Wir brauchen Stoff und nehmen das eigene Leben – Seite 1

"Vermeide das Passiv", heißt eine wichtige journalistische Regel. "Der Bericht wurde durchgesehen und es wurde festgestellt, dass Fehler gemacht wurden", sagt etwas anders als: "Ich habe den Bericht durchgesehen und festgestellt, dass ich Fehler gemacht habe." Aktiv formulierte Sätze benennen die Akteure, die Verantwortlichen, die sich hinter dem Passiv so gern mal verstecken, das ist der eine Sinn der journalistischen Regel. Der andere ist, dass aktive Sätze einfach besser klingen, weil wir Texte so lesen, wie wir Filme schauen – wir wollen Bewegung, dass etwas geschieht oder jemand etwas tut.

Andrea Roedig, geboren in Düsseldorf, lebt als freie Publizistin in Wien und ist Mitherausgeberin der Literatur- und Essayzeitschrift "Wespennest". Von 2001 bis 2006 leitete sie in Berlin die Kulturredaktion der Wochenzeitung "Freitag". 2015 erschien ihr Buch "Bestandsaufnahme Kopfarbeit" (zusammen mit Sandra Lehmann) im Klever Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Alexandra Grill

Wissenschaftler*innen stöhnen bei dieser journalistischen Regel, denn sie baden geradezu im Passiv und dürfen in wissenschaftlichen Arbeiten nicht "ich" sagen, zu subjektiv. Stattdessen kommt dann ein verbogenes "In dieser Forschung wird gezeigt" heraus oder "die Literatur wurde durchgesehen". Doch von solchen Ausnahmen abgesehen, ist das Ich in Texten heute ziemlich hoffähig geworden, und man kann die vielen textuellen Selfies, die seit spätestens den Achtzigerjahren die Welt bevölkern, für ein Zeichen von Demokratisierung halten – oder wohlfeil einen grassierenden Narzissmus diagnostizieren.

Die Sache mit dem textuellen Ich ist aber komplizierter. Schreiben ist Entäußerung. Die Sprache, die ja nie etwas Privates ist, wirkt als Formierung, durch die sich das Ich, einmal hindurchgegangen, verändert und objektiviert. Schreiben ist ein Bedürfnis, ein Spiegel, ein Medium der Reflexion auf sich. Umgekehrt gibt das schreibende Ich der Sprache eine persönliche Färbung, es formt sie seinerseits. Diesen quasi dialektischen Prozess zwischen Ich und Text öffentlich zu machen, ihn auch zur Schau zu stellen, ist nicht schlecht.

Knausgårdisch werden

Aber wie weit gehen wir dabei? Es ist ja etwas anderes, ob ich ein beliebiges Thema durch meinen persönlichen Blick filtere oder selbst zum Gegenstand des Textes werde. Was tun wir eigentlich, frage ich mich, wenn wir in Blogs, Kolumnen, Kommentaren über unsere Schwangerschaften, das Muttersein, unser Verhältnis zu Geld oder das zu den Eltern, unsere sexuellen Vorlieben sprechen – also richtiggehend autobiografisch werden, um eine Meinung zu begründen, eine These zu entwickeln?

Schriftsteller*innen haben immer schon ihr Leben und das ihrer Nächsten maßlos ausgebeutet – woher sonst soll der Stoff denn auch kommen –, jetzt aber geschieht das unter dem Vorzeichen eines völlig nackten Ichs. Maxim Biller, ein notorischer Enthüller, rief schon 2011 euphorisch eine neue "Ichzeit" der Literatur aus, wobei es ihm weniger um Authentizität ging (die nehmen wir dem Ich ja umso weniger ab, je mehr es "ich" sagt), sondern um Intensität. "Warum sollen wir in unseren Büchern auf Balzac machen, statt auf Britney Spears, und zwar auf die, die sich gerade für die ganze Welt eine Verzweiflungsglatze schneiden lässt?", fragt Biller. Für ihn und viele der Kolleg*innen ist das Fiktionale leergelaufen. "Die Zeit, in der Geschichten als großartige Romane geschrieben werden konnten, ist vorbei", meint etwa Sheila Heti, Autorin von Motherhood, daher werde Literatur autofiktional und knausgårdisch. Wir brauchen Stoff und nehmen das eigene Leben.

Immer auf der Kippe zur Belanglosigkeit

Dass das schreibende Ich so groß wird – oder so klein, wie man's nimmt – liegt natürlich an den veränderten Produktionsbedingungen. Niemand wird Autor*in, der*die sich nicht ein bisschen geschmeichelt fühlt, den eigenen Namen gedruckt zu sehen. Gleichzeitig geht diese Sichtbarkeit mit einer gewissen Scham, zumindest einer Beschämbarkeit einher – das ist das Risiko. Solange "gedruckt" sich auf Printmedien bezog, war die Rückkopplung jedoch nicht direkt, sondern abgefedert durch eine Manuskript-Buch-Schranke. Digital geht alles ganz schnell, das Internet ist Unmittelbarkeit pur, es macht die Texte sichtbarer, haltbarer, auffindbarer und gleichzeitig flüchtiger. Produktions- und Rezeptionsmittel sind identisch, der eigene Schreibtisch und die Welt da draußen ein Gerät. Eigentlich müsste das Ich sich jetzt besonders schützen, aber stattdessen, im wilden Spiel des Zeitdrucks und der Konkurrenz, macht es sich immer weiter auf. Text muss her und in gewissem Sinn ist es einfach, über sich zu schreiben, wenn auch nicht unbedingt leicht. Der Stoff jedenfalls ist da, er bedarf kaum der Recherche, wer über sich schreibt, muss noch nicht mal googeln. Der Lohn ist Cash und/oder kulturelles Kapital.

Ein Freund machte mich neulich auf ein Phänomen bei der Plattform Flickr aufmerksam. Es gibt da eine Reihe von richtig guten Amateurfotografinnen, die semipornografische Selbstporträts ins Netz stellen: Nackt oder wenig bekleidet werfen sie sich in Pose, zeigen den schönen Körper, aber ihre Gesichter bleiben meist verdeckt. Man spürt ihre Lust am Angeschautwerden und natürlich die Aufregung bei den Betrachtern (meinem Freund etwa) über die hochwertige Gratis-Animation. Mir scheinen diese Exhibitionen ähnlich und doch das genaue Gegenteil von dem zu sein, was wir Kolumnenschreiberinnen tun. Wir halten den Kopf hin, zeigen ein Gesicht, das auf ganz andere Weise wiedererkennbar ist als der nackte Körper. Im Vergleich zum Schreiben übers Ich hat die pornografische Selbstausstellung im Bild fast etwas Erleichterndes. Sex ja, aber ohne Küssen.

Gibt es einen Burn-out-Schutz fürs arme Ich? Es geht nicht ohne. Immer auf der Kippe zur Belanglosigkeit des bloß Privaten – wen soll das interessieren? – gibt der persönliche Einsatz, das intime Detail, dem Text oft erst die Tiefe. Im angeblich typisch Weiblichen des Ichs, das immer als "zu subjektiv" betrachtet wurde, liegt der Sprengstoff jener Geschichten, die nur politisch werden können, wenn sie öffentlich sind. #MeToo ist da das beste Beispiel.

Doch das hat seinen Preis. Es ist heikel im eigenen Ich wie in einem Bergwerk herumzugraben, um das, was da drinsteckt, ans Licht zu ziehen. Gerade unter digitalen Bedingungen kann das Persönliche auf elend falsche Weise intim gelesen werden – Futter für missgünstige Voyeure. "Wenn du nicht schreiben willst, halt doch die Klappe, dumme Sau." Ich sehe sie schon vor mir, die Kommentare der Trolle unterm Text, zur Hälfte gelöscht mit dem Hinweis "bitte sachlich", die tun, als machten wir das hier zum Spaß, und die 99 Prozent vom Text ignorieren, um sich auf einen Satz zu stürzen, den sie genüsslich zerfleischen. (Nein, nicht in der Autor*innenzeile, im Nickname unterm Text, sitzt der wahre Narzisst.)

Text ist Arbeit, Text ist verletzlich. Der Ich-Text braucht Schutz, und er braucht Zeit. Das beste Ich ist eines, das sich im Text so weit vergessen kann, dass es seiner selbst "quit" wird, wie Meister Eckhart sagen würde. Und "quit" des Publikums. Denn entgegen aller journalistischen Weisheit ist der gute Text einer, der sich um die Zielgruppe nicht schert, weil er eben innerlich ist, nicht äußerlich. Mir scheint allerdings, dass sich da gerade etwas verändert: an der Dialektik von Innen und Außen, an der Bedeutung des Schreibens, an dem, was politisch ist, am Ich. Aber der Text muss her – muss fertig werden. Was also macht die Kolumnistin im Sommerloch? Na klar, sie schreibt einfach über(s)ich.