Dass das schreibende Ich so groß wird – oder so klein, wie man's nimmt – liegt natürlich an den veränderten Produktionsbedingungen. Niemand wird Autor*in, der*die sich nicht ein bisschen geschmeichelt fühlt, den eigenen Namen gedruckt zu sehen. Gleichzeitig geht diese Sichtbarkeit mit einer gewissen Scham, zumindest einer Beschämbarkeit einher – das ist das Risiko. Solange "gedruckt" sich auf Printmedien bezog, war die Rückkopplung jedoch nicht direkt, sondern abgefedert durch eine Manuskript-Buch-Schranke. Digital geht alles ganz schnell, das Internet ist Unmittelbarkeit pur, es macht die Texte sichtbarer, haltbarer, auffindbarer und gleichzeitig flüchtiger. Produktions- und Rezeptionsmittel sind identisch, der eigene Schreibtisch und die Welt da draußen ein Gerät. Eigentlich müsste das Ich sich jetzt besonders schützen, aber stattdessen, im wilden Spiel des Zeitdrucks und der Konkurrenz, macht es sich immer weiter auf. Text muss her und in gewissem Sinn ist es einfach, über sich zu schreiben, wenn auch nicht unbedingt leicht. Der Stoff jedenfalls ist da, er bedarf kaum der Recherche, wer über sich schreibt, muss noch nicht mal googeln. Der Lohn ist Cash und/oder kulturelles Kapital.

Ein Freund machte mich neulich auf ein Phänomen bei der Plattform Flickr aufmerksam. Es gibt da eine Reihe von richtig guten Amateurfotografinnen, die semipornografische Selbstporträts ins Netz stellen: Nackt oder wenig bekleidet werfen sie sich in Pose, zeigen den schönen Körper, aber ihre Gesichter bleiben meist verdeckt. Man spürt ihre Lust am Angeschautwerden und natürlich die Aufregung bei den Betrachtern (meinem Freund etwa) über die hochwertige Gratis-Animation. Mir scheinen diese Exhibitionen ähnlich und doch das genaue Gegenteil von dem zu sein, was wir Kolumnenschreiberinnen tun. Wir halten den Kopf hin, zeigen ein Gesicht, das auf ganz andere Weise wiedererkennbar ist als der nackte Körper. Im Vergleich zum Schreiben übers Ich hat die pornografische Selbstausstellung im Bild fast etwas Erleichterndes. Sex ja, aber ohne Küssen.

Gibt es einen Burn-out-Schutz fürs arme Ich? Es geht nicht ohne. Immer auf der Kippe zur Belanglosigkeit des bloß Privaten – wen soll das interessieren? – gibt der persönliche Einsatz, das intime Detail, dem Text oft erst die Tiefe. Im angeblich typisch Weiblichen des Ichs, das immer als "zu subjektiv" betrachtet wurde, liegt der Sprengstoff jener Geschichten, die nur politisch werden können, wenn sie öffentlich sind. #MeToo ist da das beste Beispiel.

Doch das hat seinen Preis. Es ist heikel im eigenen Ich wie in einem Bergwerk herumzugraben, um das, was da drinsteckt, ans Licht zu ziehen. Gerade unter digitalen Bedingungen kann das Persönliche auf elend falsche Weise intim gelesen werden – Futter für missgünstige Voyeure. "Wenn du nicht schreiben willst, halt doch die Klappe, dumme Sau." Ich sehe sie schon vor mir, die Kommentare der Trolle unterm Text, zur Hälfte gelöscht mit dem Hinweis "bitte sachlich", die tun, als machten wir das hier zum Spaß, und die 99 Prozent vom Text ignorieren, um sich auf einen Satz zu stürzen, den sie genüsslich zerfleischen. (Nein, nicht in der Autor*innenzeile, im Nickname unterm Text, sitzt der wahre Narzisst.)

Text ist Arbeit, Text ist verletzlich. Der Ich-Text braucht Schutz, und er braucht Zeit. Das beste Ich ist eines, das sich im Text so weit vergessen kann, dass es seiner selbst "quit" wird, wie Meister Eckhart sagen würde. Und "quit" des Publikums. Denn entgegen aller journalistischen Weisheit ist der gute Text einer, der sich um die Zielgruppe nicht schert, weil er eben innerlich ist, nicht äußerlich. Mir scheint allerdings, dass sich da gerade etwas verändert: an der Dialektik von Innen und Außen, an der Bedeutung des Schreibens, an dem, was politisch ist, am Ich. Aber der Text muss her – muss fertig werden. Was also macht die Kolumnistin im Sommerloch? Na klar, sie schreibt einfach über(s)ich.