Klar ist, dass die Gruppe A unmittelbar einem moralischen Impuls oder Prinzip folgt, die Gruppe B hingegen eine Art moralisch-politisches Abwägen praktiziert. Dies steht in der – ausdrücklich ethischen – Tradition der Klugheit als Tugend, die auf Aristoteles zurückgeht.

Auf das Ethische der B-Ethik weist später in besonderer Weise der Soziologe und Philosoph Max Weber hin, der 1919 Gesinnungs- und Verantwortungsethik einander gegenüberstellt. Unter verantwortungsethischem Handeln sei zu verstehen, "daß man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat", hingegen folge der Gesinnungsethiker seinen moralischen Überzeugungen und stelle den Erfolg sozusagen Gott anheim. 

In der aktuellen, gerade der englischsprachigen Debatte um globale Gerechtigkeit und Migration haben sich für die Systematik der Ethiken die Begriffe Kosmopolitismus und Republikanismus etabliert. Der Kosmopolitismus ist, auch wenn das Wort anderes vermuten lässt, eine Ethik des Typs A, denn sie beginnt ebenfalls beim Einzelnen. Sie leitet vom Individuum und seinen Rechten, insbesondere den Menschenrechten und dem Recht auf freie Bewegung, die Forderung ab, die Welt als eine einzige community zu betrachten, in der Staatsgrenzen durchlässig oder gar ganz offen sein müssen. Der Republikanismus hingegen stellt als Ethik des Typs B die aktuell bestehenden Gesellschaftsverbände, in der Praxis vor allem die Staaten in den Mittelpunkt. Er betont deren Recht, selbst über die Aufnahme oder Nichtaufnahme neuer Mitglieder zu entscheiden – was entsprechende Regulierbarkeit der Grenzübertritte voraussetzt.

A- und B-Ethiken und ihre Forderungen können also verschiedene Ausformungen annehmen und sind vielfältig ineinander verschränkt. Immer aber beginnt eine Ethik des Typs A vom Ausgangspunkt der Individuen und ihrer Gleichheit (normativer Individualismus), eine Ethik des Typs B hingegen von der Gemeinschaft und ihren Praktiken (zum Beispiel Kommunitarismus). Und immer ist in der Ethik auch Politisches enthalten, in der Politik Ethisches.

Natürlich wäre es naiv zu glauben, dass jeder, der in Carola Rackete auch oder vielleicht sogar ausschließlich eine Störenfriedin sieht, aus ethischen Beweggründen zu dieser Einschätzung gelangt. Viele, die jetzt in Italien Verbrecherin! rufen, sind mit großer Sicherheit schlicht – wie soll man sie nennen? – Sexisten, Xenophobe, Reaktionäre, Rassisten, Nationalisten? Es findet sich wohl alles aus diesem Spektrum.

Das Deckmäntelchen des Moralischen

Diese vulgären Stimmen stellen erst gar keine ethischen Fragen. Sie sind entweder Realitätsverweigerer, die mit der ganzen Thematik von Flucht und Migration in Ruhe gelassen werden wollen, oder sie verfolgen aktiv eine antidemokratische, antihumane Agenda, in der Flüchtlinge und Migranten sowieso nur Menschen zweiter Klasse sind, deren Schicksal einem egal sein kann – dafür die eigene in-group (das "Volk") umso wichtiger.

Was diese Stimmen von sich geben, klingt manchmal ähnlich wie die skeptischen Gedanken der B-Ethiker. Doch wo die einen vom Bewusstsein der Verantwortung bewegt sind, verbirgt sich hinter den Worten der anderen gerade Verantwortungslosigkeit. Wo die einen auf der Suche nach der besten Lösung für die möglichst vielen sind, denken die anderen nur an sich.

Man darf sich da keinen Illusionen hingeben. Die feixenden, hämischen, hinterlistigen Fremdenhasser sind zwar Staatsbürger wie andere auch, Bürger der Republik des Ethischen sind sie aber nicht. Und wenn sie dennoch versuchen, sich ein Deckmäntelchen des Moralischen umzuhängen, dann haben wir das Recht und die Pflicht, es ihnen abzureißen und sie aus der ethischen Debatte auszuschließen – sie würden sie doch nur verderben.

Andererseits muss man sich vor einer folgenschweren Verwechslung hüten. Denn auch wenn das vulgäre Verbrecherin! der einen in die gleiche Richtung zu weisen scheint wie das skeptische Carola Rackete und was sie tut — na ja der anderen: Ihr Sinn ist ein völlig anderer, ja ein gegensätzlicher.

B-Ethiker sind nicht, wie blindwütige Nationalisten und Fremdenfeinde, von Ignoranz und Hass getrieben. Sie befürchten nur, dass das Absolutsetzen von Prinzipien, wie sie es bei privaten Seenotrettern und Befürwortern von open borders beobachten, der Bewältigung des hyperkomplexen, hypersensiblen Gesamtproblems Migration letztlich abträglich ist. Sie befürchten, dass erleichterte Ausreise den Herkunftsländern nicht hilft, dass die mit der Zuwanderung einhergehenden Probleme – von den Härten der Abschiebung bis zum Schüren sozialen Unfriedens – den innereuropäischen Zusammenhalt bedrohen. Und sie geben zu bedenken, dass auch das Handeln der A-Ethiker selbst das Krakeelen der Vulgären mit beförden könnte.

Nicht "böse", sondern anders "gut"

Man muss mit der Ansicht der B-Ethiker nicht einverstanden sein. Aber man darf sie auch nicht mit den un- und antiethischen Stimmen über einen Kamm scheren. Wer aus systemethischen, verantwortungsethischen oder republikanistischen Antrieben skeptisch ist, der oder die ist weder dumm noch ein moralischer Idiot. Er ist nur ethisch vollkommen anders aufgestellt als diejenigen, die von einer individualbasierten Pflicht- oder Tugendethik, einer kosmopolitistischen Ethik motiviert werden.

Sicher, aus der Blickrichtung der einen Seite ist die Legitimität der anderen schwer zu erkennen. Das hat Gründe, die tief in der ethischen Reflexion selbst verankert sind. Konrad Ott, Ethiker an der Universität Kiel, der die Migrationsdebatte ebenfalls nach zwei miteinander streitenden Ethikklassen analysiert, schreibt dazu in seinem Buch Zuwanderung und Moral: "[Man] muss aufhören zu glauben, eine Seite habe die allein richtige Moral für sich gepachtet. Beide Moralen müssen das Problem verstehen, dass sich jede Moral notwendig als gute und richtige Moral sehen muss, weil sie die Leitunterscheidung moralischer Kommunikation ('gut versus böse') nur einseitig auf sich selbst anwenden kann." Für jede Seite sieht es so aus, als sei die andere automatisch böse – weil sie nicht in die eigenen Kategorien des Guten passt. 

Der Diskurs um Ethik und Migration ist also gleich mit zwei Fallen konfrontiert. In die erste gerät er hinein, wenn er, aufgrund einer scheinbar ähnlichen Stoßrichtung des Gesagten, fälschlich den ethischen Sinn der B-Ethiker mit dem antiethischen Unsinn der vulgären Antiethiker identifiziert. In der zweiten verfängt er sich, wenn die Vertreter der einen legitimen Ethik die moralische Legitimität der anderen legitimen Ethik nicht mehr erkennen können – wenn die A-Ethik (Kosmopolitismus) die B-Ethik (Republikanismus) für böse hält oder umgekehrt.

Beide Fallen gilt es zu vermeiden, beiden Versuchungen, so sehr sie naheliegen mögen, zu widerstehen. Der ersten nachzugeben, verwirrt die Grenzen zwischen Moral und Unmoral und macht die Unterscheidung unbrauchbar. Der zweiten anheimzufallen, ist unangemessen gegenüber einer der am besten begründeten, am vielfältigsten erprobten ethischen Traditionen. Es ist aber vor allem auch fatal für unseren pluralistischen demokratischen Diskurs, der nur aus dem Kraftschluss der gegensätzlichen Beurteilungen heraus sinnvolle Praxis generieren kann. Es täte damit dem Guten einen Bärendienst.

Die Aufteilung in A- und B-Ethiken ist natürlich selbst wiederum nur ein Modell. Es dient dazu, etwas denkbar zu machen, das sich sonst dem geistigen Zugriff entzieht. In Wirklichkeit ist alles sehr viel komplizierter.