Schüler auf dem Land beim Hausaufgabenmachen (links) und eine Pekinger Schülerin (rechts), die auf die Mitteilung wartet, ob sie beim Wiener Opernball debütieren darf – dem in der chinesischen Hauptstadt allerdings. © Johannes Eisele/​AFP, Kevin Frayer/​Getty Images

Schon gleich nach der Geburt, mindestens zwei bis drei Jahre vor der tatsächlichen Aufnahme, bewerben sich die Eltern bei den Wunschkindergärten. In Onlineforen finden sich dazu sehr detaillierte Hinweise. Ein Beispiel aus Shanghai: "Dieser hoch angesehene Kindergarten hat vier Leitungen für die Verabredung eines Bewerbungsgesprächs, aber sie sind alle besetzt … Manche Eltern haben mehr als 2.000 Mal anzurufen versucht, ohne Erfolg … Jedes Familienmitglied sollte jeweils eine der Nummern wählen, auch wenn sie sich dabei zu Tode wählen (Wang Si Li Da)."

Wenn dann die offizielle Bewerbungsprozedur beginnt, haben Eltern und Großeltern bereits Tausende Stunden mit der Erziehung der Kinder verbracht, ganz zu schweigen von den beträchtlichen Gebühren für die Zaojiao-Gruppen. Um aus den Hunderten oder Tausenden junger Bewerberinnen und Bewerber hervorzustechen, braucht es einen Lebenslauf, mit dem man das Immatrikulationsbüro des Kindergartens beeindrucken kann. Die Eltern demonstrieren alle Leistungen ihrer Kinder. Neben ordentlichem Essverhalten und Toilettendisziplin gehören dazu oft Rechenvermögen, die Fähigkeit zum Singen von Liedern und zur Gedichtrezitation. Die bei Weitem wichtigste Information betrifft freilich die Eltern selbst: Welche Bildungsstufe haben sie erreicht (am besten ist der Doktorgrad), welche Berufe üben sie aus, für welche Organisationen arbeiten sie …

Am besten ist man ein Wunderkind

So beginnt offiziell der Eintritt in einen entscheidenden, kaum auszuhaltenden und oft demütigenden Abschnitt, "Pin Die Ma", oder: Elternwettstreit. Das Bildungssystem Chinas ist ausgesprochen korrupt, auch wenn diese Korruption manchmal gut versteckt ist. Die Lehrerinnen und Lehrer können von den Eltern außerordentlich profitieren – über deren Kinder. Es ist darum für Lehrpersonal naheliegend, Kinder aus den reichsten und am besten ausgebildeten Familien auszuwählen, um sie bevorzugt zu unterrichten. Die Belohnung erfolgt in unterschiedlicher Form: von teuren Geschenken bei offiziellen Feiern über Gratistickets für begehrte Konzerte bis zu Insidertipps für die Aktienanlage ist alles denkbar.

Pin Die Ma ist einer der entscheidenden Faktoren für die wachsende soziale Kluft in der chinesischen Gesellschaft. In diesem Wettbewerb werden die Mittelschichteltern oft von der politischen Elite und den Reichen ausgestochen. Letztere können sich die enorm teuren Wohnungen in der Nähe der guten Kindergärten und Schulen leisten, die ihren Kindern den Zugang zu diesen erlauben. In Peking lag der Wohnungspreis für den begehrtesten Bezirk im Jahr 2017 bei mehr als 21.000 Euro pro Quadratmeter. Schon die bloße Möglichkeit, die Schulverwaltung zu bestechen, ist ein Privileg, ein geheimer Pfad, der nur den Mächtigen und Wohlhabenden offensteht.

Die beste Strategie für gewöhnliche Familien liegt in der Formung von Wunderkindern, falls das denn überhaupt geht. Von der Grundschule bis zum College haben chinesische Schülerinnen und Schüler täglich 14 Unterrichtsstunden, und danach geht das Lernen zu Hause noch weiter.

Auch die außerschulische Zeit will gut genutzt und von den Eltern angeleitet sein, die allerdings oft schockierende Berichte über die Wunderkinder der anderen lesen müssen. So haben manche kleinen Absolventen von Kindergärten in Shanghai bereits 2.000 chinesische Schriftzeichen gelernt, können die Herz- und Lungenzirkulation und das menschliche Nervensystem aufzeichnen, sind gut im Einmaleins, sprechen Französisch und Englisch, programmieren und gewinnen viele nationale Preise.