Klassenkampf von rechts – Seite 1

Als der Vorsitzende der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland im Herbst 2018 seinen ersten Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb, blieb der Protest nicht lange aus. Alexander Gauland hatte darin die Bildung einer "urbanen Elite" beklagt, die er als neue Klasse bezeichnete. Deren Mitglieder wohnten in Großstädten, sprächen fließend Englisch und zögen "zum Jobwechsel von Berlin nach London oder Singapur", weswegen die Bindung "an ihr jeweiliges Heimatland" schwach sei. Die Historiker Wolfgang Benz und Michael Wolffsohn erkannten (jeweils im Tagesspiegel) kurz nach der Veröffentlichung von Gaulands Text Parallelen zu einer Ansprache, die Adolf Hitler 1933 vor Arbeitern gehalten hatte. Darin hatte der "Führer" gegen "eine kleine wurzellose, internationale Clique" polemisiert, die überall und nirgends zuhause sei und mal in Brüssel, mal in Berlin lebe. Wolffsohn warf dem AfD-Vorsitzenden vor, dieser habe den hitlerschen Topos von der "Clique" zwar zur "globalistische(n) Klasse" aktualisiert, sich im Übrigen aber sinngemäß bei ihm bedient: "Nach dieser Methode wird aus den Städten Berlin, Brüssel, Paris, Prag, Wien oder London, zwischen denen die Internationalen bei Hitler hin und her ziehen, bei Gauland Berlin, London und Singapur." Es handle sich daher bei Gaulands Rede um "Hitler light".

Gauland distanzierte sich von diesem Vorwurf auf bereits vielfach erprobte Weise, indem er behauptete, die Rede Hitlers nicht zu kennen – und nutzte damit einmal mehr die Mechanismen von Provokation und halbherzigem Einlenken. Wenig später fiel Lesern des Berliner Tagesspiegel auf, dass Gauland sich offenbar auch großzügig bei einem Essay bedient hatte, den der Blogger Michael Seemann aka mspro dort zwei Jahre zuvor veröffentlicht hatte. Seemann hatte in seinem Text die Kritik an "der globalen Klasse" jedoch keineswegs selbst vertreten, sondern als Topos der Populisten lediglich referiert, um diesen dann zu kritisieren. Man müsse sich in die Rechtspopulisten und Wutbürger "einmal hineinversetzen, muss den Slogans lauschen und ihre Narrative nachvollziehen. Man muss zwar nicht ihre Ängste, aber ihre Parolen ernst nehmen", hatte Seemann dort geschrieben.

Dieser Artikel stammt aus der Juli-Ausgabe des "Merkur".

Diesen Slogans, Ängsten und Parolen zu lauschen ermöglicht nun ein Vortrag, den Gauland im Januar 2019 in den Räumlichkeiten eines völkischen Kleinverlags in Sachsen-Anhalt hielt. (Nachzuhören ist er übrigens auf der weltgrößten Online-Videoplattform – was das Internet angeht, scheint Gauland der "Globalismus" nicht zu stören.) Unter dem Titel Populismus und Demokratie wiederholt er darin im Wesentlichen seine bereits aus der FAZ bekannten Thesen, freilich ohne die Kritik an seinem Artikel zu erwähnen. Als Kronzeugen für seine Schelte der urbanen Eliten ruft er diesmal geschickt sowohl die linke Zeitschrift New Statesman als auch den aus einer jüdischen Familie stammenden britischen Journalisten David Goodhart auf. Goodhart hat eine noch weitere politische Wanderung hinter sich als der ehemals migrationsfreundliche Ex-Christdemokrat Gauland. Vor einigen Jahren wurde der langjährige Redakteur der Financial Times und nach eigenen Angaben ehemalige Marxist vom Literaturfestival in Hay ausgeschlossen, auf dem er fünfzehn Jahre lang als Redner präsent war. Seine migrationskritischen Thesen bündelte er 2017 in dem Buch The Road to Somewhere. In dieser Schrift, die Gauland ausführlich zitiert, konstruiert Goodhart drei neue "Herkunftssoziotope", auf die sich die britische Gesellschaft mittlerweile aufteile: die von ihm so genannten Anywheres, die Somewheres und die Inbetweeners.

Zu den Anywheres zählt Goodhart dieselbe Gruppe, die auch Gauland als eine Klasse von Entwurzelten angreift, also das Gros der Menschen mit höherer Bildung. Ihre große Mobilität, angeblich ein Ergebnis des globalen Finanzkapitalismus, habe dazu geführt – und hier greift Gauland einen zentralen Topos der völkischen Rechten auf –, dass sie "tragbare Identitäten" ausgebildet hätten. So weltoffen sie unterwegs seien, so sehr lebten sie dabei doch "sozial nahezu abgeschottet" in zentralen Großstadtvierteln. Obgleich sie nur 20 bis 25 Prozent der Gesellschaft ausmachten, dominierten sie die Kultur nahezu vollständig, denn sie kontrollierten Daten und Informationsflüsse. Mit dem Schriftsteller Robert Menasse und der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot träume diese nomadische Elite von einer Weltrepublik. Als ihre wichtigsten politischen Interessenvertreter betrachtet Gauland neben dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten Barack Obama den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, den Präsidenten der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker und selbstverständlich Angela Merkel.

Um die politische Gefährlichkeit dieser "neuen Klasse" zu belegen, ruft Gauland als weiteren Kronzeugen ausgerechnet den des Radikalismus unverdächtigen Liberalen Ralf Dahrendorf auf. Der Soziologe hatte unter dem Titel Die globale Klasse und die neue Ungleichheitbereits im November 2000 im Merkur die Entstehung einer neuen Spezies von Reisenden bemerkt, die ständig "mit fernen Partnern auf raffinierten Mobiltelefonen" verbunden seien und "viel Zeit in den Lounges internationaler Flughäfen verbringen". Damals hatte Dahrendorf Geschäftsleute, Medienmacher, einige Professoren und Stars aus Kultur und Unterhaltung zu dieser "globalen Klasse" gezählt, deren Ausweitung er zugleich prognostizierte: "Wie viele Kapitalisten gab es zur Zeit des Kommunistischen Manifests?" Dahrendorf hatte hellsichtig vor Bodengewinnen "autoritäre(r) Bewegungen der Rechten" gewarnt, die von Globalisierungsängsten profitieren könnten – was Gauland freilich unterschlägt.

"Gut und gerne leben"

In dessen simplizistischer Klassentheorie stehen auf der anderen Seite keine Sozialverlierer, sondern David Goodharts Somewheres. Diese seien weniger gebildet, sprächen keine Fremdsprachen und gehörten deswegen zu den "Sesshaften". Es handle sich, so Gauland, um "diejenigen, denen Heimat etwas bedeutet", die sie in der Nähe zu Haus, Kirche, Unternehmen, Sprache, Tradition und – er stellt sie sich wohl schon etwas betagt vor – Friedhof fänden. Zwischen diesen Markern einer vormodernen Heimeligkeit wollten sie "gut und gerne leben". Mit immerhin 50 Prozent machten die Somewheres nach Goodhart / Gauland die größte gesellschaftliche Gruppe aus – womit sie die schweigende Mehrheit verträten.

Über die zwischen diesen antagonistischen Gruppen positionierten Inbetweeners hingegen verrät Gauland so gut wie nichts, denn indifferente Lebensentwürfe oder gar Schattierungen zwischen den klar umrissenen Extremen stören offenbar beim populistischen Kerngeschäft: einer Polarisierung, die Konflikte nicht lösen, sondern konfrontativ zuspitzen will, um maximalen politischen Nutzen aus der geschürten Verunsicherung zu ziehen. Gauland beschloss seine Rede, bei der sich auch der Anführer des nationalistischen "Flügels" der AfD, Björn Höcke, im Publikum befand, mit einem Botho-Strauß-Zitat: "Zwischen den Kräften des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens wird es Krieg geben." Und fügte düster drohend hinzu: "Genau das alles steht uns bevor, wobei wir alles dafür tun werden, dass der Konflikt friedlich ausgetragen wird." Der Tonfall macht klar, dass es notfalls eben auch unfriedlich ausgehen könnte.

"Die Dämonisierung der globalisierten Akademiker"

Nun könnte man Gaulands Elitenkritik, die sich aus zahlreichen Quellen speist und zu der Hitler-Rede zumindest nicht im Widerspruch steht, als rechte Bürgerkriegsfantasie oder überkommenen Heimatkitsch abtun und in der völkischen Ecke stehen lassen, in der sie sich formiert. Ebenso könnte man auf die antisemitische Tradition verweisen, in der das Klischee des "heimatlosen Kosmopoliten" steht, denn ihm ist das aus dem Nationalsozialismus und seinen Vorläufern sattsam bekannte Stereotyp vom "entwurzelten Ahasver" als Gegenbild zum fest auf seiner Scholle stehenden "Volksgenossen" eingeschrieben. Da die von Globalisierungsangst grundierte Klassenkampfrhetorik jedoch mittlerweile weit über das rechte Lager hinaus anschluss-, wenn nicht sogar konsensfähig ist, muss man sich näher damit auseinandersetzen.

Adam Soboczynski hat kürzlich in der ZEIT darauf hingewiesen, dass "die Dämonisierung der globalisierten Akademiker" mittlerweile vielfältige Anhänger hat. Zu ihnen gehört der christdemokratische Gesundheitsminister Jens Spahn, wenn er sich medienwirksam über die jetsettenden "elitären Hipster" beschwert, denen zuliebe Café-Bedienungen in Berlin mittlerweile Englisch sprächen, aber auch der Sozialdemokrat Sigmar Gabriel, wenn er die perspektivlosen Arbeiter aus dem amerikanischen rust belt ebenjenen hedonistischen Hipstern in Kalifornien gegenüberstellt. Die Globalisierungsskeptiker in der von der Sozialistin Sahra Wagenknecht mitbegründeten linken Sammlungsbewegung "Aufstehen" stoßen in das gleiche Horn, und selbst Anhänger der Grünen, die Gauland als die Partei der entnationalisierten Globalisten identifiziert, dürften sich in der Beschreibung urbanisierter Weltbürger durchaus wiederfinden, wenn auch mit positiver Bewertung. Und ist diese Beschreibung überhaupt falsch?

Kultur als Konfliktzone

Die schiere Existenz einer stetig wachsenden Gruppe gut ausgebildeter Menschen, die in international vernetzten Arbeitsverhältnissen tätig sind und von ihrer in Auslandsstudien und auf internationalen Schulen erworbenen Weltläufigkeit profitieren, dürfte weitgehend unstrittig sein. Ihre politische Sprengkraft bezieht sie aber erst aus dem Gegenbild der weniger gut ausgebildeten Schichten, die dem Nationalen verhaftet seien und daher voller Hass und Neid auf die neuen Globalen blickten. Interessanterweise folgt die Argumentation keinen wirtschaftlichen Niedergangsszenarien, denn die Somewheres scheinen zumindest bei Gauland keineswegs um ihre Existenz zu bangen. Im Gegenteil, sie scheinen stabil in der Mitte der Gesellschaft zu stehen, wenngleich sie sich subjektiv zunehmend selbst entmachtet fühlen. Der Konflikt wird also nicht auf sozialem, sondern vorwiegend auf kulturellem Gebiet ausgetragen: Es geht nicht so sehr um Einkommensfragen, sondern um solche der privaten Lebensführung, der Mobilität und Sprache. Dabei wird stillschweigend vorausgesetzt, dass der einfache, weniger gebildete Mensch ein gleichsam natürliches Bedürfnis nach "Heimat" habe. Für die größere Gruppe der Bevölkerung sei eine globalisierte Welt mit ihrem unübersichtlichen Nebeneinander aus Versatzstücken unterschiedlicher Kulturen demnach zu komplex.

In dieser – ebenfalls weithin konsensfähigen – Prämisse wird kulturelle Heimat gleichsam naturalisiert. Der "einfache" Mensch erscheint darin an eine nationale Monokultur gebunden, da die neuere Entwicklung der Elitenglobalisierung an ihm vorbeigegangen sei. Er befinde sich noch immer im Zustand einer nationalkulturellen Tradition mit tiefen Wurzeln in vergangenen Jahrhunderten. Abermals Goodhart zitierend nennt Gauland als Beispiele für verunsicherte Somewheres den "schottischen Landwirt" oder den "Arbeiter aus dem mittelenglischen Industriegebiet, die Hausfrau aus Cornwall". Dabei fällt auf, dass auch die Somewheres wenig detailfreudig und ausgesprochen klischeehaft beschrieben werden, vielleicht weil Populisten vom Schlage eines Alexander Gauland selbst jenen Eliten angehören, die sie kritisieren, und im Grunde wenig von der Schicht verstehen, für die zu sprechen sie vorgeben.

Diese Wissenslücke haben sie nicht exklusiv. Während sich zahlreiche Studien der Kultur der vermeintlichen Eliten widmen, ist die Lebenswelt gesellschaftlicher Großgruppen ungleich weniger erforscht. Das marxistische Interesse an der Arbeiterschaft ist lang erloschen, den vielen Regalmetern zur Kultur des Bürgertums und zu den Geistesblitzen der zumeist aus traditionellen Eliten stammenden männlichen Meisterdenker stehen vergleichsweise wenige Arbeiten zu Lebensweise und Kultur der breiten Mittelschicht gegenüber. Dies gilt besonders für die Geschichtswissenschaften, da selbst jene an der ganzen Gesellschaft ausgerichteten Disziplinen sich zwar viel für Strukturbedingungen und sozialpolitische Fragen interessiert, kulturelle Inhalte jedoch unter dem Kampfbegriff des Kulturalismus lange Zeit weitgehend ausgeblendet haben. Diese Ignoranz rächt sich in dem Moment, wo Kultur zur Kampfzone politischer Konflikte erklärt wird – eine ungeahnte Volte, die der Rechtspopulismus in Adaption linker Identitätspolitik derzeit vollzieht.

Um die nicht nur dort vorgetragene These von der stramm nationalkulturell ausgerichteten heimatliebenden Mehrheit zu überprüfen, bedarf es daher eines Blicks in die jüngere kulturhistorische Forschung. Vor allem die Lebensstilsoziologie hat sich mit gesellschaftlichen Panoramadarstellungen befasst, doch sind deren "Sinus-Milieus" mittlerweile ebenfalls in die Kritik geraten, auch wenn sie in der Kultursoziologie etwa von Andreas Reckwitz durchaus weiterentwickelt werden. Das Bild, das sich aus neueren Arbeiten ergibt, stimmt mit den Stereotypen, die derzeit die Debatte beherrschen, nur sehr wenig überein. Denn die Impulse für eine Internationalisierung der Lebensstile kamen in den vergangenen Jahrzehnten keineswegs vornehmlich von "globalen Eliten". Sie kamen aus der als "unten" gedachten Schicht und diffundierten von dort aus in die Offizialkultur – oftmals gegen den heftigen Widerstand von deren Sachwaltern in Redaktionen, Universitäten und Behörden. Um diesen Prozess nachzuvollziehen, muss man etwas weiter ausholen und sich weniger mit der Intellektuellengeschichte, sondern vor allem mit der Popgeschichte, der Alltagskultur und dem beschäftigen, was der Kulturethnologe Kaspar Maase als das "Massenschöne" bezeichnet hat.

Wie schichtspezifisch die kulturellen Vorlieben der Deutschen direkt nach dem Zweiten Weltkrieg verteilt waren, ermittelten zuerst die Amerikaner. Interessiert an der Frage, ob die Besiegten für eine kulturelle Re-Education zur Demokratie etwa durch den zuvor weitgehend unterdrückten Jazz empfänglich seien, verwarfen sie diese Idee rasch wieder. Umfragen hatten 1953 ergeben, dass nur ein Anteil von drei Prozent der Radiohörerschaft der "flotten" amerikanischen Populärmusik gegenüber aufgeschlossen war. Diese Gruppe war nicht nur überdurchschnittlich jung; sie rekrutierte sich auch aus Menschen mit wenig formeller Bildung. Die Bildungsschicht hingegen orientierte sich am etablierten Kanon "abendländischer" Musik. Der Anteil verschob sich rasch: 1955 standen einer Emnid-Umfrage zufolge den 26 Prozent jugendlicher Liebhaber von Oper und Operette nun schon 18 Prozent Schlager- und Jazzbegeisterte gegenüber.

Staatenübergreifende Kultur, die von unten kam

Diese Vorlieben folgten Bildungsgrenzen: "Unter den Jugendlichen gehobener Schulbildung ist am meisten Interesse für die anspruchsvolle Musik vorhanden", so die Studie, doch selbst junge Berufstätige mit Volksschulbildung nannten häufiger Künstler und Interpreten der klassischen Musik als Exponenten der Schlager-, Jazz- und Marschmusik. Bei den Tänzen waren es zehn Prozent der Jugendlichen, die sich lieber zu südamerikanischen und afroamerikanischen Tänzen wie Boogie-Woogie, Samba, Rumba und Jitterbug bewegten, während die mit knapp 30 Prozent größte Gruppe den Walzer bevorzugte, dessen Skandalisierung mittlerweile ein halbes Jahrhundert zurücklag. In den folgenden zehn Jahren – und darauf kommt es an – wuchs die kleine, "fremden" Einflüssen aufgeschlossene Avantgarde aus der Unterschicht jedoch exponentiell an.

Spätestens seitdem 1956/57 das Kino mit Filmen wie Rock Around the Clock oder Don’t Knock the Rock amerikanische Rhythmen bekannt gemacht hatte, kam es zu erheblichen Konflikten um die Akzeptanz internationaler Kultur – und das nicht nur in Deutschland. In London hatten vorwiegend männliche Jugendliche in amerikanisierter Kleidung aus traditionellen Arbeitervierteln wie Elephant and Castle oder dem East End bei Musikfilmvorführungen in den Gängen von Kinos getanzt. Schockiert über den vermeintlich negativen Einfluss afroamerikanischer Musik riefen die britischen Tabloids nationale "cinema riots" aus. Auch in anderen europäischen Staaten lieferten sich junge Musikfans Auseinandersetzungen mit der Polizei: etwa in Oslo, dem niederländischen Haarlem und in Paris. In Deutschland wurde eine regelrechte Welle von "Halbstarkenkrawallen" nach Filmvorführungen und Rockkonzerten ausgemacht, die man mit harten Polizeimaßnahmen unter Kontrolle zu bringen suchte. Im Zentrum dieser repressiven Maßnahmen stand staatenübergreifend eine neue internationalisierte Kultur, der gerade die Eliten, die heute als "globalisiert" gekennzeichnet werden, mit nationalkulturellen Ressentiments begegneten, während es junge Menschen aus den "unteren" Schichten waren, die afroamerikanische Musik und Moden, französische Filme und karibische Tänze enthusiastisch adaptierten, womit es sich bei den Krawallen nicht nur um Konflikte um "Ruhe und Ordnung" handelte, sondern um einen regelrechten Kulturkampf.

Die zeitgenössische Kulturkritik reagierte mit heftigen Abwehrreaktionen vor allem auf den transnationalen Charakter der neuen Kultur. Besonders vehement wurden fremdländisch klingende Sounds debattiert. So aktualisierten Musikkritiker die schon von dem antisemitischen Kulturphilosophen Ludwig Klages 1933 vorgetragene Entgegensetzung von Takt und Rhythmus, die sie mit der von Kultur und Natur gleichsetzten. Aber auch das Kino geriet wegen seiner schnellen Schnitte und fremdländischen Inhalte in die Kritik und beschäftigte zahlreiche Expertengremien mit Zensur- und Schnittforderungen. Abermals waren es die wenig gebildeten jungen Menschen, die den Produkten einer globalisierten Kulturindustrie aufgeschlossen gegenüberstanden, während man in Jugendämtern, Expertenkommissionen und auch in Parlamenten die kulturpessimistische These vom Werteverfall diskutierte.

Der Ur-Hipster als Underground-Phänomen

Doch die Transkulturation von großen Teilen der Jugend inspirierte einige Beobachter auch zu positiven Utopien. Der amerikanische Schriftsteller Norman Mailer etwa sah schon 1957 in der Figur des Hipsters (dessen Nachfahren heute wieder als Hassfiguren in antiglobalistischen Kulturpessimismen bemüht werden), der sich an afroamerikanischen textilen und musikalischen Moden orientiert, die Verkörperung einer neuen urbanen Ethnie, die sich jenseits der Grenzen von Hautfarben formiere und die er als "white Negro" bezeichnete. Mailers emphatisches Generationenkonstrukt blieb nicht lange unwidersprochen und wurde schon von Zeitgenossen als eine naive und unzulässige Aneignung afroamerikanischer Stile zurückgewiesen, wie etwa Jean Malaquais formulierte: "Hip" sei nichts als ein blühender Ausdruck des romantischen Idealismus Mailers. In Deutschland hingegen fiel die Denkfigur des transkulturell orientierten Hipsters auf fruchtbaren Boden: nämlich bei dem "Jazz-Papst" Joachim-Ernst Berendt, der Mailers Konzept 1962 den jungen Lesern der Zeitschrift twen vorstellte, die Medienuntersuchungen zufolge ganz überwiegend aus der nichtakademischen Mittelschicht stammten. Damals galt der Hipster freilich noch nicht als Leitfigur einer übermäßig gebildeten oder gar finanzstarken Elite, sondern als ein Underground-Phänomen.

Folgte der Kulturkonsum in der Jahrhundertmitte nicht nur altersmäßigen, sondern vor allem sozialen Grenzen, so wurden seit Anfang der sechziger Jahre integrative Angebote aus der Popkultur zunehmend schichtenübergreifend angenommen. Der Beat, insbesondere aber die Beatles hatten zunächst neuerliche Schockwellen in die national orientierte Elitenkultur ausgesendet. Zeitungen und Magazine überboten sich mit Artikeln über die "quecksilbrigen Zottelknaben" aus Liverpool, die nun die Nationalkulturen zu anglisieren drohten, wie der militärische Kampfbegriff "British Invasion" anzeigte. Experten bestätigten nach soziologischen Untersuchungen, dass es sich bei den Beatles-Fans um ein unter jungen Menschen weithin verbreitetes Konsensphänomen handelte. Die deutschen Babyboomer waren folglich alles andere als deutschtümelnde Somewheres.

Aber auch in der Heimat der Beatles verbreiteten sich ausländische Musiken rasant. Es waren gerade die (heute von Gauland als Heimat verunsicherter Briten beschworenen) mittel- und nordenglischen Industriestädte, in denen junge Arbeiterinnen und Arbeiter sich begeistert afroamerikanischer Musik zuwandten. In der Northern-Soul-Bewegung der siebziger Jahre wurden gerade jene Musikstücke auf geradezu kultische Weise von jungen Weißen fetischisiert, in denen schwarze Musikerinnen ihre Alltagssorgen und ein schichtspezifisches Zusammengehörigkeitsgefühl besangen. Diese Gemeinschaftsbildung wurde von der jungen Einwohnerschaft der britischen Industriearbeiterviertel kurzerhand auf die eigene prekäre Lebenssituation übertragen. Das Logo der schwarzen Faust unter dem geschwungenen Slogan "Keep the Faith" diente als Beglaubigung dieser sozialkulturellen Identifikation über die Demarkationslinien von Hautfarben und Kontinenten hinweg.

Doch die Jugendlichen schauten auch nach Frankreich: Zusammengerollte französische Zeitungen schmückten nicht nur in London, sondern auch bei deutschen "Exis" beiderseits des Eisernen Vorhangs als dekoratives Bekenntnis zur Pariser Lebensart Cafétische und Manteltaschen von Jazzfans, die kein Wort Französisch sprachen. Die nördlich von Leeds aufgewachsene Sheila Rowbotham erinnert sich rückblickend an ihre Transformation in das, was sie sich unter einer französischen Existentialistin vorstellte: ein weißgeschminktes Gesicht zum weitesten schwarzen Pullover, den es bei C&A zu kaufen gab. Es ist ziemlich plausibel, dass auch die stereotype "Hausfrau in Cornwall" (Gauland) auf eine ähnliche Jugend zurückblickt.

Transnationalisierung der Lebensstile

Die damalige Transnationalisierung einer neuen, an afroamerikanischen Rhythmen und elektrifizierten Sounds ebenso wie am Kino und an textilen Moden orientierten Kultur weitete sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch aus. Sie wurde vermittelt durch neue Produktpaletten und Medien, darunter Rundfunk- und Fernsehsendungen und eine Jugendpresse neuen Typs, deren Cover internationale Stars schmückten. Die Auflage der bundesdeutschen Bravo, die sich zu einer Art Leitmedium der neuen Jugend aufschwang und mit den soldatischen Männlichkeitsidealen der älteren Jahrgänge brach, wie Kaspar Maase herausgestellt hat, übertraf Anfang der 1970er Jahre mit 2,9 Millionen Exemplaren die des Spiegel. Gerade in Deutschland orientierte sich die Popkultur weitgehend an anglo(afro)amerikanischen Vorbildern. Von einer nationalkulturellen Heimat der Angehörigen einer unteren und mittleren Schicht im Unterschied zu den Eliten kann daher aus zeithistorischer Sicht keine Rede sein, zumal der Musikkonsum durchaus nicht der einzige Indikator für eine weitreichende Entnationalisierung ist.

Spaghetti, Sushi, Döner: die Einverleibung des Fremden

Auch die Ernährungsgewohnheiten transnationalisierten sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts grundlegend, wie die Leipziger Kulturhistorikerin Maren Möhring gezeigt hat. Schon um 1900 gab es im Zuge von Migration "skandinavische, russische, polnische, italienische Restaurants", und man konnte sogar "à la Nippon" speisen, wie sie in ihrer Studie Fremdes Essen festhält. Italienische Eisdielen hatten sich seit dem späten 19. Jahrhundert etabliert, und besonders in Hamburg erfreute sich die chinesische Küche schon früh großer Beliebtheit. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte der Außer-Haus-Verzehr, der seit den fünfziger Jahren mit einer erhöhten beruflichen und privaten Mobilität nicht nur der Eliten, sondern der breiten Bevölkerung einherging, für die Bundesdeutschen eine immer bedeutsamere Rolle.

"Außer Haus" hieß immer öfter auch, Gerichte von "außer Landes" zu konsumieren. Zwar waren es hier anfangs in der Tat "junge, urbane Konsumenten mit häufig hohen Bildungsabschlüssen", die den Besuch ausländischer Restaurants als "ein zentrales Medium der Distinktion" pflegten, so Möhring. Ähnlich wie bei der internationalisierten Popmusik bot das Essen eine Möglichkeit der "Abweichung vom Herkömmlichen" und war besonders für junge Leute ein probates Mittel, sich vom Lebensstil der Eltern abzugrenzen. Doch erfuhren gerade die "Gastarbeiterküchen" wie die griechische oder jugoslawische beziehungsweise "Balkanküche" seit den 1970er Jahren eine schichtenübergreifende Akzeptanz – und waren damit erheblich weiter verbreitet als etwa die als Haute Cuisine der Oberschicht geltende französische Gastronomie.

Dies geschah nicht nur rein symbolisch durch die (im Wortsinn) Einverleibung des Fremden; in ausländischen Restaurants konnte man mit migrantischen Gästen und Gastronomen in realen Kontakt kommen, die hier nicht als marginalisierte Gruppe, sondern als Akteure begriffen wurden, die eine schließlich auch für die heimischen Kochgewohnheiten geschmacksbildende Vorbildfunktion einnahmen. Die italienische Küche wurde so zum Leitbild und der türkische Döner Kebab gar zum Symbol des bundesdeutschen Fast Food – auch hier gegen die Invektiven der herrschenden Geschmackseliten in Gestalt von Gastronomiekritikern, die in amerikanischem Ketchup, belgischer Mayonnaise und türkischem Döner zuverlässig Symptome eines Verfalls nationalkultureller Essgewohnheiten oder nivellierender Vermassung sahen.

Auch die Mobilität der Deutschen unterlag einer beispiellosen Entnationalisierung. Die Historikerin Sina Fabian hat eindrucksvoll nachgewiesen, dass der Besuch anderer Länder seit den Sechzigern zu einem zentralen Anliegen der Mittelschicht wurde, in der Bundesrepublik ebenso wie in Großbritannien. Waren zunächst die Briten Europameister im Reisen, so schlossen die Bundesdeutschen im Verlauf der 1980er Jahre deutlich auf. Mit der Pauschalreise reisten nun vor allem jene Menschen, "die bis zu diesem Zeitpunkt noch keine oder kaum Auslandsreiseerfahrung hatten", wie Fabian nachzeichnet: In der Bundesrepublik verdoppelte sich die Zahl von Auslandsreisen zwischen 1970 und 1988. Die Organisatoren dieser Mobilität hießen Neckermann und TUI, Studiosus und Quelle. Das neue Fernweh folgte nicht nur einem freundlicheren Wetterbericht; auch die Begegnung mit "dem Fremden" wurde von großen Teilen befragter Ferntouristen als Hauptmotivation benannt.

Kulturelle Heimat war stets ein gedachter Ort

"Kultur wird nicht mehr im Sinne eines Bildungsbürgertums verstanden, sondern nach dem Verständnis der Kulturanthropologie als die Gesamtheit der von Menschen geschaffenen Dinge. Nichts interessiert den Urlauber so sehr wie die Menschen im Urlaubsland und die Art, wie die Menschen miteinander leben", zitiert Fabian eine zeitgenössische Studie. Es blieb nicht bei exotisierenden Flamenco-Shows und Kamelritten, auf deren Beliebtheit bei Reisenden sich das Bildungsniveau übrigens kaum auswirkte. Der Kontakt durfte durchaus hautnah sein. Auch der "Latin Lover" im Siebziger-Jahre-Schlager Eviva España war eine Reisemotivation, und manche Urlaube verlängerten nicht nur mit dem Nachkochen der Urlaubsgerichte (Möhring bezeichnet sie als "agents of memory") die Reise in den heimischen Alltag hinein, sondern auch durch Liebesabenteuer, aus denen sich eine Vielzahl transnationaler Partnerschaften entwickelte. (Und auch das vermeintlich nationalkulturelle Schlagergenre brachte häufig Fernweh zum Ausdruck und wurde von Interpreten bestritten, die wie Roberto Blanco, Daliah Lavi oder Nana Mouskouri von Migration geprägte Biografien hatten.) Der Diavortrag von der Auslandsreise im Freundes- und Familienkreis etablierte sich zudem als Ausweis touristischer Weltläufigkeit "für alle" gerade in der unteren Mittelschicht.

Der Normalismus der Eliten

Musik, Essen und Reisen sind nicht die einzigen Felder, die auf eine entnationalisierte Populärkultur hindeuten. Der Saarbrücker Historiker Dietmar Hüser hat jüngst eine Fülle von Einzelstudien zu Kulturprodukten wie Comics, Kinofilmen, Zeitschriften, Versandhausmoden und Fernsehshows herausgegeben und diese Produkte als Faktoren der Verflechtung eines Kulturraumes bewertet, der sich seit den sechziger Jahren über nationalstaatliche und sogar kontinentale Grenzen hinweg formiert. Angesichts dieser Befunde der jüngeren kultur- und konsumhistorischen Forschung über eine tiefgreifende Transnationalisierung der Lebensstile in den sechziger bis achtziger Jahren muss man sich fragen, was aus den jungen Leuten von damals und ihrem kulturellen Internationalismus heute geworden ist – träfe die Konstruktion erdverbundener Somewheres als Massenbasis eines traditionellen Heimatgefühls denn zu. Sollten die jungen britischen Soul- und Beat-Fans der Sechziger nun im Alter zu Volksmusik und nationaler Monokultur übergelaufen sein? Und die Freunde des weitgehend popularisierten Sushi zu der aus Südamerika eingewanderten, mittlerweile aber als vorbildlich integriert, wenn nicht gar germanisiert geltenden Salzkartoffel mit brauner Soße? Liegen die neuen Sehnsuchtsorte des Massentourismus wieder innerhalb nationaler Grenzziehungen zwischen Zugspitze und Nordseeküste, und sind Flug- und Fernreisen zurückgegangen?

Es deutet nichts darauf hin. Denn die Idee, dass die "natürliche" Kultur des einfachen Menschen eine regionale oder nationale sein müsste, die alles "Fremde" rigoros ablehnt, stammt nicht von den als einfach klassifizierten Menschen. Sie wurde und wird vorzugsweise von den bürgerlichen Eliten formuliert, die sich selbst zwar einen globalen Horizont zutrauen, die weitgehend abstrakt gezeichnete "breite Masse" aber nach wie vor zum legitimen Träger einer Nationalidentität naturalisieren. Diese Konstruktion speist sich nicht nur aus Ignoranz gegenüber der Alltagskultur, die gewissermaßen die Schattenseite einer noch immer weitverbreiteten Dominanz der an Eliten orientierten Ideengeschichte ist, sondern auch aus einem bürgerlichen Nationalismus, der früher in glühender Emphase für alles "Deutsche" vorgetragen wurde (etwa in Herders Volkslied-Theorem), heute hingegen ex negativo formuliert wird: Was gut für uns Gebildete sein mag, überfordert den Rest der Gesellschaft. Das Resultat ist in beiden Fällen ein Kulturnationalismus, als dessen Träger abermals "das Volk" essentialisiert wird.

Dagegen spricht nicht nur die Kulturgeschichte, sondern auch die gegenwärtige Verfasstheit beider Gruppen. Sieht man sich die neuesten verfügbaren Zahlen an, so stehen sie in krassem Widerspruch zur stereotypen Behauptung der überdurchschnittlichen Globalisierung deutscher Eliten. Nach aktuellen Zahlen haben nur 4,6 Prozent der Beamtinnen und Beamten einen Migrationshintergrund; in der Arbeiterschaft hingegen sind es 34 Prozent – sie ist also tatsächlich die Avantgarde der Transnationalisierung. Die deutsche Professorenschaft hingegen ist weit weniger divers: Nach der Untersuchung eines Forschungsteams um Aylâ Neusel, Andrä Wolter und Ole Engel von 2014 liegt der Anteil an Menschen mit Migrationsbiografie in dieser vermeintlich "globalistischen Klasse" bei nur 11,6 Prozent, von denen wiederum nur 8 Prozent aus Staaten außerhalb Europas und Amerikas stammen. Bei den Spitzen der Wirtschaft dürfte es mindestens genauso schlecht aussehen; die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben hier noch nicht einmal Zahlen erhoben. Deutsche Akademiker telefonieren zwar oft auf Flughäfen und reisen gern zu internationalen Konferenzen – so weit ließe sich Dahrendorf zustimmen –, doch bei ihrer Elitenrekrutierung reproduzieren sie einen historischen Migrationsschnitt, der weit hinter den der gegenwärtigen Gesamtbevölkerung zurückfällt, der bei 23 Prozent liegt. Die deutschen Funktionseliten sind damit nicht die Vorreiter von Globalisierung und Integration, sondern das Schlusslicht.

Nun ließe sich gegen eine umfassende Transnationalisierung der Mittelschicht einwenden, dass die Aneignung fremder Kulturen keineswegs vor Nationalismen schützen muss: Man denke an die Exotisierung des Anderen, jenes kulturelle "Othering", das sich auch in exotisierenden Vorstellungen möglichst weit entfernter Gruppen äußern kann, etwa in der emphatischen, aber gleichfalls stereotypisierenden "Afroamerikanophilie" der Bundesdeutschen oder in der "ethnischen Performance" (Möhring) einer Selbstitalienisierung des Pizzeriakellners, der seinem deutschen Publikum zuliebe den kinderlieben Südländer gibt, der er privat womöglich gar nicht ist. Das Interesse am Fremden kann sogar eine stärkere Konturierung des vermeintlich Eigenen hervorbringen. Ganz gewiss ist nicht zwangsläufig ein antirassistischer Multikulturalist, wer gerne Spaghetti isst und nach Mallorca fliegt, und aus der Adaption globaler Kulturen muss keine dezidiert politische Haltung folgen.

Die selbsterklärte "bürgerliche Mitte"

Dass aber ausgerechnet die untere Mittelschicht, die in den fünfziger und sechziger Jahren in Deutschland wie in Großbritannien gegen starke nationalkonservative Elitenvorbehalte die Internationalisierung der Alltags(pop)kultur in teils erbittert geführten Kulturkämpfen betrieben und in den Siebzigern und Achtzigern ihre Mobilität als weltbürgerliche Erfahrung erlebt hat, heute als natürlicher Träger eines heimeligen Nationalgefühls herhalten muss, darf man getrost als ein ebenso ahistorisches wie interessengeleitetes Konstrukt zurückweisen. Im Gegenteil war kulturelle Heimat stets ein gedachter Ort, der mit beliebigen Inhalten gefüllt wurde, die umso begehrenswerter erschienen, je neuer und unbekannter sie waren.

Die Entgegensetzung der kleinen, aber mächtigen "globalistischen" Gruppe und eines volkhaften "normalen" Heimatgefühls – eine Rede, die auch Konservative gerne bedienen, wenn sie beklagen, die Politik habe "die Heimat vernachlässigt" – folgt ganz offensichtlich einer Politik des Normalismus. Damit bezeichnet der Diskurstheoretiker Jürgen Link eine problematische Tendenz zur Homogenisierung, die auch selbsterklärt liberalen Gesellschaften innewohnt und sich an fiktiven Mittelwerten ausrichtet. Als Träger einer "Normalität", so lässt sich schlussfolgern, wird oftmals die weitgehend unbekannte Kultur der breiten Massen definiert und dabei mit frei erfundenen Bedürfnissen ausgestattet – eine Projektion, die gefährlich nahe an den alten Begriff des "Volkes" mit all seinen hochproblematischen Implikationen heranrückt. Diese Gefahr wohnt nicht nur an den Rändern, sondern auch in der selbsterklärten "bürgerlichen Mitte". Gerade hier sollte man komplexitätsreduzierende kulturelle Klassenbehauptungen nicht adaptieren, sondern sie als das zurückweisen, was sie letztlich sind: Produkte eines mal bewussten, mal unreflektierten neovölkischen Denkens.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Merkur, Heft 843/2019.