Schließlich wäre auch die Frage, wo sich die "Verächtlichmachung der Dorfbewohner durch die Stadtmenschen" – außerhalb privater Anekdoten – genau zeigt und vor allem, inwiefern sich diese tatsächlich zu einem institutionellen und kulturkämpferischen Konflikt auswächst? Die unbestreitbare Tatsache, dass die allermeisten Politiker, Wirtschaftsführer, Journalisten, Künstler und Wissenschaftler in Städten leben, weil es sich de facto seit der Antike schlicht aus funktionaler Notwendigkeit ergibt, ist ja weder neu noch ließe sich daraus die politisch relevante Diagnose einer vermeintlichen Provinzverachtung ableiten.

Erweist sich die pauschale Gegenüberstellung von Stadt und Land somit als vielfach unbrauchbar, heißt das nicht, dass es zwischen beiden keine Unterschiede gäbe. Immerhin gehört die Stadtkritik ja nicht umsonst zu einem der wichtigsten Topoi der Moderne, der sich vor allem in der klassisch konservativen Publizistik, aber etwa auch bei Friedrich Nietzsche zeigt. Zudem hatte schon der Soziologe Georg Simmel in seinem 1904 erschienenen Essay Die Großstadt und das Geistesleben darauf hingewiesen, dass das "großstädtische Seelenleben" einen "intellektualistischen Charakter" bevorzuge, während das ländliche und kleinstädtische Leben "vielmehr auf das Gemüt und gefühlsmäßige Beziehungen gestellt" ist.

Das meint: Großstadterfahrungen machten eine Art des zwischenmenschlichen Umgangs wahrscheinlicher, den "man in formaler Hinsicht als Reserviertheit bezeichnen" könne. Das urbane Leben mithin verlange nach Simmel vermehrt eine innere Distanz und Gleichgültigkeit gegenüber den Mitmenschen, da jenes emotional und positiv aufgeladene Verhältnis zu den anderen, wie es sich auf dem Lande zeige, in der dicht bevölkerten Metropole schlicht dazu führen würde, sich "innerlich völlig (zu) atomisieren und in eine ganz unausdenkbare seelische Verfassung (zu) geraten".

Auch wenn man Simmels Diagnosen insofern mit Vorsicht genießen sollte, als sie mehr als 100 Jahre alt sind und das dörfliche Leben zu jener Zeit oft Feldarbeit und Pferdewagen bedeutete, stimmt es ja im Grunde bis heute: Während der urbane Alltag verstärkt eine innere Reserviertheit gegenüber den Mitmenschen erzeugt, wird das Landleben viel intensiver von einem konstanten Netzwerk aus persönlichen Bekanntschaften getragen. Nur lässt sich allein daraus eben noch kein genereller Kulturkonflikt ableiten. 

Rund zwei Millionen leere Wohnungen

Und zwar schon deshalb, weil es heute ja einen ganz anderen Schwerpunkt der Kritik gibt. Während Simmel die urbane Distanziertheit beschrieb und während die konservative Stadtkritik die Metropole als babylonischen Sündenpfuhl verdammte, in dessen Kneipen, Bordellen und Hinterhauswohnungen sich moralische Gewissheiten im kosmopolitischen Säurebad auflösten, ist die Diskurslage heute umgekehrt: Nun seien es Hypermoral und politisch korrekte Hochsensibilität, die Städter aufs Land exportieren wollten – also das Gegenteil von Amoral und Reserviertheit.

Der vermeintliche Kulturkonflikt zwischen Stadt und Land weist eine gewisse Beliebigkeit auf, allein deshalb, weil er sich im Kern weniger aus realen Differenzen speist. Viel entscheidender ist, dass er von politisch interessierter Seite immer wieder weltanschaulich aufgeladen wird. Und diese Seite ist in der Regel der Konservatismus, der sich seit jeher als kulturelle Schutzmacht der Provinz versteht. Wurde der Konservatismus schon von dessen geistigem Urvater Edmund Burke als vernunftsskeptische wie bauchgefühlige Weltsicht verstanden, die Erfahrung und Tradition stets über Ratio setzt, erklärt sich die konservative Nähe zum Land schon aus diesem Motiv. Wobei die rurale Existenz auch in anderen Kategorien eher dem konservativen Leitbild entspricht: homogenere Bevölkerung, prozentual höherer Anteil an Kirchenmitgliedern, übersichtlichere Sozialstruktur. Und tatsächlich reüssieren bis heute in den Städten linke und grüne Parteien überdurchschnittlich gut, während konservative oder rechtspopulistische Kräfte in ländlichen Regionen dominant sind.

Wenn es aus konservativer Warte also grundsätzlich naheliegt, aus der empirischen Vielschichtigkeit von Land- und Stadtleben einen normativen Gegensatz zwischen traditionsverbundener, erdnaher und gefühlsbetonter Dorfexistenz und dem Schreckgespenst urbaner Luftmenschen zu stilisieren, gibt es heute dafür noch einen zweiten Grund. In diesem zeigt sich das zweite große Problem der kulturkämpferischen Stadt-Land-Differenz: Der vermeintlich kulturelle Konflikt zwischen urbanen und ruralen Regionen überdeckt die Ursachen jener infrastrukturellen Mangelversorgung des Landes, für die gerade auch die konservativen Prediger der Provinz mitverantwortlich sind.

Denn der wirklich objektiv messbare Unterschied zwischen Stadt und Land zeigt sich ja vor allem in infra- und soziostruktureller Hinsicht. Worunter Dorfbewohner ganz konkret leiden dürften, ist weniger der Gedanke an den Prenzlauer-Berg-Hipster als an den Mangel von Bahn- und Busverbindungen, im Notfall erreichbare Krankenhäuser, an Freizeitmöglichkeiten, Straßen, Verwaltungsgebäuden und Sportplätzen. Und nicht zuletzt: dem Ausbleiben von Menschen. Während in Metropolen die Mieten explodieren, stehen abseits der Ballungszentren in Deutschland rund zwei Millionen Wohnungen leer, sodass in absehbarer Zeit besonders manche ostdeutschen Kommunen dramatisch an Einwohnern einbüßen werden. Dass gerade dort, wo keiner mehr hinwill, verstärkt Rechtspopulisten gewählt werden, die versprechen, niemanden mehr reinzulassen, ist freilich eine paradoxe wie autoaggressive Pointe.