Wer spricht für das Klima, wer für das Wasser, die Tiere, die Bäume, den Hunger? Wer spricht für die Minenarbeiter, die Kleinbauer, die Arbeitsmigranten? So ungefähr lautete die Frage, die einer der wichtigsten europäischen Theatermacher vor zwei Jahren in seiner Arbeit General Assembly in der Berliner Schaubühne stellte.

Der Schweizer Dramatiker und Regisseur Milo Rau rief ein fiktives Weltparlament ins Leben. Die Idee war es, den Unterrepräsentierten und Nichtgehörten sprichwörtlich die Bühne zu überlassen. Zehra Khan nahm die Einladung an. Sie ist Generalsekretärin der Homebased Womens Workers Federation, die in Pakistan informell Beschäftigte in Textil- und anderen Unternehmen organisiert. Sie ist außerdem die Sprecherin der Überlebenden der abgebrannten Textilfabrik Ali Enterprises. Ein anderer Sprecher war Cian Westmoreland, ein ehemaliger Drohneningenieur der Ramstein Air Base, der die Kommunikationsstruktur mitentwickelte, die dem Drohnenprogramm in Afghanistan zugrunde liegt. Insgesamt 60 Vertreter sprachen als Abgeordnete stellvertretend für marginalisierte Menschen oder Themen. Sie bildeten eine beeindruckend quantitativ große Gruppe ohne politisches Mitspracherecht ab. Nach drei Tagen Debatte verabschiedete die Generalversammlung ihre Charta für das 21. Jahrhundert.

Indem dieses Weltparlament (die Veranstaltung ist online) erstmals miteinander tagte, verstand man die Struktur, die allen Regierungen und im Parlament vertretenen Parteien zugrunde liegt. Sie sind keine Interessensvertreter für übergeordnete Menschen-, Tier- und Naturrechte. Einer der Gründe dafür ist, dass das den ökonomischen Interessen der Länder, egal ob reiche Industrienation oder armes Schwellenland, diametral gegenübersteht. Regierungen und Parteien sprechen für den Dax oder die Arbeitsplätze, die Wohnungseigentümer oder Landwirte. Sie sprechen für das Kapital, das Geld, die Banken. Auch linke und ökologische Parteien sprechen nie im Sinne eines übergeordneten Rechtes, wie das bei den Menschenrechten der Fall sein müsste. Das Ziel ist nie Solidarität mit allen Menschen, sondern nur mit bestimmten Menschen.  

Sie fliehen leise, sie sterben leise

Wenn man die Frage der fehlenden Sprecher einmal verinnerlicht hat, sieht man den Deutschen Bundestag oder das Europäische Parlament mit anderen Augen. Und fragt sich: Wer im Reichstag spricht für die Opfer in den Flüchtlingslagern? Wer für die Toten im Mittelmeer? Wer spricht für die Millionen Menschen in diesem Land, die auch nach Jahrzehnten trotz Steuern und Abgaben weder die Staatsangehörigkeit noch ein Wahlrecht bekommen? Die Liste der fehlenden politischen Repräsentanten ist lang. Schon jetzt sind im Bundestag Politiker einiger weniger mächtiger sozioökonomischer und ethnischer Milieus vertreten, die mit ihrer Politik über das Leben von Menschen befinden, die am politischen Prozess nicht teilhaben dürfen.

Milo Raus' Theaterarbeit fällt einem einerseits wegen der Ereignisse um die Seenotretterin Carola Rackete ein, aber auch wegen der aktuellen Nachricht von der Bombardierung eines libyschen Flüchtlingslagers mit vielen Toten und Verletzten, und weil es trotzdem die vielen selbsternannten Sprecher für die europäische Grenzpolitik gibt. Unter ihnen ist aber niemand, der einem entweder durch Expertise oder persönliche Betroffenheit legitim erscheint, darüber zu befinden, ob ein afrikanischer Binnenmigrant gefangen in einem libyschen Lager das Leid auszusitzen habe. Es sei noch einmal daran erinnert, dass das Auswärtige Amt die libyschen Flüchtlingslager, aus denen die Inhaftierten über das Mittelmeer fliehen, mit Konzentrationslagern verglich.

Wer vertritt die Flüchtlinge aus diesen Lagern? Wer sind die offiziellen oder inoffiziellen Sprecher? Für eine Politik, die teuer und ineffektiv ist und als einziges Ziel die Exklusion von Flüchtlingen definiert, gibt es jede Menge vehemente Verteidiger. Es sind aber nicht deren Kinder, die verhungern und nicht ihre Angehörigen, die schwerster Folter ausgesetzt sind. Die Jahresberichte des UNHCR werden regelmäßig veröffentlicht und ignoriert. 

Wer spricht also für die Frauen, Männer, Jungen und Mädchen, die sexuelle Folter erleiden? Wer spricht für einen Mann, der Verbrennungen oder das Abtrennen seiner Genitalien erlitt? Wer spricht für ein Geschwisterpaar, wo der Bruder gezwungen wird, die Schwester zu vergewaltigen?

Es finden sich jede Menge Sprecher für die Außengrenzen der EU, für das Recht in Ruhe Strandurlaub inklusive Bademeister mit DLRG-Ausbildung machen zu dürfen, es finden sich Sprecher für eine Migrationspolitik, die enorme Energien verplempert und nichts außer – von europäischem Geld alimentiert – barbarische Zustände in den libyschen Lagern schafft. Über 60 Millionen Menschen weltweit sind auf der Flucht. Etwas über 5 Millionen sind in Europa gelandet. Der geringste Teil von ihnen wird integriert.

Überall Freizeitkapitäne mit WLAN

Diese 60 Millionen haben keine Vertretung, keine Sprecher, keine politische Organisation, keine Partei, sie sitzen an keinem Verhandlungstisch, sie haben kein Mandat. Und doch vermisst niemand ihre Stimme. Sie werden nicht in den Talkshows vermisst, nicht in den Zeitungen, nicht an den politischen Verhandlungstischen, nicht in den Parlamenten. Sie fliehen leise, sie sterben leise.

Das alles geschieht in einem Raum, der zum Bersten gefüllt ist mit Freizeitseerechtlern und Migrationsexperten, deren wichtigste Instrumente die Fernbedienung und der WLAN-Router sind. Sie sind viele, und sie sind sehr laut.    

Milo Raus' Theatercharta erinnerte in seiner Schlussnote an das Hannah Arendt’sche Wort "von dem Recht auf Rechte" und rief zum "gemeinsamen Widerstand gegen das öffentliche Unglück und die Verderbtheit der Regierungen" auf. Das ist theatralisch, klar. Aber die da sprachen, waren Betroffene, Experten, Kenner und Opfer. Was aber legitimiert das Sprechen und Handeln der Verantwortlichen für die Toten in den Lagern und auf dem Mittelmeer? Wodurch wird die in unzähligen Variationen vom Parlament, Schreibtisch oder der Straße gerufene "Absaufen, absaufen"- Forderung der Freizeitgrenzschützer und Hobbynautiker legitimiert? Sie nehmen sich das Recht, über die Rechtlosen zu urteilen.