Gestern Nachmittag rief mich meine Stiefmutter an. Sie wisse, ich würde darauf keinen Wert legen, aber morgen sei der dritte Todestag meines Vaters. Ob ich ihm wohl Blumen vorbeibringen könnte und eine Kerze anzünden? Es sei ihr eine Herzensangelegenheit. Freilich, sagte ich. Und vergaß mein Versprechen sogleich.

Linda Benedikt wurde 1972 in München geboren. Sie studierte Politik in England und Israel und arbeitete viele Jahre als freie Journalistin. Seit 2010 steht sie mit dem politischen Musikkabarett Reality Check auf der Bühne. 2012 veröffentlichte sie ihren Essay "Israel – A love that was. Die Geschichte einer Entzauberung", 2013 die Erzählung "Eine kurze Geschichte vom Sterben", 2015 erschien der Roman "Der Rest ihres Lebens". Linda Benedikt lebt zurzeit in München. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Heute aber schreckte ich um 6.23 Uhr auf: Vater, Friedhof, Todestag! Und: Hose oder Rock? Vielleicht ein Kleid? Die Katzen sahen mir zu, wie ich von Kleiderschrank zu Kommode lief, dachten sich ihren Teil und schliefen weiter. Ich entschied mich am Ende für Jeans und einen grünen Pullover. Er gehörte einst meinem Vater. Dazu trug ich blauen Lidschatten auf den Augenlidern und auch etwas Glitzer.

Bei den Schuhen fiel mir die Entscheidung leicht: Mein Vater liebte Penny Loafers. Also zog ich meine an. Kurz bevor ich aus dem Haus ging, überlegte ich noch laut, ob ich eine oder gar beide Katzen mitnehmen sollte. Sie schauten mich ungläubig an, sprangen vom Küchenbuffet und versteckten sich unter dem Sofa. Dann halt Musik, sagte ich nicht minder laut und fast beleidigt, weil ich es leid bin, immer alles allein machen zu müssen, und stopfte, zusätzlich zu meinem Hörgerät, Kopfhörer in mein Ohr. Am Markt kaufte ich einen kleinen Blumenstrauß. Den Händler fragte ich zuvor, ob er sich an seinem dritten Todestag über so einen Strauß freuen würde. Durchaus, meinte er.

In der U-Bahn hörte ich Hildegard Knef, Dave Brubeck und Madonna. Und hatte Fußschmerzen. Irgendwie drückten die Schuhe, und ich fürchtete schon, barfuß über den Friedhof laufen zu müssen. Aber am Friedhof angekommen, tat mir nichts mehr weh.

Das letzte Mal, als ich meinen Vater besuchen wollte, fand ich ums Verrecken sein Grab nicht. Obwohl ich normalerweise einen exzellenten Orientierungssinn habe. Aber es hat mich damals auch nicht wirklich verwundert. Friedhofsbesuche bei meiner Familie gestalten sich generell als schwierig. Meine Mutter liegt auf einer anonymen Wiese. Dorthin zu gehen, ist keine Freude, weil ich dauernd das Gefühl habe, auf irgendwelchen menschlichen Überresten zu stehen, und keine Chance habe, meine Mutter jemals zu finden. Wo mein Großvater liegt, weiß ich ganz genau. Aber in seinem Grab liegt auch seine Frau. Ich konnte seine Frau nicht ausstehen. Und ich habe Sorge, sie könnte in ihrer Eitelkeit denken, ich würde sie besuchen. Das möchte ich unter allen Umständen vermeiden.