Es heißt, um als Berliner, Hamburgerin oder Münchner einen, ja vielleicht sogar den großen Gegensatz der Gegenwart zu begreifen, müsse man gar keine soziologischen Studien anstellen – es genüge ein kurzer Abstecher aufs Land. Hat man im Regionalexpress erst den tiefen Graben zwischen Innenstadt und umliegenden waste lands überwunden, trete der Riss im bundesrepublikanischen Gefüge klar zutage: Hier co-workende Agentur-Torbens, politische Blasenbildung und kosmopolitische Hipsterkolonnen; dort wackeliges WLAN, streunende Wölfe und abgehängte Arbeiter. Während in den Städten hypermoralische Globalisierungsgewinner beim Cold-Brew-Kaffee verächtlich auf den reaktionären Provinzialismus jenseits des S-Bahnrings herabblickten, sammle sich an den Stammtischen zwischen Kleinmachnow und Großpösna der kalte Zorn über jene urbane Wohlstandsverwahrlosung, wonach Gendersternchen wichtiger seien als ausbleibende Busse, verödete Dorfplätze und erdverwachsene Heimatpflege.

So könnte man – zugespitzt – zumindest eine Reihe von Diagnosen zusammenfassen, die man zuletzt häufiger in den politischen und publizistischen Debatten wahrnimmt. Spätestens seit dem globalen Aufstieg des Rechtspopulismus, der sich ja weniger in New York, London oder Berlin als in den Weiten des Mittleren Westens, der Midlands oder Mitteldeutschlands vollzieht, firmiert die Stadt-Land-Differenz mal wieder als eine Art sozialer Superantagonismus. 

Sprich: Um die zunehmende Polarisierung zu verstehen, müsse man keine antiquierten Widersprüche zwischen Kapital und Arbeit diskutieren oder feingliedrige Analysen über Anerkennungsbedürfnisse anstellen. Der bloße Blick über den Stadtrand tut's auch.

Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte bereits vor einiger Zeit beklagt, dass man in Berliner Restaurants kein Deutsch mehr sprechen könne und deshalb mehr "kulturelle Sicherheit" gefordert. Jüngst sekundierte sein christdemokratischer Parteifreund Philipp Amthor in einem Gastbeitrag auf Cicero.de, in dem er Verständnis zeigte für "viele AfD-Wähler" und "insbesondere diejenigen Bürger, für die der Staat, unsere Werte und ein gesunder Patriotismus wichtig sind", die sich in einer "oft allzu urban-hippen Debattenkultur mit linksgrüner Multikulticouleur" nicht mehr vertreten fühlten. In der ZEIT kritisierte Martin Machowecz kürzlich wiederum die "moralische Verächtlichmachung der Dorfbewohner durch die Stadtmenschen" und erkannte eine "Schräglage, die gefährlich ist für unsere Demokratie: hier die angeblich besonders Moralischen – dort diejenigen, die noch auf den Weg der Tugend gebracht werden müssen". Und bei Deutschlandfunk Kultur bemerkte der Publizist Holger Siemann schließlich, dass die hiesige Landbevölkerung "den subtilen Formen der Diskriminierung mehr oder weniger hilflos ausgeliefert" sei, während die Städter "alle Diskurse dominieren".

Hamburg, nur ein Lüneburg mit Hafen

Zeigt sich zwischen Stadt und Land also ein zentraler Konflikt unserer Tage, in dem traditionsbewussten wie kulturell verachteten Provinzbewohnern Windräder, Wölfe und Heimathass von urbanen Ökokosmopoliten aufgezwungen werden? Brauchen wir einen kulturellen Vermittlungsausschuss zwischen Berlin-Mitte und Ostsachsen?

Nun ist es zwar richtig, dass es mitunter extreme infrastrukturelle, ökonomische und soziale Unterschiede zwischen urbanen und ländlichen Regionen gibt. Allerdings zeigen sich in der gleichermaßen pauschalen wie kulturkritisch aufgeladenen Gegenüberstellung von Stadt und Land zunächst zwei große Probleme. Zum einen funktioniert sie empirisch sehr bedingt. In der politischen Debatte offenbart sich die kulturkämpferische Stadt-Land-Differenz nicht selten als ein aus anekdotischen Evidenzen zusammengeklöppelter Antagonismus, der gut in die eigene Agenda passt. Zum zweiten führt dies oft nicht nur am eigentlichen Problem vorbei, sondern verdeckt es geradezu.

Das erste Problem der Stadt-Land-Differenz erkennt man umso deutlicher, je näher man es betrachtet. Und zwar schon geografisch. Sieht man von amtlichen Definitionen ab, stellt sich ja die Frage: Wo verläuft denn die Grenze zwischen Stadt und Land überhaupt? Findet die "urban-hippe Debattenkultur" auch in Kaiserslautern, Zwickau und Paderborn statt? Oder gehören die schon zum abgehängten Land? Aus der Sicht manchen Berliners ist ja selbst Hamburg eher eine Art Lüneburg mit Hafen, während für New Yorker die deutsche Hauptstadt wiederum wie ein randbebauter Tiergarten erscheinen mag. Und schließlich könnte man sich im Jahr 2019 ja auch fragen, ob "hippe Debattenkultur" nicht auch eher ganz ortsungebunden im Netz stattfindet.

Aber auch wenn man von derlei Begriffsfragen absieht, unterschlägt jede grundsätzliche Gegenüberstellung von Stadt und Land die jeweiligen Binnendifferenzen. Einerseits bergen Metropolen wie Berlin, Hamburg oder München bereits in sich radikal verschiedene Lebensrealitäten. Wer in Hellersdorf lebt, lebt anders als jemand in Grunewald. Und innerhalb eines Stadtviertels tun sich oft unterschiedliche Welten auf, die bisweilen nur durch wenige Straßenzüge getrennt sind. Versteht man unter "abgehängt sein" nämlich vor allem extreme Armut, so ist diese statistisch in Städten weit öfter anzutreffen als auf dem Land. Und nicht zuletzt wäre es mindestens verkürzt, identifizierte man lediglich das Land mit Tradition und Heimatverbundenheit. Denn nicht nur sind es ja vor allem die Städte, in denen sich mittels Museen und historischer Sammlungen ein Großteil der Pflege des kulturellen Gedächtnisses vollzieht, sondern man findet in ihnen ebenso eine intensive Vereinskultur. Allein Berlin besitzt beispielsweise rund 20 Heimatvereine und noch mal ebenso viele Karnevalsklubs. Auf der anderen Seite ist aber Land natürlich nicht gleich Land. Ein Dorf in der schwäbischen Alb hat in infra- und soziostruktureller Hinsicht mitunter wenig mit seinem Pendant in Vorpommern gemein.