Fragt man indes nach den Gründen für die Verödung bestimmter Landstriche, hat auch dies weniger mit ignoranten Städtern als vielmehr mit der ökonomischen Globalisierung zu tun. Jemand, der genau diesen Aspekt immer wieder betont hat, ist der Geograf Christophe Guilluy, der in Frankreich jüngst zu einem viel gefragten Intellektuellen avancierte, weil er bereits in seinem 2014 erschienenen Buch La France périphérique eine Analyse vorgelegt hatte, die fünf Jahre später ziemlich genau die Entstehung der sogenannten Gelbwesten zu erklären scheint.

Nach Guilluys Auffassung eint die Gelbwesten, so bemerkte er im Interview mit dem Magazin Spiked, vor allem die Tatsache, dass sie in Gegenden leben, in denen kaum noch Arbeit und eine Perspektive vorhanden sei. Dies rühre vornehmlich aus der Wirkungsweise des globalen Kapitalismus: "Technisch gesehen", sagt der Geograf, "funktioniert unser globalisiertes Wirtschaftsmodell gut. Es produziert eine Menge Wohlstand. Aber für sein Funktionieren braucht es eine Mehrheit der Bevölkerung nicht. Es hat keinen wirklichen Bedarf für jene Handwerker, Arbeiter und sogar kleinen Unternehmer außerhalb der großen Städte. Paris erzeugt genug Reichtum für ganz Frankreich, das Gleiche gilt für London in Großbritannien."

Auch wenn diese Analyse in Deutschland etwas weniger eindeutig ausfällt, weil die Bundesrepublik im Vergleich wesentlich föderaler organisiert ist und gerade im ländlichen Südwesten viele weltweit operierende Unternehmen sitzen, konzentriert sich auch hierzulande das Wirtschaftswachstum und die technologisch-ökonomische Dynamik zunehmend auf die urbanen Zentren, sodass manche ländlichen Regionen keine wirtschaftliche Funktion mehr haben. Selbst die Landwirtschaft ist heute gleichermaßen globalisiert und weitgehend in Großbetrieben konzentriert.

"Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse"

Was die politische Verantwortung für all das betrifft, waren es nicht zuletzt eben die konservativen Beschützer des Landes, die in wirtschaftspolitischer Hinsicht stets für eine größtenteils unregulierte Globalisierung der Kapitalströme votierten und reklamierten, dass der Markt es schon richten werde. Das Veröden strukturschwacher Landstriche ist ein Ergebnis davon. Während zunehmende Migrationsbewegungen, die auch aus dem Zusammenspiel von weltweiten Wirtschaftsungleichgewichten, technologischem Fortschritt und den Folgen westlicher Geopolitik resultieren, die äußere Seite der Globalisierung bilden, zeigen die ökonomisch und infrastrukturell abgehängten Landstriche ihre entsprechende Innenseite an.

Da die politische Thematisierung dieses Umstands aber die konservative Mitverantwortung offenlegen würde, passiert das, was man schon aus Kohls "geistig-moralischer Wende" in der Wirtschaftskrise 1982 oder von den US-Republikanern kennt: Statt ökonomische Strukturprobleme anzusprechen, werden Konflikte kulturell überdeterminiert. Um zu überdecken, dass die eigene wirtschaftspolitische Agenda mitverantwortlich für die Abgehängtheit vieler Wähler ist, wird ein kultureller Ersatzkonflikt geschürt, der sich dann wahlweise auf Minderheiten oder vermeintliche Kultureliten in den Städten bezieht.

Wobei man fairerweise sagen muss, dass es in den konservativen Reihen auch andere, tatsächlich strukturelle Ansätze für die Verbesserung der ländlichen Lebenssituation gibt. Jüngst kam solch einer von keinem geringeren als Innenminister Horst Seehofer, dessen "Heimatministerium" sich ja der im Grundgesetz verankerten "Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse" widmen wollte. Nach anfänglicher Kritik hatte Seehofer nämlich verdeutlicht, dass es ihm nicht um folkloristische Symbolik gehe, sondern dass Heimatpolitik für ihn "Strukturpolitik" bedeute. Das meint im Kern ja nichts anderes als die Einsicht, dass dort, wo der Markt versagt, etwa beim ländlichen Breitbandausbau, der Staat aktiv einspringen müsse.

Doch so rhetorisch ambitioniert Seehofer in dieser Hinsicht startete, so bescheiden sind bis jetzt die Ergebnisse. Jüngst wurde zwar ein Zwölfpunkteplan zur Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land vorgelegt, doch bleibt dieser oft nur vage. Beurteilte Hans-Günter Henneke, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Landkreistags, die Ergebnisse im Spiegel etwa als "sehr unkonkret", steht vor allem noch der wichtigste Punkt, die Finanzierung, völlig in den Sternen. Wobei Seehofer zumindest aus konservativer Binnensicht ja auch schon etwas erreicht hat, nämliche eine Reihe von kulturkämpferischen Debatten über die vermeintliche Notwendigkeit eines politisch aufgeheizten Heimatbegriffs. Und womöglich reicht ihm und der Union das ja auch schon. Eben ganz nach dem Motto: Kultur schlägt Infrastruktur.