Wieder einmal geht ein Poltergeist durch die deutschen Medien. Er hört auf den Namen Identität und scheint ein ausgesprochener Unruhestifter zu sein. Romane, so war vergangene Woche von Mariam Lau in der ZEIT zu lesen, müssten auf sein Betreiben hin umgeschrieben, gewisse Wörter vermieden und Gedichte von Hauswänden entfernt werden – und manch cis-geschlechtlicher, heterosexueller weißer Person würde gar der Zutritt zu dem einen oder anderen Raum verwehrt. In diesen Safe Spaces zähle dann nur noch, wer spricht und nicht mehr, was gesagt werde, mit dem Ziel, alle möglichst gleich unglücklich zu machen. Dass Identität Bullshit sei, weil sie sowieso nicht existiere, schreiben Rebekka Reinhard und Thomas Vašek auf ZEIT ONLINE, die folgerichtig mit großer Geste fordern, diesen nutzlosen Begriff gleich ganz zu entsorgen.

Sabine Hark ist Soziolog_in und Professor_in für Geschlechterforschung an der TU Berlin. Sie bloggt unter blog.feministische-studien.de. Sie ist außerdem Gastautor_in von "10 nach 8". © privat

Diejenigen unter uns, die schon länger über Identitätsfragen nachdenken, wundern sich. Schließlich begleitet die kritische Analyse der Herkunft, Gestalt und Funktion von Identität das, was heute Identitätspolitik genannt wird, so lange es identitätsbasierte Politiken gibt. "Ain't I a woman?" fragte die befreite Sklavin Sojourner Truth schon 1851 ihre weißen feministischen Mitstreiterinnen und forderte sie auf, sich auch für die Rechte schwarzer Frauen einzusetzen. Feministische Denkerinnen legten das Märtyrerinnenmotiv in feministischen Identitätspolitiken frei, befragten Grenzen lesbischer Identitäten, rekonstruierten die ausschließenden Effekte von Benennungspraktiken und folgten in kritischer Absicht den in Dogmatismus triftenden Moralisierungen in emanzipatorischen Politiken. Identitäten machen Ärger, in der Tat.

Nichts davon findet sich in dem neuerlichen Räsonieren über irgendwie linke, besonders antirassistische und queere Identitätspolitik. Stattdessen wird dieser ein blinder, Aufklärung bloß simulierender, Spiegel vorgehalten und einmal mehr durchgekaute Klischees wiederholt und philosophische Plattitüden, wie die Forderung "Menschen statt Identitäten", feilgeboten. "Kennst du einen Anti-Identitätspolitik-Essay, kennst du alle", kommentierte die Journalistin Jana Hensel auf Twitter.

Dass Identität nicht existiert, keine Sache des Wesens, sondern der Positionierung ist, wie der Kultursoziologe Stuart Hall in seinen im vergangenen Jahr postum erschienenen Vorlesungen Das verhängnisvolle Dreieck. Rasse, Ethnie, Nation ausführt, gehört indes zum Kernbestand des Wissens der von Lau und Reinhard/Vašek gleichermaßen geschmähten Theorie, ob diese sich nun in den Gender und Postcolonial Studies oder ganz allgemein in den Geisteswissenschaften findet. Wenn aber Identität gerade nicht eine Sache des Wesens ist und ohnehin nie nur eine Sache, sondern stets offen und im Werden befindlich, letztlich eine Sache des Erzählens, gibt es immer Identitätspolitik, das heißt eine Politik der Position und der Positionalität. Identitäten, mit anderen Worten, sind das Ergebnis von Erzählungen, mit denen Individuen und Kollektive sich politisch, historisch und kulturell verorten – und, vielleicht mehr noch, verortet werden. Auf ein So sein, verwiesen durch Herrschaft: das Weibliche, der Schwule, die Deutschen. Identitätspolitik meint also zunächst nicht mehr, aber auch nicht weniger als das: Wir müssen uns erzählen, um wirklich zu werden und wir werden erzählt, ob wir wollen oder nicht, ob wir es wissen oder nicht, ob wir die Erzählung mögen oder nicht. Identitäten werden nicht ausgedrückt, sondern formuliert, sagt die Philosophin Seyla Benhabib.