Blut – viel Blut. Ausnahmezustand. Die Lage ist unübersichtlich. Professionell herumflirrende Menschen in Weiß. In der Mitte: seine Frau. Dicht hinter ihr: er. Er ist gekommen. Er ist da – bei ihr. Als er den Anruf erhielt, ist er sofort losgestürzt. Er hält sie an den Schultern, beschützt sie, streichelt sie – und sie schreit. Ihre Schreie steigern sich ins Herzzerreißende. Er kämpft, um sie zu beruhigen. Noch mehr Blut. Wie viel noch? Die Ärzte haben es einfach nicht drauf! Er kämpft darum, sich zu beherrschen. Schweiß und Tränen laufen über sein Gesicht. Wieder Schreie, man sieht schon das Köpfchen. Die winzigen Schultern. Ihm wird schwarz vor Augen. Er kämpft mit der Ohnmacht, stundenlang – aber er überwindet sie. Und plötzlich ist es vorbei. Eine neue, nie zuvor gehörte Stimme tönt hoch und kräftig. Die Stimme seines Sohnes.
 Es ist ein Junge!

Der Mann im Kreißsaal – ist das der Held unserer Zeit? Und wenn ja: Ist das der Held, den wir in Zukunft brauchen?

Von Odysseus und Siegfried bis zu Superman: Helden wurden immer schon bewundert und verehrt. Der Held der Mythologie und der Sage – das ist stets eine Figur mit übermenschlichen Kräften, die per Definition Großes, ja Übergroßes vollbringt. Die Helden des Mythos gibt es nicht mehr. Heroismus gilt heute als Relikt einer vormodernen, archaischen Zeit, der Held als potenziell gefährlicher Kraftkerl und Extremist. Und doch brauchen wir gerade heute "Helden", die sich unerschrocken ihrer Aufgabe stellen. Was bedeutet Heldentum wirklich?

Dieser Artikel ist erschienen in "Hohe Luft" 04/2019.

Der Held – das war zunächst einmal immer ein Mann. Das lateinische Wort vir meint Mann und Held zugleich. Der Held kam vor dem Patriarchat. Ein "Held", so belehrt der Duden, sei eine "Person, die sich in bewundernswerter und vorbildlicher Weise persönlich einsetzt". Das Wort "Held" leitet sich ab vom altgermanischen Substantiv Halil oder Halub. Es bedeutet so viel wie "Krieger" – oder schlicht: "Mann". Ein Heros, das war ein Held in der griechischen Mythologie, ein Halbgott zumeist oder einer, der wenigstens als ein solcher verehrt wurde; daher stammt nicht nur das Adjektiv "heroisch" (für heldenmütig, heldisch, erhaben), sondern auch der "Held" unter den Opioiden: das "Heroin".

Der Heros der Mythologie und der Sage – das ist eine überlebensgroße Figur, furchtlos, durchtrieben, tollkühn, aber nicht wirklich weise. Einer, der nicht selten aus allzu menschlichen Motiven handelt. Da ist Gilgamesch, der aus Trauer über seinen toten Freund selbst unsterblich werden will. Da ist der beinahe unverwundbare Achill, Held des Trojanischen Krieges, der sich beleidigt aus dem Kampf zurückzieht, weil ihm Agamemnon eine Frau wegschnappte; die "Ilias" besingt seinen Zorn. Da ist Siegfried, der Drachentöter aus dem "Nibelungenlied", der gern mal eine Frau flachlegt, wenn es seinen Zwecken dient. Und da ist Odysseus, der sich nach Penelope verzehrt und doch vor lauter heroischer Abenteuerlust nicht umhin kann, auf dem Weg nach Ithaka zehn Jahre zu vertrödeln.

Nicht reif, sondern kindisch

Das Problem des Ur-Helden war seit je seine Tendenz, ein Desaster anzurichten. Ihm fehlte die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion, die Fähigkeit, hinter den eigenen Standpunkt zurückzutreten. Mit anderen Worten: Der archaische Held hat kein modernes Selbst – sondern eher ein kindliches, kindisches Naturell. Auch Achill war trotz aller Stärke und Kühnheit ein Kind, das mit seiner beleidigten Wut-Reaktion seine Kampfgenossen fast in den Untergang stürzte. Ähnliche Muster erkennt man bei Donald Trump. "Wir werden mit Feuer und Zorn antworten", schleuderte der US-Präsident dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un in einem besonders großen Hulk-Moment entgegen, als dieser ihm mit Atomwaffen gedroht hatte. Das Problem mit der heroischen Männlichkeit ist, dass sie nicht wirklich reif, sondern eben oft kindisch ausfällt.

Der klassische Held darf nicht reifen, nicht erwachsen werden, weil er früh sterben muss. Der tragische Tod des Achill verbürgt scheinbar sein starkes, intensives Leben. Die Sehnsucht nach dem Heroischen ist vielleicht auch die Sehnsucht des Mannes nach ewiger Jugend, ewiger Virilität, ewiger Potenz. Das gilt umso mehr für den Mann mit Populisten-Hirn. Und erst recht für den Profi-Populisten. Wie der tragische Tod Achills auf dem trojanischen Schlachtfeld schon vom Schicksal vorgezeichnet ist, so muss auch der Populist zwangsläufig scheitern. Er verliert seinen Kampf an seine eruptive Engstirnigkeit, die letztlich alles in den Abgrund reißt. Am Ende auch ihn selbst.