Die Vitrinen, in denen die Bäcker ihr Angebot präsentieren, gleichen summenden Bienenstöcken. Man kann die süßen Teilchen kaum erkennen, so dicht sind sie von Bienen bedeckt, aber weder Verkäufer noch Kunden nehmen daran Anstoß. Seelenruhig greift der Bäcker in seinem kleinen Laden in der Medina von Marrakesch nach einem Vanillestückchen, streift und schüttelt die Bienen mit sanften Bewegungen ab und steckt das Gebäck in eine Papiertüte. Sein Lächeln scheint zu sagen: Ja, so ist es bei uns, wir lassen auch den Bienen ihren Teil.

In einem Straßencafé sitzen drei ältere Herren, trinken den landesüblichen Pfefferminztee und stören sich nicht daran, dass die Bienen um ihre Köpfe schwirren, im Gegenteil, man hat ihnen ein Zuckerstückchen auf einen Teller gelegt, an dem sie sich laben können. Andere Bienen hängen aneinander geklammert über den Rand eines Wasserglases und stillen ihren Durst. Dann räumt der Kellner den Tisch ab, nimmt auch den Bienenteller mit, spritzt noch einen Tropfen Wasser auf das Zuckerstück und legt es vorsichtig in einer Pflanzschale ab.

Wo immer ich in Marokko Bienen sehe, behandelt man sie respektvoll, ja fast höflich, und die Bienen scheinen zu wissen, dass man ihnen freundlich gesonnen ist, denn sie sind zwar zudringlich, aber nie aggressiv, nicht unähnlich den Händlern in den Suks, die einen in ihre Läden zu locken suchen, aber nicht unangenehm bedrängen.

Einmal spricht mich im Park vor der mittelalterlichen Koutoubia-Moschee ein vielleicht vierzehnjähriger Junge an, der nichts als ein paar Packungen Kaugummi zu verkaufen hat. Er will sich durch mein Kopfschütteln nicht entmutigen lassen und bleibt mir geduldig auf den Fersen, bis er mich doch noch erweicht. Später tut es mir leid, dass ich ihm nicht mehr Geld gegeben habe. Vielleicht ist er eins jener dreißigtausend Straßenkinder, die es angeblich in Marokko gibt? Statt in die Schule zu gehen, verdient er seinen Lebensunterhalt auf der Straße. Warum wollte ich ihn abwimmeln? Weil ich vorher bereits allen möglichen anderen Leuten Geld gegeben hatte? Dem Verkäufer mit seinem Tablett voller Mandelplätzchen, der Bettlerin vor dem Minarett und der Schmuckhändlerin, die mir unbedingt einen dünnen Armreif "schenken" und danach ihre übrige Kollektion an den Mann bringen wollte?

Angesichts des unzureichenden Sozialsystems sind die Leute hier auf Almosen angewiesen. Immer gibt es jemanden auf der Straße, der der Hilfe bedarf. Wie die Blinden zum Beispiel, die Papiertaschentücher verkaufen, weil sie anders nicht überleben können. Mit Stöcken tasten sie durch die Straßen, stehen tagelang an den Ecken und müssen mit ein paar Münzen auskommen, die man ihnen in die Hand drückt.

Dieser Artikel stammt aus der Juli-Ausgabe des "Merkur" © Klett-Cotta

Im Stadtteil Gueliz, wo sich die Shoppingmalls und teuren Restaurants befinden, stoße ich auf eine Demonstration. Vielleicht ein Dutzend Blinder blockiert einen der großen Boulevards, ihr Anführer hält ein Transparent in die Höhe und fordert lautstark das Recht auf Arbeit. Ein dicker Mann ist offensichtlich kollabiert und liegt ausgestreckt auf dem Asphalt. Polizisten haben sich um die Demonstranten versammelt und versuchen sie durch Zureden von der Straße zu bekommen. Sogar ein paar Spezialkräfte mit Schlagstöcken und Helmen sind angerückt, aber offensichtlich fehl am Platz. Die Blinden stellen keine Gefahr dar, und wie soll sie der bedrohliche Auftritt der Uniformierten abschrecken, wenn sie sie gar nicht sehen können? Es dauert lange, bis ein Krankenwagen kommt. Als die Sanitäter die Heckklappe öffnen, zeigt sich, dass das Fahrzeug kein einziges medizinisches Gerät enthält, nur eine primitive Trage. Auf die soll der dicke Mann gehoben werden. Die beiden Sanitäter schaffen es nicht alleine und müssen einen Passanten um Hilfe bitten. Endlich fährt der Rettungswagen ab. Inzwischen ist es den Polizisten gelungen, die Demonstranten auf den Gehsteig zu drängen und die Schaulustigen zu zerstreuen.

Sie verstehe die Forderungen der Blinden nicht genau, erklärt mir eine junge Frau im Vorübergehen. Aber ich solle mich von den neuen Hotels und Geschäften im Viertel nicht täuschen lassen. Wirtschaftlich gehe es in Marokko eher rückwärts als vorwärts, vom Tourismus profitierten nur die Reichen. Die Preise steigen, nicht aber die Löhne. Und für die Armen sei sowieso kein Geld da. Die soziale Ungleichheit im Land wächst. Ein Fünftel der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Man kann es an den Zahnlücken der Menschen ablesen. Mafiöse Strukturen zerfressen den Staat. König Mohammed VI., der ein geschätztes Privatvermögen von zwei Milliarden Euro besitzen soll, inszeniert sich gleichwohl als "König der Armen". Er führe das Land wie einen multinationalen Konzern, dessen Ziel es sei, die Aktionäre reicher zu machen, kritisiert der marokkanische Dichter Abdellatif Laabi.