Franka Lu ist eine chinesische Journalistin und Unternehmerin. Sie arbeitet in China und Deutschland. In dieser ZEIT-ONLINE-Serie berichtet sie kritisch über Leben, Kultur und Alltag in China. Um ihr berufliches und privates Umfeld zu schützen, schreibt sie unter einem Pseudonym.

Ein Witz ging zuletzt in den sozialen Medien in China herum, er geht so: Die chinesische Regierung möchte binnen drei Monaten Astronauten zum Mond schicken, aber das Ministerium für Luftfahrtindustrie hat noch Probleme mit der Technologie. Das Bildungsministerium erklärt sich bereit, die Aufgabe zu übernehmen. Es lässt die Probleme zur Lösung als Hausaufgabe an alle chinesischen Schulen verteilen. Drei Monate später fliegen tausend chinesische Eltern zum Mond.

Viele chinesische Mittelschichtseltern lachen bei diesem Witz bittere Tränen, weil er die an sie gestellten Anforderungen durch das Erziehungssystem so akkurat trifft. Längst gibt es einen scharfen Wettbewerb zwischen den Familien, die unvorstellbare Mengen an Ressourcen, Zeit, Energie und geistiger Anstrengung aufbringen sollen, um ihre Kinder zu bestmöglichen im Sinne des Staates zu machen. Doch am Ende müssen alle das Ergebnis akzeptieren, das die weit geöffnete Einkommensschere und die Machtstruktur in China produziert: Die Elite und ein paar wenige Glückliche mit genug Talent erreichen für ihre Kinder den Mond. Die meisten können es nicht.

Die Erziehung chinesischer Mittelschichtkinder ist für Familien ein unglaublich teures Projekt, das von alten Traditionen und dem Überlebensinstinkt in einem Land geprägt ist, dessen Wirtschaftssystem enormen Druck produziert. Allerdings hat diese spezielle Art der Kinderförderung neben den hohen psychologischen, finanziellen und sozialen Kosten auch eine Dynamik und einen realen Nutzen für die chinesische Gesellschaft hervorgebracht: Sie wirkt als beschleunigende Kraft bei der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes und produziert ganze Generationen ehrgeiziger und wettbewerbsorientierter junger Chinesinnen und Chinesen – allerdings auch solche, die unter dem Druck zerbrechen.

Von einer falschen Vorstellung sollte man sich gleich verabschieden: dass das chinesische Schulsystem der Hauptgrund für die hervorragenden Leistungen vieler Schüler sein könnte. Weil es diesem Irrtum aufsaß, rief das britische Bildungsministerium nach den exzellenten Pisa-Ergebnissen der Schüler in Shanghai einen Mathematiklehreraustausch zwischen beiden Ländern ins Leben. Die Lehrmethoden der Mathelehrer aus Shanghai unterscheiden sich zwar sehr wohl von denen der Briten, aber besondere Ergebnisse (PDF) hat der Austausch nicht erbracht. Jede chinesische Familie kennt den Grund: Chinesische Lehrer mögen sehr gut sein, aber es sind die Anstrengungen der Eltern, die für den Erfolg der Kinder entscheidend sind.

Wie aufopferungsvoll können Mittelschichteltern sein? Es gibt dazu unterschiedliche Statistiken, schließlich umfasst die chinesische Mittelschicht zwischen 100 und 400 Millionen Menschen, je nachdem, wie man Mittelschicht definiert. In jedem Fall ist der finanzielle Einsatz der Eltern bei der Ausbildung ihrer Kinder sehr hoch. Laut des "Weißbuchs der chinesischen Neuen Mittelschicht 2018" gaben Familien mit einem Jahreseinkommen von 650.000 Yuan (etwa 87.000 Euro) 2017 im Schnitt 13 Prozent davon für die Erziehung ihrer Kinder aus. 93 Prozent von ihnen haben vor, sie zum Studium ins Ausland zu schicken, was in vielen Fällen das Familieneinkommen mehrerer Jahre kosten würde. In einer anderen Untersuchung, die die chinesische Ausgabe der Financial Times vorlegte, gilt die oben genannte Einkommensklasse bereits als "wohlhabend", während das Einkommen von "Mittelschichtfamilien" bei 120.000 Yuan (etwa 16.000 Euro) angesetzt wird. Rund 20 Prozent der Eltern dieser Gruppe wechselten für die Erziehung der Kinder den Job oder gaben ihn ganz auf. 31 bis 35 Prozent kauften teure Wohnungen in den Bezirken mit guten Schulen, was den Gegenwert von Jahrzehnten des Familieneinkommens verschlingt. Für die Gymnasialausbildung liegen die Ausgaben bei 33 Prozent des Jahreseinkommens der Mittelschichtfamilien. Nicht inbegriffen sind dabei die Ausgaben für Vorschulausbildung.

Hausaufgaben und häusliche Gewalt

Was diese Daten nicht ausdrücken, sind die persönlichen Anstrengungen, aber auch die Ängste, die mit der Sorge um die Ausbildung der Kinder verbunden sind und oft regelrecht traumatisierend wirken. Die typische Familiensituation sieht so aus, dass ein Elternteil oder beide mindestens zwei bis vier Stunden täglich damit verbringen, dem Kind bei den Hausaufgaben zu helfen, von außerschulischen Lernaktivitäten ganz zu schweigen. Am schwierigsten ist der in vielen Bereichen geforderte und extrem schwierig zu bestehende Test für die jährlich stattfindende Internationale Mathematik-Olympiade. (Bei deren diesjähriger Austragung im britischen Bath teilten sich die chinesischen Teilnehmer – es waren ausschließlich Jungen – mit denen aus den USA den ersten Platz.) Die Hausaufgaben sind ein täglicher Alptraum für die Eltern und häufiger Anlass für Familienstreitigkeiten bis hin zu häuslicher Gewalt. Nur einer von vielen ähnlichen Fällen aus dem Jahr 2018: Ein Mann verletzte seine Frau schwer, weil sie den gemeinsamen Sohn wegen nicht erledigter Hausaufgaben tadelte.