Vor einigen Jahren zogen Freunde von mir nach Berlin, ein Pärchen mit einem Kind, beide hochgebildete junge Menschen. Grund für ihren Umzug war ein wissenschaftliches Forschungsstipendium des Mannes, mit dem die Lebensunterhaltskosten für die kleine Familie bescheiden gedeckt werden konnten; Grund war aber auch die Entscheidung, nicht mehr nach Kroatien zurückzukehren, da sie in ihrer Heimat trotz aller Studienabschlüsse und ungeachtet ihrer Fähigkeiten ein Dasein am Existenzminimum fristeten.

Ivana Sajko ist eine kroatische Prosa- und Theaterautorin, die in Berlin lebt. In deutscher Übersetzung sind bisher erschienen: "Rio bar" (2008), "Archetyp: Medea. Bombenfrau. Europa: Trilogie" (2008), "Trilogie des Ungehorsams" (2012), "Auf dem Weg zum Wahnsinn (und zur Revolution) Eine Lektüre" (2014) und "Liebesroman" (2017). Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Maja Bosni

Als sich die Zeit des Stipendiums dem Ende näherte, suchte die junge Frau eifrig nach einem Job, um lückenlos ihre Krankenversicherung weiter bezahlen zu können und das Loch in ihrem Budget zu stopfen, das sich bereits abzeichnete. Nach kurzer Zeit verkündete das Paar, dass sie eine Stelle gefunden hatte. Ich verspürte sogar ein wenig Eifersucht, da meine Freundin ihrer Familie so schnell jene Sicherheit verschaffen konnte, von der viele nur träumen können. Also fragte ich sie bei der erstbesten Gelegenheit, wo sie denn jetzt arbeite. Sie blickte mich an, als würde sie mich um meine Naivität beneiden und antwortete: "Ich putze natürlich."

Ihr trockenes und strenges natürlich führte mir erneut unsere ökonomische, kulturelle und genderbedingte Position vor Augen. Wir, Frauen aus Südosteuropa, wurden schon in den Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts für niedrig qualifizierte und gesellschaftlich stigmatisierte Arbeiten importiert. So sind wir in der Erinnerung eines ganzen Landes eigentlich Putzfrauen.

Nachdem 1968 das Anwerbeabkommen zwischen dem ehemaligen Jugoslawien und Deutschland über die Regulierung des Imports von Arbeitskräften unterzeichnet wurde, kamen Hunderttausende Menschen nach Deutschland, darunter ein Drittel Frauen, meist ungebildet und aus dörflichen Gebieten, einige aber auch mit höheren Schulabschlüssen.

Ankica, eine dieser "Gastarbeiterinnen", die beinahe ihr ganzes Arbeitsleben in Frankfurt verbrachte, betonte im Gespräch mit mir, dass die Frauen gekommen waren, um zu arbeiten, arbeiten, arbeiten. Das Verb arbeiten wiederholte sie dreimal, vielleicht weil die Frauen mindestens drei Arbeitsstellen parallel hatten. Ihr Ziel war es, den Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen und die Eltern abzusichern, die in der Heimat zurückgeblieben waren. Dank ihrer ausgezeichneten Deutschkenntnisse half Ankica anderen Kolleginnen im Umgang mit der Bürokratie.

Bisweilen, so sagte sie mir im Vertrauen, sei es ihr unangenehm gewesen, wenn irgendein Angestellter eine Frau beschimpfte, die auch nach 20 Jahren Aufenthalt in Deutschland nicht über ausreichende Deutschkenntnisse verfügte, um die eigenen Behördengänge allein zu bewältigen. Doch die Frauen hätten diese Beleidigungen nicht gekümmert, erklärte sie mir, da sie ihre Mission vor Augen hatten, und diese lautete natürlich: arbeiten, arbeiten und arbeiten. Putzen und in einer Fabrik am Fließband stehen waren nicht unbedingt emanzipatorische Aufgaben, die die kognitiven Möglichkeiten erweiterten und das Erlernen einer Fremdsprache förderten. All diese Putzfrauen, sagte Ankica abschließend, waren dennoch Heldinnen; ihre Kinder seien heute gebildete und erfolgreiche Menschen, so wie ihr eigener Sohn, der weiterhin in Deutschland lebe.

In den Neunzigern wiederholte sich dieses Szenario. Damals fand meine Tante, eine junge Betriebswirtin mit einem internationalen Zertifikat, aufgrund ihrer Deutschkenntnisse "problemlos Arbeit in sogar drei Büros!". Das war damals der Sprachgebrauch, ohne einen Funken Sarkasmus.