Reisen macht aus Menschen Idioten. Schlimmer noch: Reisen
macht aus mir einen Idioten. Ich verabscheue mich. Denn was habe ich mir dabei
gedacht? Ich stehe in einem sogenannten Igel-Café in Tokio, Harajuku. Es ist
ungefähr 14 Uhr und sehr hell. Die Igel liegen zusammengerollt in offenen
Terrarien. Sie wollen schlafen, werden aber immer wieder hochgenommen von den
Touristen – Terroristen! – die sie anfassen und angucken wollen, als hätten sie
noch nie einen Igel gesehen. Das ist Tierquälerei.
Und ich habe dafür sogar Geld bezahlt: 1.800 Yen für 30 Minuten und ein Schälchen Maden. Was bedeutet, dass ich nun 30 Minuten Selbsthass ertragen muss, während meine rechte Hand in einem Gartenhandschuh steckt, auf dem ein Igel schläft, auf dessen Stachelkleid wiederum zwei getrocknete Maden liegen, die meine Vorgängertouristen mit ihrer Fütterpinzette verloren haben.
Warum bin ich hier? Es regnete an jenem Tag in Tokio. Ich hatte mir gesagt: Heute mache ich was Verrücktes. Ich gehe in ein Tiercafé. Das machen die hier so, die Japaner. Hier kann man Wassermelonen-Eiscreme-Soda trinken, während neben einem eine Eule, Katze oder ein Otter sitzt. Das will ich sehen. Irgendwie so was hatte ich mir gedacht, falls ich überhaupt etwas gedacht hatte, bevor ich sensationsgeil das Café voller Touristen betrat und Eiscreme durch einen Strohhalm trank, während ich den Igel schlafen ließ, zu dessen Störung mich die Igel-Café-Angestellte immer wieder ermutigte. Am Nebentisch machte eine holländische Familie Fotos mit geweckten Igeln.
Wer reist, der benutzt eine andere Kultur zur Unterhaltung.
Er schaut sich die Menschen beim Essen an, sagt: "Ach Gott, schau, der Japaner
schlürft die Suppe. Das hätte es bei uns zu Hause nicht gegeben." Und dann ekelt
sich der Reisende, weil dem Japaner beim Verzehr seiner Brühe die Nase läuft
und es sich in Japan nicht gehört, sich mit einem Tuch die Nase abzuwischen.
Und der Europäer rümpft seine Nase, freut sich aber dabei, denn er hat was erlebt. Er hat etwas gefunden, das er in sein digitales Reisetagebuch kritzeln kann, eine Anekdote, die all die Daheimgebliebenen neidisch machen soll: " In Japan ziehen sie die Nase hoch!" Und so staunt eine Kultur über eine andere, und insgesamt riecht es nach Zoo.
An einem anderen Tag meiner Japanreise stehen wir, Hunderte von Berucksackten, im Bambuswald von Arashiyama und sind enttäuscht. Denn die Atmosphäre ist uns zu bekannt, das Drängen der Massen, wir kennen es vom Schlussverkauf im Elektromarkt. Und sobald der Einzelne in der Masse merkt, dass er der Masse wegen nichts erleben kann, möchte er nur noch eins: ein Foto machen, das Erleben wenigstens vortäuscht. Aber die Massen laufen eben nicht nur durch den Bambus, sondern auch durch jedes Bild. Panik stellt sich ein.
Platzangst. All die schönsten Orte der Welt sind überlaufen
von Handyfotografen in Funktionskleidung. All die schönsten Orte der Welt sind
im Begriff, alles zu verlieren, was sie einst zum schönsten Ort machte. Alles,
was war, wird zum Motiv fürs Internet. Instagram ist ein Abendhimmel
voll längst verglühter Sterne. Flugscham geht nicht weit genug. Reisescham!
Kommentare
WirdGesperrt
#1 — vor 7 MonatenLiebe Autorin, Sie haben Recht, und ich werde Sie ernstnehmen sobald Sie nicht mehr reisen. Nicht. Mehr. Und sich nicht länger mit "Erinnerungslücken" verteidigen ...
Herber H. Hebert
#1.1 — vor 7 Monaten"Liebe Autorin, Sie haben Recht, und ich werde Sie ernstnehmen sobald Sie nicht mehr reisen. Nicht. Mehr. Und sich nicht länger mit "Erinnerungslücken" verteidigen ..."
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Ich glaube der Autorin kein Wort. Nicht, dass es diese Dinge in Japan nicht gäbe, aber man muss auch als Reisender nicht jeden Scheiß mitmachen (Sie war niemals im Igelrestaurant) Und was die japanischen Gepflogenheiten angeht (Nase hochziehen, Suppe schlürfen....) ..... das weis man vorher. Man bereitet sich doch auf sein Urlaubsland vor und respektiert diese Sitten.
(2-facher Japanurlauber)
Uwe_
#2 — vor 7 MonatenMag ja alles richtig sein, aber es hat eben diese Attitüde von oben herab, wenn die Vielgereiste, nachdem sie viel gereist ist, anderen das Reisen madig macht. Und der Schluss schießt völlig übers (Reise-) Ziel hinaus: entweder in einer neuen Kultur leben oder sich davon berichten lassen? Ist alles so einfach gesagt und geraten, wenn man selbst schon in der glücklichen Lage war, mal rauszudürfen.
Schreckhafte Tapete
#2.1 — vor 7 MonatenIch finde die Reaktionen sehr interessant. 50 Seiten teils wütende und beleidigende Kommentare, weil man sich das Reisen nicht madig machen lassen will. Wenn nächsten Monat aber wieder ein Artikel über CO2-Abgaben und Freitagsdemos (nach Ferienende natürlich ;) ) erscheint, wird man wieder zustimmen, weil so geht das mit der Umwelt ja nicht weiter.
Aber wenn ich schreibe, die Gesellschaft halte ich für einen Haufen Heuchler, wird wieder gelöscht. ;)
Mgagre
#3 — vor 7 MonatenJeder muss selbst entscheiden, was er auf einer Reise tut. Unser Gastgeber hat uns für Donnerstag zum Stierkampf eingeladen. Sevilla am Nationalfeiertag. Zweifellos ein beeindruckendes Erlebnis. Aber man kann auch darauf verzichten. Meine Entscheidung.
Gelöschter Nutzer 10313
#3.1 — vor 7 MonatenDer Stierkampf war für uns das beeindruckendste Erlebnis unserer Spanien Reise. Kulturbelehrer haben da sicherlich keine Freude dran, wohl aber Leute, die Respekt und Interesse für das Gastland haben.
MarekKeram
#4 — vor 7 MonatenDann reist doch nicht! Es muss endlich mal widersprochen werden. WIR wollen reisen. Reisen ist schön. Verreisen mit Autos ist schön. Fliegen ist super. Wir wollen nicht wieder zurück.
Fangt bei euch an! Nicht bei den Anderen.
Euripides 2000
#4.1 — vor 7 MonatenJa Sie haben recht. Wenn jeder der glaubt, dass das Reisen von nun an verpönt sei, es zukünftig unterlässt, dann wird weniger gereist oder eben auch nicht. Je nachdem wie viele dieser Überzeugung sind. Ich jedenfalls kann noch viel reisen bis ich an das Flughäufigkeits-Niveau herankomme das die Klimahüpfer vorzuweisen haben und bei denen ist noch lange nicht Ende Gelände. Da ist bei mir noch viel Luft nach oben, denn was wir in unserer Jugend in unseren Ferien unternommen haben, waren höchstens Ausflüge zu Fuß oder mit dem Fahrrad mangels Familienwagen, von den anderen Aspekten eines einfachen Lebens grundsätzlich abgesehen.