Ich, als das eine Ich, stelle mir den Wecker auf sieben Uhr. Gardinen auf, sofort. Kein Blick auf Instagram vor der morgendlichen Routine. Zähne putzen, Augencreme auftragen, nebenbei Nachrichten auf Deutschlandfunk hören. Danach adultes Kaffeetrinken mit dem Partner im Bett. Verschütte einige Tropen auf das frische Laken. Ärgere mich (kurz), ignoriere es dann (lang).

Es gibt Frühstück, manchmal ein Workout, immer eine Dusche. Um 9 Uhr 30 sitze ich angezogen am Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer. Ich beschwöre die Vitalität in jeder meiner Poren. Kalender checken, Mails beantworten, in die Tastatur tippen. Ich arbeite – manchmal tue ich nur so. Was zählt, ist die Zeit am Computer.

Ältere normale Menschen und ältere Intellektuelle leben in meinem Stadtteil. Hier ist es ruhig und grün und gediegen. Das zumindest sagen sehnsüchtig jene mit Gedanken an Stadtflucht, die sich aber nie wirklich trauen würden. Die Reife, die in der Luft dieser Gegend liegt, macht Angst. Ich bin süchtig nach ihr, bin gerne 30 unter 50-Jährigen. Denn: Ich bin erwachsen!

Bio, regional. Obst, Gemüse, guter Käse. Glas statt Plastik. Neulandfleischerfleisch. Alles im Stoffbeutel, natürlich. So war das hier schon immer. Kaffee trinken in Cafés mit weißen Tischdecken und Stoffservietten. Beim kontinentalen Frühstück Orangenscheiben und Weintrauben als Garnitur seit Jahrzehnten. Altes Westberlin.

Paulina Czienskowski lebt als freie Journalistin und Autorin in Berlin. 2018 ist ihr Erzählband "Manifest gegen die emotionale Verkümmerung" im Korbinian Verlag erschienen. Im Februar 2020 erscheint ihr Debütroman "Taubenleben" bei Blumenbar. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © William Minke

Charmante Innovationslosigkeit, geregelte Langeweile, Nostalgie. Kein Blinken, kein Flimmern, nichts Buntes. Diese äußere Ordnung ordnet mein Inneres. Nirgendwo ein Katalysator für die Maßlosigkeit.

Struktur, die so unhip ist, dass sie nicht aufregt, nicht erregt, lenkt mich nicht ab vom Erwachsensein. Ich, als das eine Ich, kann hier ganz ungestört sein, bin jedem überlegen mit meinem klaren Kopf, den kristallklaren Gedanken, meinem Pflichtbewusstsein. Mir kann nichts passieren.

Nach der Arbeit ein Scroll durch Instagram. Zum Glück gestern nicht auf der Party gewesen, eh immer das Gleiche, denke ich, während ich meine Blumen gieße. "Wenn Pflanzen überleben, dann ist man erwachsen", sagte meine Mutter einmal. Alle Blätter grün, die Blüten kerzengerade. Bingo. Ich bin in der Symmetrie meines Lebens angekommen – ich bin erwachsen!

Schnitt.

Ich, als das andere Ich, bin nicht zu Hause, sondern da, wo einen die Dinge überfahren. Hier blinkt alles, es flimmert, ist bunt. Man muss filtern, weil so viel auf einen einprasselt. Acht Kilometer von meinem Stadtteil entfernt, im WG-Zimmer meines Freundes, liege ich im Bett, inmitten der Rauchschwaden, die von der Straße hochziehen, und werfe mir eine Ibuprofen ein. Seine Pflanzen lassen die Köpfe hängen. Na und?

In mir schrie gestern wieder alles nach einer Wohnungstür, die man sachte eintreten kann, falls man den Schlüssel vergessen hat. Nach einem Hausflur, in dem es nach einer Mischung aus toten Ratten, gebratenen Auberginen und Katzenfutter riecht. Nach Nachbarn, die sich nicht um Oster- und Weihnachtsdekoration im Flur kümmern. Und auch nicht um die Musiklautstärke. Ich glaube, es gibt hier gar keine Nachbarn.