren, alle Beteiligten, den Vor- und Nachteil für alle Parteien berücksichtigen zu wollen, so wenig produktiv ist diese Denkweise. Es ist auch das Dilemma, mit dem sich alle Parteien auseinandersetzen müssen. Wer sich zur Plakativität entscheidet, ist erfolgreicher, und so müde ich es bin, Trump als Beispiel heranzuziehen, so sehr ist er erfolgreiches Beispiel für diese Strategie.

Während sich linke Parteien um Kopf und Kragen diskutieren, um möglichst niemanden zurückzulassen und sich Fragen stellen müssen, ob "bisexuell" nicht eigentlich diskriminierend sei – schließlich legt man damit fest, dass es nur zwei Geschlechter gibt – sind rechtspopulistische Flügel durch eine plakative, vielleicht sogar ignorante Herangehensweise zum Aktionismus befähigt. Ignoranz ebnet den Weg. Wer Lobbyarbeit leistet, und sei es Lobbyarbeit gegen Verfremdung, ist handlungsfähiger als Parteien, die sich bemühen, unserer unordentlichen Gegenwart gerecht zu werden.

Jene Ignoranz ist ein politischer und werbetechnischer Vorteil, der den Parteien mit vermeintlich intellektuellem Anspruch abhandengekommen ist. Die Zielgruppe ist nicht mehr klar – wie auch? Nichts ist mehr klar, was wollen die eigentlich, die jungen, die armen, die reichen, die Normalo-Menschen? Und gerade große Regierungsparteien können sich den Luxus nicht erlauben, sich auf der Luftmatratze der Monothematik auszuruhen.   

Die Gegenwart, ein Tinnitus

Früher hieß Linkssein, entschieden zu sein. Dem ist nicht mehr so, das kann ich als mitteljunger Mensch bestätigen. Klarer Idealismus, auf die Straße gehen, Punk, blablabla, das funktioniert nicht mehr. Für meine Generation sind die Argumente der Gegenseite immer nur eine Google-Suche entfernt.

Das Dilemma ist uralt, der Mythos der klug-vergeistigten Denkerin im Gegensatz zum lebensbejahenden und hemdsärmeligen Typen, der die Sache "einfach mal anpackt". Das Tragische ist, dass all die Vergeistigen auf irgendwelchen Diskussionsschauplätzen hängen bleiben, während der Zupacker seine Umwelt formen und nach vorne gehen kann. Das mag den Denkern zwar missfallen, aber im Missfallen ist man ja geübt, seit Jahren schon. Und dies soll kein Intelligenzwettbewerb sein, im Gegenteil gehört wohl eine ganze Menge praktische Straßenschläue dazu, sich auf seine Motive zu konzentrieren und das Hintergrundsummen der Gegenwart damit einfach zu überhören.

Die Gegenwart: ein Tinnitus, der nur manche befällt, und der zur Handlungsunfähigkeit zwingt. Befreien kann man sich davon wahrscheinlich nur selbst, nicht durch Ignoranz oder gar Dummheit, aber mit der inneren Stärke, einzelne Faktoren bewusst für den größeren Zweck unter den Tisch fallen zu lassen. Vielleicht muss man, rein um der Sache halber, auch die hartnäckigen kleinen Zweifler im Hinterkopf ignorieren, selbst, wenn sie recht haben könnten. Der Konjunktiv mag Glück versprechen, aber nur der Indikativ kann es einlösen.

Und meistens braucht es dafür eine Portion Mut. Dann nimmt man eben mal nicht wie jedes Mal Majoran-Murmeltier-Eis. Sondern ist ganz ruhig und bestellt mit sehr entschiedener Stimme: zwei Kugeln Schokolade. Richtig crazy. Obwohl man es bereuen könnte.