Das heißt, die traditionelle heterosexuelle Kleinfamilie wird nicht mehr bloß per Gesetz und Konvention, sondern auch noch mit technologischen Mitteln bekräftigt. Was so "natürlich" daherkommt, nämlich das familiäre Zusammenleben von Vater, Mutter und "eigenen" Kindern, ist in Wahrheit immer häufiger das Ergebnis eines technologischen Eingriffs. Auf der anderen Seite wird der Zugang zu Reproduktionstechnologie für Menschen, die diesem Klischee nicht entsprechen, gesetzlich beschränkt. Die Gesellschaft akzeptiert zwar aufwändige Kinderwunschbehandlungen für heterosexuelle Paare und finanziert sie sogar häufig über Krankenkassenbeiträge mit, anonyme Samenspenden für lesbische Paare oder alleinstehende Frauen werden hingegen skeptisch beurteilt oder sogar verboten – obwohl die Insemination mithilfe eines Becherchens oder einer Menstruationstasse doch zweifellos "natürlicher" vonstattengeht als die Zeugung von Embryonen im Labor. Von den Reproduktionswünschen von Transpersonen oder queeren Communities, die so gut wie keine Chance auf gesellschaftliche Unterstützung haben, ganz zu schweigen.

Die amerikanische Autorin und Aktivistin Sophie Lewis hat gegen dieses Dogma von der "Natürlichkeit" biologischer Elternschaft jetzt eine Art Manifest geschrieben. In ihrem Buch Full Surrogacy Now (das es bisher nur auf Englisch gibt) fordert sie "Leihmutterschaft für alle": Wenn Reproduktionstechnologie Möglichkeiten eröffnet, Zeugung, Schwangerschaft und Sexualität voneinander zu trennen – warum denken wir dann nicht ganz neu über das Verhältnis von Erwachsenen und Kindern nach? Warum nutzen wir die Technik bloß zur Simulation von Altbekanntem (und Patriarchalem), anstatt mehr Möglichkeiten und vielfältigere Familienformen zu ermöglichen?

Eizellenspenden und Leihmutterschaft sind ja sowieso längst ein boomender globaler Markt. Der Kapitalismus setzt hier Fakten, die Politik kommt nicht hinterher. In der Debatte stehen sich dabei, wie Lewis zeigt, zwei Gruppen gegenüber, die beide Unrecht haben: Die einen verteufeln Reproduktionstechnologie ohne Wenn und Aber; die Koalition reicht von christlichen Fundamentalisten bis zu traditionellen Feministinnen, die in künstlicher Befruchtung die pure Ausbeutung weiblicher Körper sehen. Auf der anderen Seite stehen Ärzt*innen wie die indische Klinikbetreiberin Nayna Patel, die Leihmutterschaft als neues feministisches Eldorado anpreisen, das nicht nur ungewollt Kinderlose von ihrem Leid befreit, sondern auch via Leihmutterschaft armen Frauen aus prekären Verhältnissen zu Ansehen, Einkommen und Unabhängigkeit verhilft.

Mit beiden Positionen setzt sich Lewis kritisch auseinander und zeigt, dass sie einen entscheidenden Aspekt vernachlässigen, nämlich die Selbstbestimmung und Freiheit derjenigen, die schwanger sind. Frauen, die für Geld in ihrem Uterus Embryonen zur Reife bringen und gebären, sind weder einfach nur ausgebeutete und rechtlose Opfer eines übermächtigen Patriarchats, noch sind sie fröhliche, selbstbestimmte Dienstleisterinnen des globalen Kapitalismus. Sie sind vielmehr die ambivalente Avantgarde einer neuen Form von gesellschaftlichen Verhältnissen, denen noch die politische Stimme fehlt, und deren Expertise bislang aus dem Diskurs ausgeschlossen bleibt.

Welche Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, damit Reproduktionstechnologie die Freiheit von Frauen befördert und nicht untergräbt – und letztlich nicht nur die Freiheit von Frauen, sondern von allen Menschen? Es ist Zeit, der Biologie in Bezug auf die Prokreation der menschlichen Spezies wieder die Rolle zuzuweisen, die sie tatsächlich hat: Damit Kinder zur Welt kommen können, braucht es die Zeugung eines Embryos aus Eizelle und Sperma, und anschließend muss dieser Embryo mindestens 22 Wochen (besser länger) im Uterus einer Schwangeren zur Reife gebracht und dann geboren werden.

Alles andere – wie und wann und von wem finanziert Eizelle und Sperma zusammenkommen, wer und wie und gegebenenfalls für welchen Preis Menschen schwanger sind, wer und wie sich nach einer Geburt um das Kind kümmert und mit welcher Unterstützung durch die Allgemeinheit – ist Gegenstand politischer Aushandlungen. Die Antworten darauf sind nicht "von der Natur vorgegeben", sondern sie werden von Menschen gegeben. Von uns.