Dass man sich von einem Text persönlich gekränkt fühlen kann, wusste ich nicht. Bis ich Milo Raus 2013 erschienenen Essay Was tun? – Kritik der postmodernen Vernunft in die Hand nahm. Darin heißt es: "Ein ständig wachsendes Heer von Kulturmanagern, Dramaturgen, Ökonomen und Publizisten, gegen das die klassisch-totalitären Staatsapparate wie ein Haufen desorganisierter Amateure wirken, arbeitet rund um die Uhr daran, uns die Mängel des Kapitalismus immer und immer wieder vor Augen zu führen und mit vorgeblich alternativen Praktiken der Sorte 'Bürgerbühne', 'Kulturaustausch' und 'Mikrokredit' unsere letzten utopischen Rücklagen in einer sterilen Konzept- und Kongress-Orgie zu vergeuden." Was sollte eine wie ich davon halten, die sich der partizipativen Theaterarbeit verschrieben hatte, wie sie zum Beispiel an der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden praktiziert wird?

Dagrun Hintze lebt seit 20 Jahren als Autorin und Theatermacherin in Hamburg. 2017 erschien ihr Essayband "Ballbesitz. Frauen, Männer und Fußball", 2018 folgte der Lyrikband "Einvernehmlicher Sex", 2019 "Wer was in welcher Nacht träumte - Erzählungen zu Kunst, Design und Architektur". Sie ist Gastautorin bei "10 nach 8". © Marius Röer

2009 riefen der damalige Dresdner Intendant Wilfried Schulz und die Regisseurin Miriam Tscholl diese neue Sparte ins Leben: Ein institutionelles Format für "professionelles Theater mit nicht professionellen Darstellern", das inzwischen Modellcharakter für zahlreiche weitere Bürgerbühnen-Gründungen im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus besitzt. Seitdem haben in Dresden weit mehr als tausend "echte" Menschen die Bühne erobert und Einblicke in ihr Leben gewährt: Dynamo-Fans, Stasi-Opfer und -Täter, Jüdinnen und Juden, Mitglieder der russischen Community, muslimische Frauen, Männer in der Midlife-Crisis, Journalistinnen und Journalisten und viele mehr. Sie stellten sich mit ihrer persönlichen Erfahrung zur Verfügung und investierten bei den Proben und Vorstellungen jede Menge Zeit, Kraft und Nerven. Gemeinsam verkörperten sie eine vielfältige Stadtgesellschaft, die in Dresden bekanntlich nicht jedem in den Kram passt, und machten das Kleine Haus des Staatsschauspiels zu "ihrem" Ort. "Wenn es die Bürgerbühne nicht gäbe, wüssten viele gar nicht, dass es mich gibt", dichteten sie. Interessante Theateraufführungen, die zu diversen internationalen Festivals eingeladen wurden, kamen dabei auch noch heraus. Warum also hat Milo Rau was dagegen?

In Was tun? heißt es weiter: "Das Problem ist, dass so getan wird, als ergäbe das alles Sinn, als existierte überhaupt noch jemand, der nicht weiß, dass die menschliche Zivilisation zu Ende geht, und zwar endgültig und unter gewaltigem Gelächter – und den man zuerst aufklären muss, bevor an praktische Abhilfe zu denken ist." Das Problem sei die als Kritik getarnte postmoderne Diktatur des Nicht-Jetzt, der Verbesserung anstelle der Änderung, der Dekonstruktion anstelle der Konfrontation. Ich fühlte mich noch immer gekränkt. Und machte mich vor meiner Hamburger Haustür auf die Suche nach Gegenargumenten.

Mitte der Neunzigerjahre hatte sich in Hamburg-Altona eine Nachbarschaftsinitiative mit einigen bildenden Künstlerinnen und Künstlern zusammengetan. Gemeinsam wollten sie eine noch dichtere Bebauung in ihrem Viertel verhindern und forderten stattdessen einen öffentlichen Park. Daraus entstand Park Fiction: ein partizipatives Kunstprojekt, das ein konkretes politisches Ziel verfolgte. Verschiedene Techniken der "kollektiven Wunschproduktion" wurden entwickelt, damit alle Anwohner – unabhängig von Alter, Nationalität oder Bildung – ihre Bedürfnisse zum Ausdruck bringen konnten. Über die Ideen wurde abgestimmt, die Künstlerinnen und Künstler entwickelten, wiederum unter Einbeziehung der Anwohner, die Entwürfe. So entstanden ein "Seeräuberinnen-Brunnen", ein "Fliegender Teppich" aus Rasen, ein Open-Air-Solarium und mobile Palmeninseln, die sich heute im Antonipark besichtigen und benutzen lassen.

Noch vor der Realisierung wurde das Projekt 2002 auf der documenta in Kassel gezeigt – damals arbeitete ich dort als Kunstvermittlerin und konnte bei Führungen angesichts Park Fiction eine Menge Lieblingsschlagworte des Kunstbetriebs anbringen: Situationismus, Intervention, Soziale Plastik, Rhizom und so weiter. Doch auch ohne diesen Überbau war Park Fiction eines der Lieblingsprojekte der Ausstellungsbesucher und zwar egal, ob es sich um Fachpublikum handelte oder nicht. Bis heute fällt mir niemand ein, der es infrage stellen würde (gut, die Investoren, die damals einen Büroturm bauen wollten, vielleicht). Denn Park Fiction steht für geglückte Partizipation und politische Wirksamkeit und das bei gewahrtem künstlerischen Anspruch. Die Welt hat sich dadurch nicht verändert. Aber diese soziale Plastik hat aus Anwohnern Nachbarn gemacht, das Leben in einem Stadtteil konkret verbessert und bewiesen, dass Kultur manchmal noch gewinnen kann gegen die Interessen der Wirtschaft.

Womit wir wieder bei Milo Rau wären. Würde er heute auf eine Initiative wie Park Fiction stoßen, müsste er sie konsequenterweise ablehnen. Weil sie "so tut, als würde tatsächlich noch jemand glauben, dass die Dinge grosso modo okay laufen und man nur ein bisschen am Schräubchen drehen muss, damit alles schön in Ordnung bleibt". Weil sie – wie in seinen Augen auch die Bürgerbühne – "Revision anstelle der Revolution" betreibe.

Schon 2011, als mein erstes Stück Die Zärtlichkeit der Russen an der Dresdner Bürgerbühne uraufgeführt wurde, meldeten sich zu meiner Verwunderung kritische Stimmen. Ich hatte mir bis dahin nie Gedanken über partizipative Theaterformen gemacht, sondern hielt meinen Text, der aus bearbeiteten O-Tönen (Interviews mit Bewohnerinnen und Bewohnern eines Alten- und Pflegeheims, deren Biografien durch den Zweiten Weltkrieg geprägt wurden) montiert war, einfach für ebenso bühnentauglich wie andere Werke. Aber jetzt meinten Kollegen auf einmal, ich müsse mich entscheiden, ob ich fiktionale oder dokumentarische Stücke schreiben wolle, beides gehe nicht. Andere erklärten "Laientheater" für indiskutabel. Wieder andere sagten, das Dokumentartheater an sich würde das Publikum manipulieren, weil es auf der Bühne mit unüberprüfbaren Fakten hantiere und sie als "Wahrheit" verkaufe. All diese betriebsinternen Einwände lösten sich für mich jedoch in den folgenden Jahren in Luft auf. Ich fand an der Bürgerbühne die künstlerische Heimat, die ich am Theater lange verloren geglaubt hatte. Zudem schenkte mir die Arbeit das gute Gefühl, einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.