Ehemalige Chefredakteure können anstrengend sein. Es gibt jene, die auch viele Jahre später noch die Auflagenkurven von damals aus den Tiefen ihres Smartphones fischen. Es gibt jene, welche die Bedeutung des Mediums früh zur eigenen Bedeutung umgedeutet haben und nach dem Machtverlust bitter und zynisch werden.
Und da war Michael Jürgs.

Jürgs litt unter der Trennung vom Stern, seinem Stern. Und er sprach oft darüber, erzählte dann, dass er nicht verstand, warum die Schlagzeile "Sollen die Zonis bleiben, wo sie sind?" 1990, nach knappen vier Jahren im Amt, allen Ernstes seinen Rauswurf begründete. "Das Fragezeichen war doch auch für Verlagsfuzzis unübersehbar", sagte er. Schon im nächsten Satz aber suchte Jürgs nach den eigenen Fehlern: "Ich war nicht aufmerksam für Strömungen im Haus, diese Aufmerksamkeit gehört aber zur Jobbeschreibung." Denn er wollte stets lernen, entdecken, verstehen, und dann wollte er erzählen und erklären; und auch im Moment der größten Niederlage hielt er es nicht anders. 

Wahrscheinlich fand er deshalb seinen Weg. Jürgs trauerte, da ihm die Jahre beim Stern viel zu schnell vergangen waren. Doch er konnte loslassen und sich Neues erschließen. So entwickelte er jene Mischung aus Gelassenheit und Kampfgeist, welche die vergangenen 29 Jahre – wenn der Blick von außen nicht trog – zu erfüllten Jahren machte.

In den Nachrufen der ersten Stunden war zu lesen, wie sehr Michael Jürgs den Journalismus liebte, und das stimmt. Er las leidenschaftlich. Er schrieb leidenschaftlich. Ebenso leidenschaftlich interessierten ihn Layouts, Blattmischung, Titelbilder. Er lobte dann. Er kritisierte.

Es schmerzte, von ihm auf Übersehenes, unscharf Formuliertes gestoßen zu werden: "Herr Kollege: Hä?" Es war herrlich, in jenen Augenblicken, in denen die Bild-Zeitung gegen ein Spiegel-Titelbild wie "America First" Stimmung zu machen versuchte, eine SMS von Jürgs zu bekommen: "Das ist der Spiegel!" Und eine Freude war's, mit ihm über Themen, Geschichten, Titel zu reden, denn stets hatte er einen Zettel mit Vorschlägen dabei.

Michael Jürgs, 1945 in Ellwangen geboren, studierte in München Geschichte, Politik und Germanistik und gründete damals zusammen mit dem späteren Kulturstaatsminister Michael Naumann eine Zeitschrift, handgeschrieben. Eine Freundschaft fürs Leben entstand; was für ein kleiner, banaler Satz, und doch: was für ein Geschenk für beide Männer. Vor einem Jahr war ich mit Naumann segeln, wir sprachen über Jürgs' Krankheit und Naumann sagte, Jürgs sei der großzügigste, lustigste, treueste, aufmerksamste Mann, den er kenne: "Er gönnte anderen jeden Erfolg. Er half anderen, erfolgreich zu sein. Wie oft findet man so einen?"

Jürgs brach sein Studium ab, ging zur Abendzeitung, zum Stern, zu Tempo, er schrieb das eine oder andere etwas spießige Buch (über glorreiche alte und stillose moderne Zeiten), vor allem aber viele meisterliche wie die über Axel Springer oder Romy Schneider. 7.500 Zeichen jeden Tag mussten es sein, daran erinnert Hans Leyendecker in seinem Nachruf in der Süddeutschen Zeitung; und wer diese Disziplin aufbringt, hat irgendwann ein Lebenswerk vollendet. Filme machte Jürgs auch, und auf Podien brillierte er. In Talkshows jedoch nicht, denn die hielt er nicht für eine journalistische Tugend.

Bei unserem letzten Gespräch ging es um Digitalstrategien und den Strukturwandel in der Medienwelt. Es ging darum, dass in zu wenigen Verlagen die jahrzehntelang stabile Balance zwischen Managern und Journalisten noch gewahrt wird. Die meisten deutschen Verlage reagierten falsch auf die Krise, sagte Jürgs: Buchhalter hätten durch den Spardruck neue Hebel bekommen und zögen nun die Macht an sich. Diese Schwächung der Redaktionen führe zu einer ewigen Selbstbeschäftigung, damit zu einer Ablenkung vom Eigentlichen, dem Journalismus.

Michael Jürgs, der am 4. Juli in Hamburg an Bauchspeicheldrüsenkrebs starb, sagte: "Ach, Scheiße, wie gern würde ich noch mal zeigen, dass es ganz anders geht."