Woche für Woche steckt man als politische Kolumnistin in dem gleichen Dilemma: Täglich, an jedem Tag, also von Montag bis Sonntag, werden Mitbürger aus niedrigen, miesen Motiven getötet, bedroht, beschädigt. Wie reagieren? Gestern, ein ganz normaler Tag in der Zeitung. Die Meldungen: Ein 26-jähriger Eritreer wird im hessischen Wächtersbach von einem Deutschen niedergeschossen. Tatmotiv: Rassismus. Ein kurdisch sprechendes Pärchen aus Armenien bittet in einer Berliner Flüchtlingsunterkunft einen diensthabenden Sicherheitsmann um Hilfe. Die Frau ist im neunten Monat schwanger. Der Sicherheitsmann verweigert die Hilfe, das Paar verliert sein Baby

Das ist jetzt die Begleitmusik an jedem Tag. Hier geschossen, dort beleidigt.

Rechtsradikale, Antidemokraten, Staatsgefährder, Deutschlandzerstörer, nicht mehr nur unter einigen wenigen durchgeknallten Nachbarn, die das ganz normale Leben mit ganz normalen Menschen unter ganz normalen Bedingungen in einem wohlhabenden Leben nicht aushalten. Sondern auch unter Polizisten, Militärs, Richtern, Staatsanwälten. Die Ereignisse, also die Attacken auf Migranten, deren Nachfahren, Flüchtlinge, schwarze oder jüdische Deutsche, auf Roma, einfach jeden, der nicht Frau Müller oder Herr Schmidt heißt, sind aufgrund ihrer Anzahl nicht mehr nur Einzeltat, sondern Gemeinschaftstat.

Der Verfassungsschutz spricht in einer aktuellen Analyse von "rechtsterroristischen Ansätzen und Potenzialen", die sich "in unterschiedlichen Strömungen und Spektren der rechtsextremistischen Szene" entwickelten, "aber auch am Rande oder gänzlich außerhalb der organisierten rechtsextremistischen Szene." Also, in der Mitte des sogenannten normalen Deutschlands. Der spricht schon selbst nicht mehr von den Sorgen der normalen Bürger, sondern von normalem Terror. Dieser rechtsradikale Wahnsinn ist Realität. 

Schaut man aber in die Medien, wird eine Gewichtung vorgenommen, als sei Deutschlands dringlichstes Interesse, den Leser jede Regung eines Boris Johnson im Sekundentakt verfolgen zu lassen. Oder die Spekulation darüber, "ob die Koalition hält", verbunden mit der mathematischen Prognose über die genaue Anzahl der Tage. Oder anderes wichtiges Problem: der unwichtige Speiseplan einer unwichtigen Kita irgendwo, in der kein Schweinefleisch mehr angeboten wird – als Aufmacher! In der Bild-Zeitung. Wichtig natürlich nur deshalb, weil die Islamisierungsgefahr als wahnwitzige These unbedingt fortgeführt werden muss. Egal, wer in der Zwischenzeit erschossen wird. Der Unterschied zwischen einer handwerklich mittelmäßig gemachten Zeitung und einer medialen Agenda ist der, dass die eine Zeitung es nicht besser weiß, die andere aber weiß es besser und verfolgt eine politische Strategie. Nämlich keine Empathie mit den Opfern in diesem Land aufkommen zu lassen. Bevor sich irgendwer über einen toten Flüchtling in der U-Haft, einer Psychiatrie oder auf der Straße erschrecken könnte, lieber noch einmal schnell behaupten, dass das größte Problem dieses Landes das Verfüttern von Sellerie statt Schnitzeln an Christenkinder sei. 

Jede Woche der gleiche Befund

Wie also reagieren? Man will ja schließlich nicht Twitter imitieren. Auf der anderen Seite. Wenn es Twitter nicht gäbe, würde das Ausmaß des rassistischen Terrors fast im Schweigen untergehen. Würde man in den Zeitungen jeden rechtsradikalen Vorfall gründlich nachrecherchieren und aufschreiben, wäre da kaum mehr Kapazität für etwas anderes. Der Rechtsradikalismus und die Medien, der Rechtsradikalismus und die wirtschaftlichen Verflechtungen, der Rechtsradikalismus und die Kriminalität, der Rechtsradikalismus und die Infrastrukturgesellschaft (Stichwort Gewerkschaften, Krankenhäuser, ambulante Pflegestationen, …), der Rechtsradikalismus und das Beamtentum, Rechtsradikale und ihre Kunst, ihre Bücher, ihre Verlage, meine Güte, da stünde da ja gar nichts anderes mehr.

Wie also kommentieren? Man kann doch nicht jede Woche den gleichen Befund stellen. Man will unbedingt nicht Teil dieser Empörungsoperette werden. Aber ignorieren kann man die Todesopfer doch auch nicht. Dann würden die ersten vier Artikel wirklich nur noch vom Brexit und vom Waldbrand handeln. Kann man diese Sehnsucht nach einem reinen, weißen Deutschland mit einem starken Führer einfach so stehen lassen? Wie soll man den angeschossenen Eritreer, für dessen Namen es keinen Platz in der deutschen Zeitung gibt, der kein Recht auf ein eigenes Gesicht, eine Vita bekommt, der schon morgen keine Rolle mehr spielen wird, so stehen lassen?

Jede Woche, in der man darüber schweigt, wird eine Woche sein, in der man schwieg. Zugunsten jener deutschen Stimmen, die ihre Milieus in Schutz zu nehmen versuchen, indem sie sich in dilettantischen soziologischen Erklärungen versuchen: Rechtsextremismus als Folge von Wolfspopulation, Treuhand und Windrädern. Der verängstigte Deutsche, der traurige Deutsche, der überforderte Deutsche, ja ja, man hat es begriffen, immer Deutsche unter den Opfern. Dass die Attackierten auch Deutsche sind oder wenigstens Mitbürger, dass die Prekarität ihrer Arbeits-, Wohn- und Lebensverhältnisse der Prekarität der Sachsen oder Brandenburger wirklich in nichts nachsteht, kann niemals Konsens werden, wenn man da nicht kontinuierlich und beharrlich einschreitet. Mustafa aus Möchengladbach ist Deutscher, alles andere ist NSDAP-Denke. Aber das kann man doch nicht jede Woche schreiben, damit macht man sich doch lächerlich!

Und nun zu den Sextipps für Senioren

Will man sich in die Sümpfe der Berichterstattung herunterlassen und jeden Mist mitkommentieren? Will man sich jedes Mal, wenn man sich über den hysterischen Jubel der Kollegen ekelt, weil sie erleichtert melden, dass eine Neonazidemo mit 63 Teilnehmern von sage und schreibe 143 Gegendemonstranten gekontert wurde, einmischen? Will man jedes Mal an die Exekutive und Judikative gerichtet fordern, dass nicht nur dem lebensgefährlich verletzten Eritreer sein Name, sein Gesicht, seine Vita zurückgegeben werden muss, sondern jedem Opfer eines Anschlags in diesem Land. Damit aus "angeschossenen Eritreern" endlich Menschen werden.

Man zügelt sich. Man sagt sich tausendmal: Empörung und Erregung sind keine würdige Publizistik. Man wartet, dass politisch reagiert wird, nicht medial, nicht kolumnistisch, nicht mit GIFs und Memes, oder wie dieser ganze alberne Mist heißt. Und dann passiert so etwas wie gestern, ein ganz normaler Tag in den deutschen Zeitungen, Brexit, Brexit, Brexit und sieben Tipps, wie man durch die Sommerhitze kommt. Irgendwo dazwischen ein Mann, angeschossen, weil wieder ein Deutscher durchgedreht ist. Normale Meldung, irgendwo in der Mitte. Nach den Sextipps für Senioren.