Tragische Heldin? Carola Rackete (hier in einem Auto der Guardia di Finanza) handelt auf jeden Fall in höchstem Maße moralisch. © Giovanni Isolino/​AFP/​Getty Images

Zum einen lässt sich jede Ethik aus der einen Klasse auch unter Gesichtspunkten der anderen betrachten: So denken A-Ethiker auch systemisch, sehen in ihrem Tun ein Offenlegen einer inhumanen Grenzpolitik und bestreiten, dass man Xenophobie einhegen kann, indem man die Bevölkerung nur ja nicht mit zu viel Neuem und Fremdem belastet. Diese Ursächlichkeit ist schließlich ebenso strittig wie die Vermutung, dass das Vorhandensein von Rettungsschiffen in einer gefährlichen Zone Migrationsbewegungen verstärkt.

Zum anderen sind auch B-Ethiker alles andere als gesinnungslos, hinter ihren systemischen Motivationen steht ein Ideal des gesellschaftlichen Zusammenlebens, das selbst wiederum hinterfragbar ist. Und drittens konkurrieren vermutlich im Inneren jedes moralisch bewussten modernen Menschen mehrere Ethiken miteinander. Jeder kennt die bange Frage, ob nicht, wie das Sprichwort sagt, ausgerechnet die guten Vorsätze den Weg zur Hölle pflastern.

Bei all seinen Einschränkungen zeigt das Modell der A- und B-Ethik aber sehr deutlich, in was für ein gewaltiges moralisches Dilemma die gesamte Flucht- und Migrationsthematik eingeschrieben ist.

Die Situation erinnert in mancher Hinsicht an diejenige von Antigone und Kreon in Sophokles' Tragödie. Antigone will ihren Bruder begraben, der gegen die eigene Stadt Krieg geführt hat. Und sie hat recht – nach dem Gesetz der Mitmenschlichkeit. Das ist ihre persönliche Ethik, die zugleich als allgemein menschliche Ethik gelten kann.

Aber auch Kreon hat recht, wenn er dieses Begräbnis verhindern will – denn einen Verräter ehrenhaft zu bestatten, verbieten die Gesetze des Staates. Ihre Missachtung würde der Rechtlichkeit selbst Schaden zufügen und hätte Folgen, die bis hin zur Auflösung des Staates selbst führen könnten. Das ist die systemische Ethik, der Kreon anhängt, und auch sie erhebt Anspruch auf allgemeine Gültigkeit.

Hegel hat dieses paradoxe Verhältnis zweier verbindlicher normativer Sphären mehrfach analysiert. In den Vorlesungen über die Ästhetik heißt es zu Antigone und Kreon: "So ist beiden an ihnen selbst das immanent, wogegen sie sich wechselweise erheben." Antigone ist Teil des Staates, Kreon Teil ihrer Familie (er ist ihr Onkel) – dass sie sich gegenseitig Stein des Anstoßes sind, werden sie nicht los.

Die Sitten der Antike mögen uns heute fremd sein, und sowieso gilt unsere Sympathie vermutlich eher der menschlichen Antigone denn dem strengen Herrscher Kreon. Aber man kann das Stück mit entsprechenden Veränderungen in die Gegenwart transponieren. Und dann steht wieder A gegen B, und B gegen A. Und unser Chor ist hin- und hergerissen, schwankt zwischen den Optionen, und kann letztlich nur sagen: Eine nur gute Lösung gibt es nicht. Immer ist jede Option auch schlecht.

Dieses Dilemma ist letztlich der einzige gemeinsame Grund, auf dem wir in dieser Sache stehen. Und wenn man es zu Ende denkt, dann muss man eigentlich sagen: Wer dieses Dilemma aus dem Blick verliert, der stellt seine eigene ethische Urteilskompetenz infrage. Ja, eigentlich müsste jeder, der sich überhaupt zu diesem Thema äußert, in irgendeiner Form zunächst seine Anerkenntnis dieses Dilemmazustands signalisieren: Schaut her, ich weiß, dass wir so noch nicht aus dieser Lage herauskommen, aber …

Denn Eindeutigkeiten, die eine selbstsichere, womöglich gar auftrumpfende moralische Haltung rechtfertigen würde, gibt es in dieser Thematik nicht. Vom Guten oder vom Bösen reden (oder es denken) kann man hier eigentlich immer nur gebrochen, dem offensichtlichen Dilemma trotzend, gewissermaßen zerknirscht. Und das ist selbst wiederum natürlich eine ethische Forderung.

Spannungsfeld Menschenrechte

Ein Gedanke zum Schluss: Die gesamte Debatte um Rettung und Migration steht und fällt mit dem Konzept der Menschenrechte. Die A-Ethiken setzen die Menschenrechte absolut: Von ihnen geht ein unbedingtes Gebot aus, sie verpflichten zum einen zum proaktiven Retten, zum anderen zum Ausgleich der globalen Ungerechtigkeiten an Wohlstand und Lebenschancen.

Was die B-Ethiker betrifft, kann es den Anschein haben, dass sie die Menschenrechte relativieren oder gar für nebensächlich erachten, was sie ins moralische Abseits stellen würde. Dieser Vorwurf wäre allerdings übereilt. B-Ethiker sind sich, zumindest wenn sie ein wenig tiefer in die Materie eingedrungen sind, der Problematiken bewusst, die mit dem Konzept der Menschenrechte einhergehen. Wenn wir allen Menschen gleiche Rechte verschaffen wollen, warum sollten dann die, denen wir Zugang zu Europa eröffnen, bevorzugt werden gegenüber den Daheimgebliebenen? Das Herstellen der einen Gerechtigkeit schafft sogleich neue Ungerechtigkeiten. Und wäre nicht den unzähligen Frauen Afrikas, die bei der Geburt oder im Kindbett sterben, nach menschenrechtlichen Kriterien mindestens ebenso Hilfe zu leisten wie jenen Menschen, die sich aus eigenem Entschluss auf ein seeuntüchtiges Schiff begeben? Wenn man den Universalitätsanspruch der Menschenrechte ernst nimmt, dann müsste man allen helfen – und allen sofort.

Man kann die Menschenrechte als eine säkularisierte Form der Gottesebenbildlichkeit verstehen. Oft ist auch ihre Entstehung so rekonstruiert worden: Gott hat die Menschen geschaffen nach seinem Bilde, damit ist ein Teil der Heiligkeit Gottes in jedem Menschen aufgehoben, diese Heiligkeit verleiht ihm unantastbare Würde, diese Würde ist, positiv formuliert, sein Menschen-Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit, Freiheit, Eigentum, faire Gerichtsverfahren. Über die gesamte Aufklärung hinweg lässt sich diese Übersetzung von religiösen Wertvorstellungen in weltliche beobachten – ebenso wie deren anschließende systematisierende Weiterentwicklung.

Die Menschenrechte beim Wort zu nehmen, heißt, einen gewaltigen Auftrag zu übernehmen. Sie zwingen uns geradezu in eine Heilsgeschichte hinein – aber nun, im Unterschied zur Vormoderne, in eine weltliche, die wir selbst gestalten müssen und von der nicht klar ist, ob und wie wir ihr gewachsen sind.

Die Denker der Aufklärung und der Moderne, die die Menschenrechte schrittweise immer weiter ausformuliert haben, haben damit eine Sprengladung verfertigt von viel größerer Gewalt, als ihnen vielleicht selbst klar gewesen sein mag. Würde sie mit einem Mal in ihrer Ganzheit gezündet, so müsste sie alle bestehenden gesellschaftlichen Ordnungen auf unserem Planeten zunichtemachen. Stück für Stück in Brand gesetzt, sind die Menschenrechte aber der wohl wirkungsvollste Treibsatz einer Geschichte, die den Menschen überhaupt erst vollsinnig zum Menschen macht.

Können wir dieses Spiel mit dem Feuer meistern, können wir die Tragik aushalten, die unweigerlich mit ihm einhergeht? Derzeit stellen sich diese Fragen rund um das Mittelmeer.

Der vorliegende Text basiert auf einem längeren Blogpost vom 2. Juli 2019. Diesen Beitrag finden Sie hier.