Hier, in diesem Gefilde, benutze ich keine Zahnseide, keine elektrische Zahnbürste, drehe meine Unterhose morgens auf links. Ich bin doch kein Spießer! Ich bin spontan und das kann auch bedeuten, dass ich spontan beschließe, den ganzen Tag liegend zu verbringen. 134 Schritte in dreizehn Stunden, ganz ohne schlechtes Gewissen. Mein Freund und ich mit Kater gegen den Rest, der meint, Kontrolle über das Leben würde sie zu besseren Menschen machen. Pfft.

Es ist, als wäre mein Geist eine Flipperkugel. Gerade schießt sie wieder hoch zu meinen Balkonpflanzen. Ich muss sie gießen! Kaffee im Bett, Sport, Dusche, Arbeit. Ich bin erwachsen. Kaffee, Bett, Dusche, Arbeit. Ich bin erwachsen. Ich bin er– … Moment! Ich will doch gar nicht erwachsen sein, muss schnell weg hier. Schnitt! Eine Nacht draußen. Zwei, drei. Ibu. Tage im Bett. Und wieder zurück. Ich bin erwachsen. Zickzack.

Alle reden von der Mitte. Ich laufe Slalom. Hin und her zwischen zwei Polen, pendele zwischen zwei Stadtteilen. Zwischen harmlosem Idyll in großzügigem Altbau mit Stuck und vollgestelltem WG-Zimmer. Zwischen 60 Euro teuren Duftkerzen und Zigaretten im Bett. Zwischen Rohrreiniger in der Vorratskammer und Küchenrolle als Klopapier. Mein schizophrener Ist-Zustand, mein Mich-nicht-entscheiden-Können, es gar nicht wollen. Muss ich denn?

In Ovids Metamorphosen steht, dass man in der Mitte am sichersten geht. Okay. Aber Sicherheit bedeutet Stagnation, weil man nichts mehr austarieren, kein Gegengewicht mehr zur einen oder anderen Seite herstellen muss. Es ist der Zustand, in dem der Seismograf nie ganz nach oben oder ganz unten ausschlägt. Man wird faul, weil man sich nicht mehr anstrengt. Wozu auch? Ist ja alles in Sicherheit.

Kürzlich sagte eine weise Frau zu mir, meine Generation sei geformt wie der Buchstabe, nach dem sie benannt ist, das Ypsilon – also im wahrsten Sinne. Ein Arm ragt in die eine Richtung, einer in die andere. Und dann ist da dieser Fuß, die Säule, die beides zusammenbringt. Verbindet. Schmal und wackelig.

Das eine und das andere Ich habe beide Augen verdreht, als sie das sagte. Dieses Generationen-Gelaber nervt. Und trotzdem gucke ich in den Spiegel und sehe mich seither in Form eines Ypsilons. Kopflos und achtsam. Ohne jede Regel und voll nach Plan.

Apropos Plan. Einen einzigen habe ich. Viel mehr wir. Wir, das sind zwei Freundinnen und ich. Ab Oktober 2019 nämlich werden wir schwanger. Vor anderthalb Jahren haben wir uns als Memo "Babys mit …" in die Kalender geschrieben. Die Sorge, einen großen Freiheitsverlust zu erleiden, den so ein Kind mit sich bringt, haben wir somit gedrittelt. Ja, wir meinen es wirklich ernst. Eine von uns hat sogar gerade geheiratet. Und ich war Trauzeugin.

Jedes Mal, wenn ich "Erinnerungen" auf meinem Handy öffne, steht da nun "Babys mit…". Bisschen albern klingt das schon, ich weiß. Doch ich sehe es als Gedankenstütze. Ich, als das eine und das andere Ich, bin gespannt, ob dieser Pakt der Solidarität tatsächlich funktionieren wird.

Vielleicht ist das ja bereits die Manifestation vom wackeligen Bein des Ypsilons. Der symbolische Beginn einer Zusammenführung von A und B.