Ist das, was Carola Rackete macht, richtig und gut? Das ist nicht nur eine juristische, sondern auch eine moralische Frage. Und da Flucht und Migration bislang nur unvollkommen von Gesetzen geregelt werden, hat das ethische Urteilen hier sogar eine besonders große Last zu tragen.

Aber die eine einzige und wahre Ethik gibt es nicht. In unterschiedlichen Epochen und Kulturen sind die verschiedensten Ethiken formuliert worden, und oft genug stehen sie miteinander in Konflikt.

Ethikmodelle lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen. Bei den einen steht der einzelne Mensch und sein Handeln im Mittelpunkt (bei Tugendethiken, Pflichtethiken, Intuitionsethiken); bei den anderen der Zusammenhang, das System, die Struktur (bei konsequentialistischen, utilitaristischen Ethiken, Rechtsethiken, Gemeinwohlethiken). Nennen wir das erste Ethiktyp A, das zweite Ethiktyp B.

Menschen, die mit einer Ethik des Typs A ausgestattet sind (also einer individualbasierten Ethik), werden dem Handeln der Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete zustimmen: Sie sehen in ihr ein leuchtendes moralisches und politisches Vorbild. Menschen mit einer Ethik des Typs B (einer systembasierten Ethik) hingegen werden dieses Handeln meist eher skeptisch bewerten. Und dieser Unterschied in den Einschätzungen zu Flucht und Migration erstreckt sich weit über den konkreten Fall hinaus.

Mit dem Handeln von Carola Rackete ist an dieser Stelle nicht der punktuelle Akt gemeint, Menschen aus einer lebensbedrohlichen Notsituation auf See zu befreien – dass der gut und richtig ist, steht außer Zweifel. Es geht um die Beurteilung der ganzen Handlungskette: mit dem Schiff einer privaten Organisation an die Grenzen libyscher Gewässer zu fahren, sich dort für die Aufnahme von Schiffbrüchigen bereitzuhalten und diese dann entgegen den staatlichen Anweisungen in einem italienischen Hafen an Land zu bringen – unter den spezifischen Rahmenbedingungen von Migrationsdruck, Krieg und Flucht, globalem Wohlstandsgefälle und kolonialer Geschichte.

Die Denkfigur der Ethik A lautet in dieser Sache etwa so:

Ja, so hat ein Mensch zu handeln! Wenn andere in Not sind, werden sie an die nächstgelegene sichere Stelle gebracht – in diesem Fall Italien. Nicht zu einer weiter entfernten Aufnahmestelle und erst recht nicht zurück in das Land, dem sie entfliehen wollen. Und wenn Gesetze dagegen sprechen, muss man sie in diesem Fall missachten, was besonderen Mut erfordert. Bravo!

Und allgemeiner:

Diese globale Ungerechtigkeit ist nicht zu ertragen. Wieso soll ein Mensch, der zufällig in Afrika geboren ist, es schlechter haben als ich, die zufällige Europäerin? Menschenrechte gelten für alle gleich. Niemand darf Sklave eines Zufalls sein. Es ist höchste Zeit für Ausgleich. Wir sind so reich – wir könnten noch viel mehr Menschen aufnehmen. Und wenn wir selbst uns dafür etwas einschränken, so ist das auch nur gut und nur gerecht.

Personen mit einer Ethik B hingegen stehen dem Gesamthandeln (nicht dem konkreten Rettungsakt!) der Kapitänin meist deutlich skeptischer gegenüber. Sie denken vielleicht etwas wie:

Natürlich, dass man Menschen vor dem Ertrinken rettet, ist richtig. Aber in welchem Zusammenhang steht das alles? Wie beeinflussen private Rettungsfahrten und das Todesbusiness der Schlepper einander? Und würden größere Fluchtbewegungen nicht wiederum afrikanische Länder destabilisieren? Ganz abgesehen davon, dass diese Gesetzesübertretung einer Deutschen in Italien nun den dortigen Europafeinden weiteren Auftrieb verschafft. Sehr zweischneidig, das alles ...

Und weiter dann:

Die globalen Probleme, wie die Ungleichheit an Rechten und an Lebenschancen, sind immens, exorbitant. Es gibt einem einen Stich ins Herz, wenn man daran denkt. Aber dadurch, dass Europa so viele Migranten aufnimmt wie nur irgend möglich, kann man die Not eben auch nicht aus der Welt schaffen. Wir stehen vor einer Jahrhundertaufgabe, wir müssen sie mit Maß und Bedacht angehen. Asyl muss eine vorübergehende Maßnahme für konkret Verfolgte bleiben – vor allem muss sich Europa in den Herkunftsländern engagieren – Asylverfahren schon in den Lagern der Wartenden durchführen. Unsere Gesellschaften sind bereits jetzt zum Zerreißen gespannt – antidemokratische Kräfte erstarken, indem sie Unsicherheit und soziale Konflikte ausnutzen – man muss sie einhegen, nicht ihnen Futter geben. Was nützt uns ein zerberstendes Europa, was nützt es den Flüchtlingen?

Im Unterschied zum Denken der A-Ethiker, das scharf auf zwei Punkte fokussiert (Retten! Menschenrechte!), lässt sich dasjenige der B-Ethiker weniger leicht verfolgen, verzweigt sich, wird fast amorph. Das entspricht dem systemischen Charakter dieser Ethik, bei dem ein Prinzip wie "globale Gerechtigkeit herstellen" nur ein moralisch relevanter Faktor unter vielen anderen ist.

Während in der Denkart der Ethik A die Kapitänin der Sea-Watch 3 also uneingeschränkt eine Heldin ist, erscheint sie in derjenigen der Ethik B in einem viel zweifelhafteren Licht. Nämlich zugleich auch als Störenfried in einer hochsensiblen Angelegenheit, deren Bewältigung viel Fingerspitzengefühl erfordern würde. Überspitzt gesagt: als moralischer Elefant im politisch-diplomatischen Porzellanladen.

Aber ist dieses zweite Denken, das Denken der Gruppe B, denn überhaupt noch ein ethisches? Ist es nicht eher politisch?