Ein Leben ohne Sterben – Seite 1

Die Sache mit dem Tod überlegen sich die meisten Leute noch einmal, wenn sie einen anderen Menschen haben sterben sehen. Wenn der Tod ihnen also direkt begegnet ist und die Trauer existenziell, zugleich aber die Erkenntnis der eigenen Endlichkeit nicht mehr zu verleugnen ist. Der Verlust der Unschuld, von dem in Romanen und Filmen meist die Rede ist, besteht demnach auch nicht im Vollzug des ersten Geschlechtsverkehrs, darüber kommt man erfahrungsgemäß ganz gut hinweg. Es ist der Augenblick, in dem wir der Tatsache gewahr werden, dass das Leben irgendwann aufhört. Zumindest in Form der irdischen Existenz, da sind sich alle einig, die Gläubigen, die Agnostiker, die Atheisten: kein Sonnenaufgang eines traurigen Tages mehr, kein warmer Tag am Strand, kein fotogener Sex zwischen weißen Laken. Aber auch: kein Schmerz, kein Leid, kein Twitter.

Was aber, wenn es gar nicht aufhören müsste? Oder zumindest irre spät zu Ende ginge? Die stille Hoffnung darauf muss es doch schon immer gegeben haben; und geforscht wird an der Verlängerung des Lebens seit Langem. Nun behauptet eine Firma aus dem Silicon Valley – wo life extension ein noch kleiner, aber allerlei Fantasien produzierender Zweig der Biotech-Industrie ist –, sie habe das biologische Lebensalter von neun (männlichen) Probanden herabgesetzt durch eine medikamentös herbeigeführte Regeneration der Thymusdrüse. Es könnte, bestätigen sich die Ergebnisse in weiteren Studien, der tatsächliche Anfang vom Ende des Alterns sein oder zumindest eine weitere erhebliche Verlängerung der gesunden Lebensspanne von Menschen versprechen. Irgendwann, das ist selbstredend der Traum, könnte der Tod abgeschafft sein.

Dieser Traum provoziert erstaunlicherweise stets großen Widerspruch. Nicht nur von Ethikern, die sich von Berufs wegen Sorgen machen müssen bei jeder neuen Entwicklung. Auch Leserkommentarspalten sind voller Ablehnung. Selbst gegen die in Deutschland (noch) sehr kleine Life-Extension-Szene hat man Leute protestieren hören, denen die Abschaffung des Todes eigentlich zupasskommen müsste. Im Soho House in Berlin zum Beispiel, einem Club, in dem sich vergleichsweise junge oder jung aussehende, vergleichsweise vermögende oder vermögend aussehende Menschen treffen, gab es in vergangenen Jahren entsprechende Veranstaltungen, organisiert von dem einstigen Web.de-Gründer und Life-Extension-Unterstützer Michael Greve. Menschen im Publikum äußerten immer wieder Unverständnis bis Wut über die Idee, die gesunde Lebensspanne verlängern zu wollen.

Die Gründe der Ablehnung sind immer die gleichen. Erstens wird Life-Extension-Fans schlimmer Narzissmus unterstellt, ihre Unlust am Ableben also pathologisiert. Zweitens wird behauptet, die Erde sei heute schon überbevölkert und ihr drohe doch bereits die Klimakatastrophe, weshalb noch mehr Menschen mit mehr Lebenszeit die eigentliche Katastrophe wären, nicht nur für den Planeten, sondern auch die Gesellschaften auf ihm. Drittens wird ganz selbstverständlich angenommen, nur Reiche oder wahlweise der globale Norden würden sich lebensverlängernde Therapien leisten können. Und viertens sei das Bestreben, länger und gesünder zu leben, wider die Natur oder eine wie auch immer geartete natürliche Ordnung.

Nun ist es leider so: Alle diese Thesen sind entweder nicht belegbar. Oder widerlegbar.

Erstens sind die individuellen psychischen Dispositionen von Leuten, die keine Lust haben, zu sterben, weder erforscht noch erforschenswert, sie spielen keine Rolle in der Bewertung von Forschungsergebnissen.

Zweitens wurden mathematische Modelle zur Errechnung eines Grenzwerts für die sogenannte Tragfähigkeit der Erde längst von der Entwicklung der Weltbevölkerung überholt. Als der britische Ökonom Thomas Robert Malthus die Idee der Überbevölkerung im Jahr 1798 erfand und voraussagte, das Wachstum der Weltbevölkerung werde das der Nahrungsproduktion überholen, lebten rund 800 Millionen Menschen auf der Erde. Die Vereinten Nationen schätzen, dass es im Jahr 2050 knapp unter zehn Milliarden Menschen auf dem Planeten geben wird und diese dank weiterer Effizienzsteigerungen in der Nahrungsmittelproduktion theoretisch auch ernährt werden können (die globale Verteilung der Lebensmittel bleibt das große Problem). Wie naturverträglich diese Menschenmasse sein wird, so viel zur Klimakatastrophe, wird wesentlich davon abhängen, wie ressourcenschonend sie wirtschaften wird (auch wenn zum Beispiel Antinatalisten genau nachrechnen, wie viel CO₂ jeder einzelne Mensch emittiert, doch diesen Leuten möchte man die Zukunft lieber nicht überlassen). Wie künftige Gesellschaften aussehen werden schließlich, wissen nur Autorinnen und Autoren von Science-Fiction-Romanen.

Drittens kann heute niemand vorhersagen, wie viel lebensverlängernde Therapien kosten werden, weil niemand weiß, welche es geben wird und wie sie gehandelt werden könnten.

Und viertens hat die Spezies Mensch seit Anbeginn ihrer Existenz erhebliche Mühen unternommen, um kollektiv und individuell möglichst lang am Leben zu bleiben. Obwohl der Mensch kaum etwas ausgelassen hat bei dem Versuch, die eigene Zivilisation zu zerstören, haben er und die von ihm erdachten gegenwärtigen Systeme sich bisher als widerstandsfähig erwiesen: Der Mensch hat offenbar großes Talent, sich und anderen großes Leid zuzufügen, sich dabei aber nicht selbst abzuschaffen.  

So gesehen sind die biologische Forschung und die medizinische Praxis insbesondere in den vergangenen anderthalb Jahrhunderten lediglich dem menschlichen Selbsterhaltungstrieb gefolgt. Soll das wider die Natur sein? Wer das meint und unbedingt eine Idee von natürlicher Ordnung und vermeintlicher Ursprünglichkeit wieder ins Recht setzen möchte, kann ja mit gutem Beispiel vorangehen und bei der nächsten Infektionserkrankung die Einnahme von Antibiotika verweigern.

Der Tod und die Utopie

Das Sterben, das scheint den meisten Leuten mindestens theoretisch klar zu sein, ist das ultimative Elend. Ein Großteil der Leistung unseres Unterbewusstseins besteht darin, diesen bedauerlichen Umstand zu verdrängen. Und wenn sich das Ende schließlich ankündigt, wehrt sich der menschliche Körper (und ganz offenkundig der Geist, der in ihm weilt) gegen sein Erlöschen mit größter Kraft. Er ist, so jedenfalls sieht es für den außenstehenden Beobachter aus, anscheinend nicht dafür gemacht. Das Sterben an Krebs etwa ist eine einzige Verheerung; und die kinetische Energie wiederum, die nötig ist, um einen intakten menschlichen Körper unmittelbar zu töten, ist gewaltig. Bevor jemand "friedlich entschläft", haben im Körperinneren kriegsähnliche Zustände geherrscht. Wer von Erlösung spricht durch den Tod, meint sich – als sogenannter Hinterbliebener – zugleich immer selbst: Dem Sterben eines anderen zusehen zu müssen, ist eine unerträgliche Qual.

Die herrschende gesellschaftliche Vereinbarung, Sterben (bitte kurz und schmerzlos) und Tod (wahlweise von der Natur oder von Gott gewollt und also rechtens) voneinander zu trennen, scheidet den Vorgang von dessen Ergebnis. Letzteres, der Tod, mag tatsächlich die ultimative narzisstische Kränkung sein, die Welt kommt ja wirklich ohne uns aus, ahnen wir noch Lebenden. Glücklicherweise müssen wir den Beweis dessen nicht mehr selbst erfahren.

Doch was für ein Elend ist es bereits, das Leben immer schon von seinem Ende her betrachten zu sollen, so wie es Martin Heidegger in der Denkfigur des "Sein zum Tode" tat: Die Angst soll uns begleiten beim "Vorlaufen" Richtung Ende, sie vereinzelt uns, macht uns dergestalt letztlich erst zum Individuum (Lifestyle-Entscheidungen spielen für Heidegger nun wirklich keine Rolle bei der Ausbildung des Individuellen). Die Angst erst macht uns zum Menschen. Angstfreiheit ist da nicht vorgesehen, für die Angst gibt es bei Heidegger einfach keinen safe space, sie begleitet uns bis aufs Sterbebett, wo sie sich dann erst erfüllt im Augenblick unseres Ablebens.

Ganz ehrlich: Wer sollte das wollen? Das wäre doch total grauenhaft.

Die Verheiligung des Todes

Da wendet man sich lieber zwei anderen toten Großdenkern zu, Theodor W. Adorno und Ernst Bloch. Die beiden pflegten ganz erquickliche freundschaftliche Unterhaltungen, eine aus dem Jahr 1964 erhielt den Titel Möglichkeiten der Utopie heute und fand vor Rundfunkmikrofonen statt. Bloch erläutert darin historische und damals gegenwärtige Utopien sozialer, religiöser, technischer und medizinischer Art. Er nennt "die Abschaffung des Todes" explizit ein "ganz närrisches Fernziel". Und sagt schön bildhaft: "Der Brettschlag am Ende macht mindestens allen unseren individuellen Zweckreihen ein Ende, entwertet also auch das Vorher."

Adorno sekundiert: Die Abschaffung des Todes sei "der neuralgische Punkt, darum geht es eigentlich"; doch die Reaktion auf diese Idee sei, dass Menschen das als "das Allerschlimmste und Allerentsetzlichste" empfänden – auch schon vor 55 Jahren, nicht erst im Soho House zu Berlin. Diese Reaktion, sagt Adorno, sei mithin aber genau das, was der Utopie am deutlichsten entgegenstünde: Stärker noch als mit den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen identifizierten sich die Menschen mit dem Tod. Doch er fügt hinzu: "Utopisches Bewusstsein meint ein Bewusstsein, für das also die Möglichkeit, dass die Menschen nicht mehr sterben müssen, nicht etwas Schreckliches hat, sondern im Gegenteil das ist, was man eigentlich will." Die "Heiligung oder Verabsolutierung des Todes" bei Heidegger und überhaupt in der damals, Mitte des 20. Jahrhunderts, gegenwärtigen Philosophie bezeichnet Adorno als "anti-utopisch".

Nun darf man Adorno und Bloch nicht zu Vorreitern im Geiste der life extension machen. Zwar könne die Utopie ohne die Abschaffung des Todes gar nicht konzipiert werden, sagt Adorno, doch der große Widerspruch sei, dass ihr damit "die Schwere des Todes" innewohne: "Wo die Schwelle des Todes nicht zugleich mitgedacht wird, da gibt’s auch eigentlich keine Utopie." Die Konsequenz sei, dass man die Utopie "nicht positiv ausmalen" dürfe im Sinne von: So wird es werden. Die Utopie sei nur in der Negation erzählbar, indem man also sagt, was nicht ist. Damit, ergänzt Bloch, sei die Utopie stets eine Kritik am Vorhandenen, also an den realexistierenden Verhältnissen. Und der Tod gebe permanent Anlass zur Kritik: "Er reizt unaufhörlich auf aus jeder Zufriedenheit, und wenn sie noch so groß ist, und wenn es noch so viel Wirtschaftswunder und Wohlstandsgesellschaft gibt", sagt Bloch.

Die Utopie, in deren Mittelpunkt die Abschaffung des Todes steht, so könnte man aus alldem schließen, ist ein unverzichtbares Instrument der Gegenwartsanalyse und zugleich Motor ebenso aller potenziellen individuellen Sehnsüchte wie gesellschaftlicher Ideen von "Fortschritt". Im Moment der Erfüllung der Utopie aber, wenn der Tod wahrhaftig abgeschafft wäre, wäre auch die Utopie aus der Welt. Und was dann?

Nichts. Oder zumindest von unserem gegenwärtigen Standpunkt in Zeit und Raum aus: nichts Denkbares. Womöglich Stillstand, Ruhe, Frieden, ein Dasein jenseits der Zeit. Also alles, was sich Christen so unter Himmel vorstellen, nur auf Erden.   

Doch wie der Mensch wäre und wie er mit anderen in dieser erfüllten und damit abgeschafften Utopie lebte, so ganz ohne Endlichkeit, also ohne die tiefsten Zweifel seiner Existenz, nämlich dass vielleicht alles komplett nutzlos sein könnte, was er tut bis zu seinem Tode – wie dieser Zustand das menschliche Wesen und seine Gemeinschaften grundlegend verändern würde, das lässt sich nicht ausmalen. Außer in der Fiktion.

Man könnte es auch so betrachten: Nicht den Tod braucht es zum Menschsein, sondern die Idee von der Abschaffung des Todes. Aber wenn sie eines Tages erreicht würde und wir alle unsterblich, wäre das vielleicht auch einfach nur grauenhaft.