Reisen macht aus Menschen Idioten. Schlimmer noch: Reisen macht aus mir einen Idioten. Ich verabscheue mich. Denn was habe ich mir dabei gedacht? Ich stehe in einem sogenannten Igel-Café in Tokio, Harajuku. Es ist ungefähr 14 Uhr und sehr hell. Die Igel liegen zusammengerollt in offenen Terrarien. Sie wollen schlafen, werden aber immer wieder hochgenommen von den Touristen – Terroristen! – die sie anfassen und angucken wollen, als hätten sie noch nie einen Igel gesehen. Das ist Tierquälerei.

Julia Friese (1,70 m) ist Deutschlands größte Popautorin, Musikkritikerin und Kolumnistin. Als Kind war sie kleiner. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". Julia Friese ist viel gereist. Weil sie jedes Mal, bevor sie aufgebrochen ist, wieder vergessen hatte, wie sehr sie sich auf jeder Reise selbst gehasst hat. © Christian Werner

Und ich habe dafür sogar Geld bezahlt: 1.800 Yen für 30 Minuten und ein Schälchen Maden. Was bedeutet, dass ich nun 30 Minuten Selbsthass ertragen muss, während meine rechte Hand in einem Gartenhandschuh steckt, auf dem ein Igel schläft, auf dessen Stachelkleid wiederum zwei getrocknete Maden liegen, die meine Vorgängertouristen mit ihrer Fütterpinzette verloren haben.

Warum bin ich hier? Es regnete an jenem Tag in Tokio. Ich hatte mir gesagt: Heute mache ich was Verrücktes. Ich gehe in ein Tiercafé. Das machen die hier so, die Japaner. Hier kann man Wassermelonen-Eiscreme-Soda trinken, während neben einem eine Eule, Katze oder ein Otter sitzt. Das will ich sehen. Irgendwie so was hatte ich mir gedacht, falls ich überhaupt etwas gedacht hatte, bevor ich sensationsgeil das Café voller Touristen betrat und Eiscreme durch einen Strohhalm trank, während ich den Igel schlafen ließ, zu dessen Störung mich die Igel-Café-Angestellte immer wieder ermutigte. Am Nebentisch machte eine holländische Familie Fotos mit geweckten Igeln.

Wer reist, der benutzt eine andere Kultur zur Unterhaltung. Er schaut sich die Menschen beim Essen an, sagt: "Ach Gott, schau, der Japaner schlürft die Suppe. Das hätte es bei uns zu Hause nicht gegeben." Und dann ekelt sich der Reisende, weil dem Japaner beim Verzehr seiner Brühe die Nase läuft und es sich in Japan nicht gehört, sich mit einem Tuch die Nase abzuwischen.

Und der Europäer rümpft seine Nase, freut sich aber dabei, denn er hat was erlebt. Er hat etwas gefunden, das er in sein digitales Reisetagebuch kritzeln kann, eine Anekdote, die all die Daheimgebliebenen neidisch machen soll: " In Japan ziehen sie die Nase hoch!" Und so staunt eine Kultur über eine andere, und insgesamt riecht es nach Zoo.

An einem anderen Tag meiner Japanreise stehen wir, Hunderte von Berucksackten, im Bambuswald von Arashiyama und sind enttäuscht. Denn die Atmosphäre ist uns zu bekannt, das Drängen der Massen, wir kennen es vom Schlussverkauf im Elektromarkt. Und sobald der Einzelne in der Masse merkt, dass er der Masse wegen nichts erleben kann, möchte er nur noch eins: ein Foto machen, das Erleben wenigstens vortäuscht. Aber die Massen laufen eben nicht nur durch den Bambus, sondern auch durch jedes Bild. Panik stellt sich ein.

Platzangst. All die schönsten Orte der Welt sind überlaufen von Handyfotografen in Funktionskleidung. All die schönsten Orte der Welt sind im Begriff, alles zu verlieren, was sie einst zum schönsten Ort machte. Alles, was war, wird zum Motiv fürs Internet. Instagram ist ein Abendhimmel voll längst verglühter Sterne. Flugscham geht nicht weit genug. Reisescham!