Identität ist aber eben ein Nicht-Begriff, der Teil einer Nicht-Sprache ist. Es gibt keinen identitätspolitischen Diskurs, weil es keine "Identität" gibt. Mit "Identität" verhält es sich wie mit Wittgensteins berühmten "Käfer" in seinen Philosophischen Untersuchungen: "Angenommen, es hätte Jeder eine Schachtel, darin wäre etwas, das wir 'Käfer' nennen. Niemand kann je in die Schachtel eines anderen schaun; und Jeder sagt, er wisse nur vom Anblick seines Käfers, was ein Käfer ist. – Da könnte es ja sein dass jeder ein anderes Ding in seiner Schachtel hätte. Ja, man könnte sich vorstellen, dass sich ein solches Ding fortwährend veränderte. (...) Das Ding in der Schachtel gehört überhaupt nicht zum Sprachspiel; auch nicht einmal als Etwas: denn die Schachtel könnte auch leer sein – Nein, durch dieses Ding in der Schachtel kann 'gekürzt' werden; es hebt sich weg, was immer es ist."

Auch der Begriff Identität bezeichnet kein "Ding" von allgemeiner Anschauung. Die Bedeutung von "Identität" zeigt sich nur in der jeweiligen öffentlichen Verwendung des Worts innerhalb eines bestimmten Sprachspiels – in einer politischen Auseinandersetzung am Stammtisch, in einer Diskussion um schwule Literatur, in einem akademischen Disput. Die Bedeutung zeigt sich, wenn überhaupt, nur dann, wenn klar ist, für wen der Begriff gelten soll und was er zu welchem Zweck bezeichnet.

Doch im Reality-Game um die sogenannte Identität gibt es zu viele Teilnehmerinnen. Zu viele, die den Begriff explizit oder implizit für ihre Sache nutzen wollen – und den Ball dabei immer nur ins Aus schießen. Die einen, Team Theorie, indem sie für ihre "privaten" Definitionen des Begriffs Allgemeinverständlichkeit und -gültigkeit beanspruchen. Die anderen, Team Praxis, indem sie die Rede der Theoretiker imitieren oder sich jedenfalls von der erregten Atmosphäre rund um die Identität anstecken lassen – und sich dabei im Kampf ums "Wahre" und "Echte" die Köpfe einschlagen (sogar innerhalb der eigenen Gruppe).

Menschen statt Identitäten

Begriffe müssen sich praktisch bewähren, sie müssen uns irgendwie weiterhelfen, sonst sind sie sinnlos. Es gibt durchaus etwas, was Menschen existenziell so wichtig ist, dass sie sich eben damit "identifizieren". Das können bestimmte Überzeugungen sein, Rollen und Praktiken, sexuelle Orientierungen, religiöse Gefühle, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, zu einer Kultur. Das kann aber auch ein Philosophen- oder Soziologenlehrstuhl sein, eine Sprecherinnenposition im "Identitätsdiskurs". Jeder hat seinen eigenen Käfer in der Schachtel. Über Identität kann man nicht sinnvoll reden, wohl aber darüber, was für das Leben von Menschen bedeutsam ist – und welche praktischen Konsequenzen das hat.

Tatsächlich geht es bei sogenannten Identitätsfragen eben nicht darum, wer oder was jemand "in echt" ist, glaubt oder fühlt. Es geht vielmehr darum, was Menschen in einer Gesellschaft tun, wie sie leben und lieben, aber auch, was sie für sich beanspruchen, von anderen fordern oder erwarten, was sie einander zumuten. Zum Beispiel, nicht ungerecht behandelt oder diskriminiert zu werden. Wir können zwar nicht wissen, welchen Käfer jemand in seiner Schachtel hat. Aber wir können wissen, was jemandem wichtig ist, was ihn kränkt oder verletzt, was uns selbst an ihm irritiert oder stört. Nicht Identitäten fordern Anerkennung von anderen, sondern konkrete Menschen. Nicht über Identitäten kann und soll man streiten, sondern darüber, welche Ansprüche berechtigt sind und welche nicht, welche Lebensformen mit anderen kollidieren, was im Zusammenleben "geht" und was nicht. Es sollte darum gehen, wie Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit miteinander zurechtkommen. Was wir brauchen, das ist eine Sensibilität für Situationen und Kontexte, die Bereitschaft zu lernen und zu experimentieren.

"Identität" aber ist Bullshit. Wir sollten den nutzlosen Identitätsbegriff also entsorgen. Theoretiker wie Praktikerinnen sollten nach pragmatistischer Art neue Begriffe finden, die sich als konkret zweckmäßig erweisen, politisch und gesellschaftlich, im Zusammenleben der Menschen – und nicht bloß als Bälle in einem Sprachspiel, das am Ende höchstens dem Distinktionsgewinn einiger Intellektueller dient.

Die Autorin und der Autor bilden gemeinsam die Chefredaktion der Philosophiezeitschrift "Hohe Luft".