Als der Vorsitzende der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland im Herbst 2018 seinen ersten Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb, blieb der Protest nicht lange aus. Alexander Gauland hatte darin die Bildung einer "urbanen Elite" beklagt, die er als neue Klasse bezeichnete. Deren Mitglieder wohnten in Großstädten, sprächen fließend Englisch und zögen "zum Jobwechsel von Berlin nach London oder Singapur", weswegen die Bindung "an ihr jeweiliges Heimatland" schwach sei. Die Historiker Wolfgang Benz und Michael Wolffsohn erkannten (jeweils im Tagesspiegel) kurz nach der Veröffentlichung von Gaulands Text Parallelen zu einer Ansprache, die Adolf Hitler 1933 vor Arbeitern gehalten hatte. Darin hatte der "Führer" gegen "eine kleine wurzellose, internationale Clique" polemisiert, die überall und nirgends zuhause sei und mal in Brüssel, mal in Berlin lebe. Wolffsohn warf dem AfD-Vorsitzenden vor, dieser habe den hitlerschen Topos von der "Clique" zwar zur "globalistische(n) Klasse" aktualisiert, sich im Übrigen aber sinngemäß bei ihm bedient: "Nach dieser Methode wird aus den Städten Berlin, Brüssel, Paris, Prag, Wien oder London, zwischen denen die Internationalen bei Hitler hin und her ziehen, bei Gauland Berlin, London und Singapur." Es handle sich daher bei Gaulands Rede um "Hitler light".

Gauland distanzierte sich von diesem Vorwurf auf bereits vielfach erprobte Weise, indem er behauptete, die Rede Hitlers nicht zu kennen – und nutzte damit einmal mehr die Mechanismen von Provokation und halbherzigem Einlenken. Wenig später fiel Lesern des Berliner Tagesspiegel auf, dass Gauland sich offenbar auch großzügig bei einem Essay bedient hatte, den der Blogger Michael Seemann aka mspro dort zwei Jahre zuvor veröffentlicht hatte. Seemann hatte in seinem Text die Kritik an "der globalen Klasse" jedoch keineswegs selbst vertreten, sondern als Topos der Populisten lediglich referiert, um diesen dann zu kritisieren. Man müsse sich in die Rechtspopulisten und Wutbürger "einmal hineinversetzen, muss den Slogans lauschen und ihre Narrative nachvollziehen. Man muss zwar nicht ihre Ängste, aber ihre Parolen ernst nehmen", hatte Seemann dort geschrieben.

Dieser Artikel stammt aus der Juli-Ausgabe des "Merkur".

Diesen Slogans, Ängsten und Parolen zu lauschen ermöglicht nun ein Vortrag, den Gauland im Januar 2019 in den Räumlichkeiten eines völkischen Kleinverlags in Sachsen-Anhalt hielt. (Nachzuhören ist er übrigens auf der weltgrößten Online-Videoplattform – was das Internet angeht, scheint Gauland der "Globalismus" nicht zu stören.) Unter dem Titel Populismus und Demokratie wiederholt er darin im Wesentlichen seine bereits aus der FAZ bekannten Thesen, freilich ohne die Kritik an seinem Artikel zu erwähnen. Als Kronzeugen für seine Schelte der urbanen Eliten ruft er diesmal geschickt sowohl die linke Zeitschrift New Statesman als auch den aus einer jüdischen Familie stammenden britischen Journalisten David Goodhart auf. Goodhart hat eine noch weitere politische Wanderung hinter sich als der ehemals migrationsfreundliche Ex-Christdemokrat Gauland. Vor einigen Jahren wurde der langjährige Redakteur der Financial Times und nach eigenen Angaben ehemalige Marxist vom Literaturfestival in Hay ausgeschlossen, auf dem er fünfzehn Jahre lang als Redner präsent war. Seine migrationskritischen Thesen bündelte er 2017 in dem Buch The Road to Somewhere. In dieser Schrift, die Gauland ausführlich zitiert, konstruiert Goodhart drei neue "Herkunftssoziotope", auf die sich die britische Gesellschaft mittlerweile aufteile: die von ihm so genannten Anywheres, die Somewheres und die Inbetweeners.

Zu den Anywheres zählt Goodhart dieselbe Gruppe, die auch Gauland als eine Klasse von Entwurzelten angreift, also das Gros der Menschen mit höherer Bildung. Ihre große Mobilität, angeblich ein Ergebnis des globalen Finanzkapitalismus, habe dazu geführt – und hier greift Gauland einen zentralen Topos der völkischen Rechten auf –, dass sie "tragbare Identitäten" ausgebildet hätten. So weltoffen sie unterwegs seien, so sehr lebten sie dabei doch "sozial nahezu abgeschottet" in zentralen Großstadtvierteln. Obgleich sie nur 20 bis 25 Prozent der Gesellschaft ausmachten, dominierten sie die Kultur nahezu vollständig, denn sie kontrollierten Daten und Informationsflüsse. Mit dem Schriftsteller Robert Menasse und der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot träume diese nomadische Elite von einer Weltrepublik. Als ihre wichtigsten politischen Interessenvertreter betrachtet Gauland neben dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten Barack Obama den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, den Präsidenten der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker und selbstverständlich Angela Merkel.

Um die politische Gefährlichkeit dieser "neuen Klasse" zu belegen, ruft Gauland als weiteren Kronzeugen ausgerechnet den des Radikalismus unverdächtigen Liberalen Ralf Dahrendorf auf. Der Soziologe hatte unter dem Titel Die globale Klasse und die neue Ungleichheitbereits im November 2000 im Merkur die Entstehung einer neuen Spezies von Reisenden bemerkt, die ständig "mit fernen Partnern auf raffinierten Mobiltelefonen" verbunden seien und "viel Zeit in den Lounges internationaler Flughäfen verbringen". Damals hatte Dahrendorf Geschäftsleute, Medienmacher, einige Professoren und Stars aus Kultur und Unterhaltung zu dieser "globalen Klasse" gezählt, deren Ausweitung er zugleich prognostizierte: "Wie viele Kapitalisten gab es zur Zeit des Kommunistischen Manifests?" Dahrendorf hatte hellsichtig vor Bodengewinnen "autoritäre(r) Bewegungen der Rechten" gewarnt, die von Globalisierungsängsten profitieren könnten – was Gauland freilich unterschlägt.

"Gut und gerne leben"

In dessen simplizistischer Klassentheorie stehen auf der anderen Seite keine Sozialverlierer, sondern David Goodharts Somewheres. Diese seien weniger gebildet, sprächen keine Fremdsprachen und gehörten deswegen zu den "Sesshaften". Es handle sich, so Gauland, um "diejenigen, denen Heimat etwas bedeutet", die sie in der Nähe zu Haus, Kirche, Unternehmen, Sprache, Tradition und – er stellt sie sich wohl schon etwas betagt vor – Friedhof fänden. Zwischen diesen Markern einer vormodernen Heimeligkeit wollten sie "gut und gerne leben". Mit immerhin 50 Prozent machten die Somewheres nach Goodhart / Gauland die größte gesellschaftliche Gruppe aus – womit sie die schweigende Mehrheit verträten.

Über die zwischen diesen antagonistischen Gruppen positionierten Inbetweeners hingegen verrät Gauland so gut wie nichts, denn indifferente Lebensentwürfe oder gar Schattierungen zwischen den klar umrissenen Extremen stören offenbar beim populistischen Kerngeschäft: einer Polarisierung, die Konflikte nicht lösen, sondern konfrontativ zuspitzen will, um maximalen politischen Nutzen aus der geschürten Verunsicherung zu ziehen. Gauland beschloss seine Rede, bei der sich auch der Anführer des nationalistischen "Flügels" der AfD, Björn Höcke, im Publikum befand, mit einem Botho-Strauß-Zitat: "Zwischen den Kräften des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens wird es Krieg geben." Und fügte düster drohend hinzu: "Genau das alles steht uns bevor, wobei wir alles dafür tun werden, dass der Konflikt friedlich ausgetragen wird." Der Tonfall macht klar, dass es notfalls eben auch unfriedlich ausgehen könnte.