Der Mann ist verunsichert. Wenn er sich selbst verstehen und seiner Lage entkommen will, muss er seinen Heroismus verstehen. Er muss verstehen, dass weder die Frau noch er selbst schuld ist an seiner Lage. Sondern der zwar stark diffundierte, aber immer noch einflussreiche Geist des patriarchalen Systems. Es hat ihn institutionalisiert und zum Schrumpfhelden gemacht. Der geschrumpfte Held von heute hat viele Gesichter, man trifft ihn in allen sozialen Schichten. Fifty Shades of Man, das sind die Heroismen des Managers, des Rennfahrers, des Kampftrinkers, des Sportverrückten. Man trifft den Schrumpfhelden in der Steilwand, auf dem Surfbrett, über gefährlich kalte Wellen brausend, auf der linken Autobahnspur ebenso wie in der Kneipe nebenan, wo er ein Bier nach dem anderen kippt. Alle Männer wollen Helden sein – denn Männlichkeit "ist" nicht. Sie muss durch bestimmte Akte, Mutproben, Prüfungen, Grenzerfahrungen immer neu verifiziert werden.

 "Man wird nicht als Mann geboren, man wird es." Alle Männer wollen Helden sein – aber sie können es nicht. Der Ur-Held ist tot. Der Weg, der ihnen heute allein offensteht, ist der des Schrumpfhelden. Der geschrumpfte Held ist keine erhabene, gottgleiche Figur, sondern eine Karikatur. Er kann nicht, wie er will. Oft kann er gar nicht. Eine Welt, in der gilt: "Die Zukunft ist weiblich!", ist nicht für Helden gemacht. Selbst wenn der Mann wollte, er könnte nicht einfach mal so eben einen Drachen erlegen. Zuvor muss er in vielen Fällen Pausenbrote schmieren und die Kinder zur Schule bringen. Das nächste Abenteuer – Freesolo-Klettern oder Motorrad-Rallye – muss er sich verdienen, und zwar mit bezahlter Arbeit. Die moderne Frau möchte einen leistungsstarken, souveränen, gut verdienenden Mann, den sie nicht lange bitten muss. Bevor er den Augiasstall ausmistet, soll er gefälligst den Müll runtertragen.

Das Schrumpfheldentum markiert die Grenzen der Verständigung zwischen Mann und Frau. Keine Frau versteht den einsamen heroischen Trinker, der doch nicht einfach nur süchtig und schwach ist, sondern auch mindestens tief verzweifelt über die Welt, an der er so tragisch gescheitert ist. Keine Frau versteht, warum derselbe Mann, der gestern noch alles zu reißen meinte, heute glaubt, an einem Schnupfen zugrunde zu gehen. Man kann sich über den berüchtigten Männer-Schnupfen lustig machen. Doch darin steckt die tiefe Tragik des verhinderten Helden, der mit heftigen Niesanfällen wie mit übermächtigen Feinden ringt.

Der Fußballer ist kein echter Held

Der Mann ist verunsichert, denn der Ur-Held, der in ihm tobte, ist tot. Fast. Einige letzte Relikte des archaischen Heroen findet man heute noch. Paradigmatisch scheinen sie im Sportler auf. Im Rennfahrer, im Tennisspieler, im Boxer, vor allem aber im Fußballer. Wer besonders trickreich mit dem Ball umzugehen vermag, bekommt sogleich die Attribute "Held", "Kaiser" oder gar "Gott" verpasst. Das Tolle am Kicker-Helden ist, dass er niemandem schadet, da sich seine Taten auf maximal 120 mal 90 Meter beschränken. Außer seinen Gegenspielern und sich selbst – siehe Kreuzbandriss und Mittelfußbruch – wird der Profifußballer niemandem gefährlich. Es herrschen Regeln, an die auch er sich halten muss. Deshalb ist auch der Fußballer natürlich kein wirklicher Held. Sondern eine Ersatzfigur, die sich der moderne Mann schuf, um ihn zu bewundern, sich (projektiv) mit ihm zu identifizieren, ihm nachzueifern.

"Ein jeglicher muss seinen Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet", heißt es in Johann Wolfgang von Goethes (1749–1832) Iphigenie auf Tauris. Selbst der neidischste Mann verzeiht dem Fußballer, dass er für seine Virilität so monströs viel Geld kassiert. Der Kicker nimmt das Heldentum für ihn und alle anderen Männer auf sich. Jeder Sportler ist ein halb realer, halb imaginierter Held, der für alle verhinderten in den Krieg zieht, siegt und verliert – eine Art "Heros by Proxy", ein Stellvertreter-Held. So wie Boris Becker, der nach zahlreichen Grand-Slam-Gewinnen zwei gescheiterte Ehen und eine Insolvenz anmeldete und auf Instagram seine heroische Bilanz in zehn Punkten meisterlich zusammenfasste: "Erfolg. Harte Arbeit. Ausdauer. Lange Nächte. Versagungen. Opfer. Disziplin. Kritik. Zweifel. Fehler."

Die ersten Helden seien Götter gewesen, befand einst Thomas Carlyle (1795–1881). Es gibt keinen Odysseus, keinen Prometheus, keinen Achilles mehr. Es gibt aber auch keinen Gott mehr, keinen Über-Mann, vor dessen viriler Allmacht auch der größte irdische Held verstummt. Friedrich Nietzsches (1844–1900) Übermensch war letztlich auch nur ein Versuch, selbst zum Gott zu werden, um den Göttern "würdig zu erscheinen". Geblieben sind verunsicherte Männer, die in Extremsportarten den Kick suchen, weil ihnen die heroische Aufgabe fehlt.

Geblieben sind Fifty Shades of Man, die vielen von Wut und Schweigen getriebenen Manager, Autoraser und Oktoberfest-Kampftrinker, Misogyniker und Sexisten, die nicht wissen, wohin mit ihrem Schrumpfheldentum – und zudem von den Frauen ziemlich unter Druck gesetzt werden. Alle Männer wollen Helden sein. Alle Frauen wollen, dass Männer Helden sind – aber nur unter bestimmten Bedingungen. Was die moderne Frau will, ist die Quadratur des Kreises: den "vernünftigen" Helden "auf Augenhöhe".