Lehrer begrüßen Schüler zur diesjährigen Eingangsprüfung für die Universität, den Gaokao (links), der am 7. Juni stattfindet. Am selben Tag ein Jahr zuvor beteten Eltern in Shenyang darum, dass ihre Kinder bei dem Test gut abschnitten (rechts). © Fu Kun/​VCG, VCG/​Getty Images

Nun ist die Hingabe der Eltern ihren Kindern gegenüber nachvollziehbar. Aber dafür, dass sie derart ausgeprägt und zugleich angstbefrachtet ist, gibt es viele Gründe. Das Stereotyp der asiatischen Tiger Mom etwa ist auch im Westen längst bekannt; weniger herumgesprochen hat sich allerdings, dass das chinesische Bildungssystem viele Eltern in die Rolle der Tiger zwingt. Schicken sie ihre Kinder zum Beispiel nicht auf die wenigen und sehr teuren internationalen Schulen, dann bekommen sie die harten Bandagen des chinesischen Erziehungssystems zu spüren.

Dieses System ist eine einfachere Version des gesamten chinesischen Machtsystems. Es lässt weder Dissens noch Abweichung zu. Jede Lehrerin, jeder Lehrer wird ständig über die Leistung ihrer und seiner Schülerinnen und Schüler evaluiert. Die Ergebnisse dieser Evaluation haben direkte Auswirkungen auf das Einkommen des Lehrpersonals. Dieses wiederum kontrolliert die Eltern über Gruppen in der chinesischen WhatsApp-Entsprechung WeChat. Die Eltern nun haben dafür zu sorgen, dass Kinder ihre Hausaufgaben gut machen. Geraten diese beim Stoff in Rückstand oder stören während des Unterrichts, werden die jeweiligen Eltern in den WeChat-Gruppen von den Lehrern vor allen anderen dafür scharf kritisiert und heftig gemaßregelt. Hilft auch diese Entblößung nichts, werden die betroffenen Eltern in die Schule einbestellt und von Angesicht zu Angesicht getadelt: "Ihnen ist die schulische Leistung Ihrer Kinder egal, Sie wollen nur, dass die entspannt und glücklich sind? Sorry, das ist in der Schule nicht vorgesehen."

Kinder sind Waffen im Kampf um sozialen Aufstieg

Andererseits bleibt auch jenen Chinesinnen und Chinesen, die von Traditionen oder der Tyrannei der Lehrerinnen und Lehrer wenig halten, angesichts der tiefen gesellschaftlichen Gräben und des kaum vorhandenen Wohlfahrtsstaats wenig anderes übrig, als ihre Kinder zu Waffen im Kampf um sozialen Aufstieg zu machen. China ist eines der Länder mit der größten gesellschaftlichen Ungleichheit auf der Welt. Eine gute Ausbildung ist da eine relativ verlässliche Voraussetzung für Mittelschichtskinder auf dem Weg nach oben. Oder nur ein Mittel, um den Abstieg der Familie zu verhindern. In einer Kultur, die nach wie vor auch die erweiterte Familie streng dazu anhält, jedes Familienmitglied das ganze Leben hindurch zu unterstützen, ist der Erfolg der Kinder ein Schlüsselfaktor für das Wohlergehen der Eltern und der Großeltern in Notzeiten.

Daher lässt sich der Kampf um Bildung in chinesischen Mittelschichtfamilien als ein regelrechter Feldzug betrachten. Dessen Fernziel lautet: Die Kinder müssen auf eine der 150 erstklassigen Universitäten geschickt werden. Die Ressourcen dafür sind: der überwältigende Einsatz von Geld, Zeit, Energie, geistiger Anstrengung, sozialen Netzwerken – alles, was sich mobilisieren lässt bei Eltern, Großeltern, Onkeln und Tanten, Freundinnen, Kollegen. Die Gegner sind alle anderen Kinder desselben Jahrgangs, das sind jeweils fast zehn Millionen in China. Die Chancen auf die Zulassung an einer der betreffenden Universitäten liegen mathematisch bei rund sechs Prozent, und dabei sind all jene Kinder nicht mitgerechnet, die aus privilegierten Familien mit guten Beziehungen stammen und sowieso einen Studienplatz bekommen. Dieser Krieg ist also brutal. Er muss darum so früh wie möglich angefangen werden.

Die ersten Kriegsvorbereitungen beginnen mit Taijiao, der Erziehung des Fötus. Taijiao ist ein Konzept, das aus dem dritten Jahrhundert vor Christus stammt. Es hat sich im Lauf der Zeit allerdings stark verändert. Eine florierende Taijiao-Industrie vermischt heute modernes Gesundheitswissen (gute Ernährung und viel Bewegung) mit Zauberkram und Pseudowissenschaft. Viele Taijiao-Unternehmen – manche nennen sich "Taijiao-Akademien" oder "Taijiao-Universitäten" – erlegen den werdenden Müttern alle möglichen täglichen Verpflichtungen auf: das Tragen von Jadeschmuck, das Gespräch mit dem Fötus, das Spielen klassischer Musik oder Englischübungen, wofür man sich einen Lautsprecher auf den Bauch legen solle. Die Maxime bei alldem ist: "Lass das Kind schon beim Start gewinnen."

Nur noch 6.942 Tage bis zum Eignungstest

Dieser Feldzug hat ein langfristiges Ziel, er läuft auf den berüchtigten Gaokao hinaus, die standardisierte Eingangsprüfung der Universitäten – der Krieg um das Lebensglück der Kinder dauert also mindestens 18 Jahre. Als selbstironische Geste posten chinesische Mittelschichteltern auf Social Media gern Fotos mit ihren Säuglingen oder Neugeborenen neben einem Blatt mit der Aufschrift "XXX Tage bis zum Gaokao". Der aktuelle Rekord liegt bei 6.942 Tagen.

Die erste wirkliche Schlacht ist dann die um die Zulassung zu einem guten Kindergarten. Darauf werden die Kinder vorbereitet, kaum sind sie geboren. Man nennt das "zaojiao", Früherziehung. Neben emotionaler Kommunikation und körperlichem Training (etwa Tanzen und Schwimmen) wird Kindern schon im ersten Lebensjahr beigebracht, Gegenstände und Schriftzeichen zu erkennen, zu rechnen und Klassiker zu memorieren. Musikinstrumente und Auftritte folgen bald darauf. Die Eltern schicken ihre Babys oder Kleinkinder zu allen möglichen Zaojiao-Gruppen, um ihre sozialen Fertigkeiten und die Fähigkeit zum Stillsitzen und Lernen so früh wie möglich einzuüben. In den Kindergärten wird sehr häufig bereits Englisch, Chinesisch und Mathematik unterrichtet – da sind Konzentration und Stillsitzen bitter nötig.