Die Meldung ist einigermaßen schockierend: Frau bringt die "falschen" Babys zur Welt. In dem Artikel ist von einer "traumatischen" Entdeckung die Rede, die die Frau und ihr Mann nach der Geburt gemacht hätten. Die Zwillinge, die die Frau geboren hatte, sahen den beiden gar nicht ähnlich. Sie waren "eindeutig nicht asiatischer Herkunft" wie die Mutter.

Offenbar waren der Frau im Rahmen ihrer Kinderwunschbehandlung andere Embryonen in die Gebärmutter eingesetzt worden als diejenigen, die aus ihren Eizellen und dem Sperma ihres Mannes gezeugt worden waren. Keine Frage: Das ist maximal ärgerlich. Aber wenn man bedenkt, wie viele In-vitro-Babys inzwischen gezeugt werden – nach Angaben der European Society of Human Reproduction and Embryology waren es zwischen 1978 und 2018 mehr als acht Millionen – ist es eigentlich kein Wunder, dass dabei hin und wieder auch Fehler passieren. So ist das eben: Menschen sind fehlbar, Technologie ist es auch.

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der politischen Ideengeschichte von Frauen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Laurent Burst

Ist es aber gleich eine "traumatische" Erfahrung, Kinder zu bekommen, die nicht die genetisch eigenen sind? Also eine sehr starke seelische Verletzung, vergleichbar mit Kriegserlebnissen, Vergewaltigungen, Folter oder Lagerhaft? Die Betroffenen empfinden das wahrscheinlich so. "Eigene" Kinder zu haben, stellt in unserer Kultur einen extrem hohen Wert dar. Viele Menschen machen alles dafür, nehmen hohe finanzielle und zeitliche Belastungen in Kauf. Und diejenigen, die schwanger werden möchten, zusätzlich auch körperliche Risiken, etwa durch die notwendigen Hormonbehandlungen. Das Paar in dem oben zitierten Artikel soll 100.000 US-Dollar in die Schwangerschaft "investiert" haben. Entsprechend hoch ist die Fallhöhe, wenn es nicht klappt oder wenn etwas schiefgeht.

Aber warum wird das Kinderhaben überhaupt so eng mit der Biologie verknüpft? Adoptiveltern sind ihren Kindern gegenüber doch genauso zugewandt und aufmerksam. Adoptivkinder entwickeln sich potenziell genauso nett, klug und hübsch wie "eigene". Dass Elternschaft keineswegs an Gene geknüpft sein muss, beweisen auch die vielen homosexuellen Eltern, die sich ganz genauso liebevoll um ihren Nachwuchs kümmern, obwohl sie wissen, dass eine dritte Person an der Zeugung beteiligt war. Und: Sollten in einer zivilisierten Kultur nicht sowieso alle Kinder das Recht auf die Fürsorge von Erwachsenen und gleiche Chancen haben, auch dann, wenn ihre "eigenen" Eltern sich nicht um sie kümmern können oder möchten?

Elternschaft beweist sich durch alltägliches Tun, nicht durch Gene. Eine Familie entsteht durch füreinander da sein, nicht durch biologische Verwandtschaft. Außer natürlich, man macht ein Gesetz, in dem etwas anderes steht: "Mater semper certa est" – "Die Mutter ist immer sicher" – diesen Rechtssatz führten die antiken Römer ein, und er prägt bis heute auch das deutsche Familienrecht. Mit diesem Prinzip wird die soziale Funktion der Elternschaft ("Mutter") an eine biologische Eindeutigkeit ("Gebärende") geknüpft. "Mater semper certa est" hält also nicht bloß die banale Beobachtung fest, dass man weiß, wer ein Kind geboren hat – das ist offensichtlich, dafür braucht man kein Gesetz. Sondern dieser Rechtsgrundsatz definiert eine soziale Verantwortung: Die Person, deren Anteil an der Entstehung eines Kindes sicher ist (weil sie es geboren hat), ist die Mutter dieses Kindes.

Die Maxime, dass in erster Linie und vor allem diejenigen für die Versorgung von Kindern zuständig sind, die sie geboren haben, hatte über Jahrhunderte hinweg zur Folge, dass Frauen diskriminiert, unterdrückt und aus den öffentlichen Institutionen ausgeschlossen wurden. Ihre Mütterlichkeit, so hieß es, mache sie zu emotional für die Politik und zu irrational für die Universität. Heute sieht man das zum Glück anders, zumal sich in Bezug auf das Kinderkriegen ja auch gewandelt hat, was als "sicher" gilt: Man kann nicht mehr nur wissen, wer ein Kind geboren hat, sondern auch herausfinden, wer es gezeugt hat – den Genen sei Dank kann biologische Elternschaft heute auch Männern zugesprochen werden: Gleichberechtigung!

Das Band zwischen Erwachsenen und ihren "eigenen" Kinder wird nicht mehr in erster Linie über Schwangerschaft und Geburt hergestellt, sondern über Eizelle und Sperma. Aber trotzdem haben Reproduktionstechnologien, von kleinen queeren Enklaven abgesehen, gerade nicht zu mehr Freiheit und Vielfalt in der Gestaltung menschlicher Gemeinschaften geführt. Sondern sie dienen vor allem dem Zweck, angebliche Natürlichkeit zu simulieren: Das Ideal der Kleinfamilie kann heute auch dann realisiert werden, wenn ein Paar "von Natur aus" gar keine Kinder bekommen kann.