Vielleicht liegt in dieser diskursiven Ruhe eine Chance, um die aktuell verfahrene Debatte noch einmal in andere Bahnen zu lenken. Momentan ist da eine Naturwissenschaft, die Erkenntnisse liefert, welche von einer kritischen Masse der Weltbevölkerung und Staatschefs nicht entscheidend anerkannt werden. Selbst die letzte Ausgabe der chronisch zukunftsoptimistischen Ted-Konferenzen in Edinburgh ließ laut Süddeutscher Zeitung die Zuhörer mit der Überlegung allein, "ob denn all die späten Lösungen nicht sowieso an der Erosion der Demokratie scheitern werden". Neben den Wissenschaftlerinnen gibt es einen von Greta Thunberg mit Bedacht emotionalisierten Protest, der sich auf die wissenschaftliche Evidenz beruft. Dessen Wirkung ist nicht hoch genug zu schätzen, weil er das abstrakte Thema greifbar gemacht hat. Zugleich wird er aber angreifbarer, je emotionaler er wird – und je ähnlicher seine Narrative den Katastrophenszenarien aus Film und Literatur sind.

Wenn nun das nächste Mal #Klimahysterie bei Twitter trendet, ließe sich sagen: Nein, nein, die Anerkenntnis des Klimawandels und seiner absehbaren negativen Folgen ist mitnichten hysterisch. Sie bedeutet nur, nicht Teil eines kollektiven Verdrängungsprozesses zu sein. Man muss auch nicht panisch sein wie Greta Thunberg. Wenn die Gewissheit des eigenen Todes und die Wahrscheinlichkeit unschöner Todesumstände Panik erzeugen würden, wäre Panik ja – paradoxerweise – ein menschlicher Normalzustand, zumindest ab Mitte 30 oder so. Man muss auch, um das einmal semantisch präzise zu fassen, weder an das Ende der Welt noch zwingend an das Ende der Menschheit glauben. Salopp gesprochen: Irgendein Prepper-Kollektiv wird schon überleben und sich durch postapokalyptische Fiktionen perfekt vorbereitet wissen auf die Umstände, unter welchen es dann, zu seinem Unglück, existieren muss.

Klima versus Demokratie

Es ist aber eine legitime Lesart der Geschichte, die Katastrophe dieser Zivilisation als längst passiert zu begreifen. Sie gründet dabei auch in der Unaussetzbarkeit von zähen Aushandlungsprozessen und (objektiv kurzsichtigen) Interessensabwägungen in modernen Gesellschaften. Die weltweite Umsetzung lästiger Klimaschutzmaßnahmen wäre just in den Neunzigerjahren, als ein entscheidender Effekt noch realistischer erschien, unmöglich gewesen, da dem aus Sicherheitsgefühl und Zukunftsoptimismus gespeisten Zeitgeist am "Ende der Geschichte" nicht vermittelbar. Diese Maßnahmen wären aber zur langfristigen Rettung genau dieser Gesellschaften mit ihren Aushandlungsprozessen und Abwägungen wohl nötig gewesen.

Man könnte diese unsere Katastrophe nun irgendwie utilitaristisch verrechnen mit den vielen tollen Gegebenheiten des Status quo, der Lebensspanne der westdeutschen Nachkriegsgenerationen in Frieden, Freiheit und Wohlstand etwa und nicht zuletzt der deutschen Gegenwart, die natürlich – mit ihren schönen Seiten, Annehmlichkeiten und Angeregtheiten – nur zu diesem Zeitpunkt auf diesem Planeten denkbar ist. Doch würde dies den Rahmen dieses Textes ebenso sprengen wie eine noch grundsätzlichere Auseinandersetzung mit der Frage, ob auch demokratische Errungenschaften einer ökologisch autoritär betriebenen Bewahrung basaler Lebensbedingungen geopfert werden sollten – oder umgekehrt Klimaziele den schwierigen Aushandlungsprozessen.

Leider oder zum Glück stellen sich diese Fragen auf absehbare Sicht auch gar nicht in einer Welt der Trumps und deutschen Autofahrerinnen. Daher reicht vorerst die Erkenntnis: Wer für sich und künftige Generationen das große Ganze retten will, wäre schneller desillusioniert, als eine kommende grün-schwarze Bundesregierung "Am Kohleausstieg bis 2038 halten wir fest" in ihren Koalitionsvertrag schreiben kann.

Ein Aufschub für das Wunder

Die Folge ist so klar wie traurig und befreiend zugleich: Jedes Mitglied dieser Gesellschaft kann – zumindest, wenn es den Ausgleich zwischen seinen und anderen Interessen als notwendig akzeptiert – Klimaschützerin zunächst nur für sich selbst sein. Denn Klimaschutz kann nur aus einer grundlegenden Motivation heraus geschehen wie etwa dem Respekt vor der Schöpfung, den eigenen Kindern oder schlicht der Idee, kein gewissenloses Arschloch zu sein. Er ist verloren oder wird notwendig terroristisch, wenn er mit allen Mitteln zu verhindern sucht, was doch seine Gewissheit ist, so überheblich sie auch klingt: Als erste Generation der Menschheitsgeschichte können die jetzt Lebenden – auch aufgrund ihres immensen Wissens – realistisch damit rechnen, dass ihr eigenes Ende mit einem Ende oder radikalen Bruch dieser Geschichte zu tun hat.

Das heißt nun überhaupt nicht, dass Klimaschutz nur ein privates Exerzitium sein soll. Natürlich lässt sich diskutieren, konfrontieren, auch moralisch verurteilen. Vielleicht aber können mit der hier hergeleiteten relativen Coolness Menschen mobilisiert werden, die – auch aus Gründen der Erzählgeschichte – immun sind gegen die appellative Beschwörung von Weltuntergangsbildern. Vielleicht gelingt genau auf diese Weise ein Aufschub für das Wunder, das – auch davon künden die großen Erzählungen – immer noch kommen kann.

Dem momentan verbreiteten Argument, "Was soll es denn bringen, wenn wir hier in Deutschland etwas ändern", lässt sich in jedem Fall umso besser begegnen, je weniger die eigene Urmotivation die Rettung des großen Ganzen ist, sondern das Handeln nach einer Maxime, von der man eben wollen würde, dass sie im großen Ganzen zur Rettung beiträgt. Kants solchermaßen abgewandelter kategorischer Imperativ stand am Anfang der säkularen Denkgeschichte, als eine Art Auftakt zur kritischen Selbstbeobachtung des vernunftbegabten Wesens. Nun könnte er seine Ultima Ratio sein: als letzter Anker der im kantischen Sinn Vernünftigen, als Immunisierung gegen die Egoisten, Zynikerinnen und Scheinvernünftigen, die glauben, die halbgekrümmte Erde sei in irgendeiner Weise realistisch.

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