Auch abends nach der Schule geht das Büffeln für den Gaokao weiter (links). Eine wesentliche Frage für Eltern in Großstädten wie hier in Hongkong ist, wie gut die Schulen im Viertel sind – und ob man notfalls umziehen muss, um dem Kind beste Startbedingungen bieten zu können (rechts). © VCG, Isaac Lawrence/​AFP/​Getty Images

So schaukeln sich die Anforderungen hoch und immer höher. Ein Achtklässler in Peking hat etwa einen Aufsatz über den Filtereffekt visueller Kommunikation veröffentlicht. Seine Schule verlangt die Lektüre extrakurrikularer Lernmaterialien im Umfang von mindestens fünf Millionen Schriftzeichen und ist den Lehrplänen der anderen Schulen um zwei Jahre voraus. Es handelt sich dabei um die Renmin University High School, eine der prestigeträchtigsten Schulen in Peking. An einem heißen Tag Mitte Juli nahmen in diesem Jahr 22.000 Grundschüler an der Auswahlprüfung der Schule teil. Die Kinder und ihre Eltern standen bei einer gefühlten Temperatur von 40 Grad stundenlang in der Schlange. Große Hoffnung besteht allerdings nicht: Nur 200 von ihnen werden zu den Auserwählten gehören.

Als Folge auch dieses Wettbewerbs ist in China eine ganze Industrie luxuriöser Sommercamps entstanden. Sie dauern in der Regel etwa zwei Wochen. Die Preise dafür beginnen bei umgerechnet 2.500 Euro, eine Obergrenze gibt es nicht. Die Programme der Camps sind darauf ausgerichtet, die Lebensläufe der Kinder so herausragend wie möglich zu gestalten: Intensives körperliches Training wird angeboten, häufig ein Ausflug zu einer Topuniversität, Seminare bei berühmten Professoren oder sogar Begegnungen mit Nobelpreisträgern. Die Sommercamps sind dabei der Musterfall von Herdenverhalten: Manche Eltern legen ein ganzes Monatseinkommen für den zweiwöchigen Aufenthalt ihres Kindes nur deshalb hin, weil die anderen Eltern das auch tun. Mehr als 60 Prozent der Grundschülerinnen und Grundschüler in China bekommen außerschulische Nachhilfe in Fächern wie Englisch, Literatur und Mathematik. Nachhilfe steht in vielen der Sommercamps ebenfalls auf dem Programm.

Die gewaltige Investition in die Ausbildung der Kinder stärkt zwar die traditionelle chinesische Familienkultur, die herzerwärmend, aber auch sehr anstrengend sein kann. Sie macht es Heranwachsenden bis ins Erwachsenenalter vor allem sehr schwer, sich von ihren Eltern abzugrenzen. Junge Leute in China werden häufig in allen Lebensbereichen von ihren Eltern kontrolliert: bei der Berufs- wie der Partnerwahl, dem Zeitpunkt für die Geburt eigener Kinder, deren Erziehung. Es ist eine lebenslange Verflechtung, die beiden Seiten enormen Rückhalt und emotionale Unterstützung verschafft. Oft hat sie aber auch etwas Erstickendes und manchmal sogar Destruktives. Auf Douban, einer in China beliebten Social-Media-Plattform, sammelte eine Selbsthilfegruppe mit dem Namen "Alle Eltern sind ein Fluch" Tausende persönlicher Geschichten von regelrecht traumatisierten Heranwachsenden. Viele handelten von Lerndruck und Hausaufgabenkontrolle. Die Zensur hat diese Gruppe später von der Plattform entfernt.

Europäische Schulen? Sind viel zu locker

Dennoch verändert sich die Lage. Manche Mittelschichteltern – besonders solche, die eine Zeit lang in Europa oder Amerika gelebt haben – wenden aus westlicher Sicht gesündere und angemessenere Erziehungsmethoden an. Sie tun ihr Möglichstes, den Lernstress der Kinder zu reduzieren. Kinder, die das Glück haben, in solche Familien geboren zu werden, können von dieser Erfahrung enorm profitieren. Sie erleben in ihrer Familie Hingabe und lernen Effizienz und Ausdauer, um ein klares Ziel zu erreichen, und bekommen dabei genügend praktische und emotionale Unterstützung.

Auch hat die Leistungskultur, die das chinesische Bildungssystem (jedenfalls dort, wo es nicht korrumpiert ist) fordert und die die Eltern unterstützt, ihre guten Seiten. Sie schafft einen Gemeinschaftssinn, jedenfalls dann, wenn die Eltern sich gegenseitig durch das Labyrinth des Wettbewerbs helfen. Auf WeChat haben Eltern sich längst zu den unterschiedlichsten Gesprächsgruppen zusammengetan, um über die Ausbildung ihrer Kinder zu diskutieren und hilfreiche Informationen auszutauschen. Diese Kultur begegnet den nicht so Begabten jedoch mit Härte, wenn nicht sogar Brutalität; dafür erfahren gute Schülerinnen und Schüler große Anerkennung. Aus diesem Grund ist die chinesische Gesellschaft deutlich Nerd-affiner, als es die im Westen sind. Die Erwartung, begabte Kinder müssten auch große soziale Fertigkeiten entwickeln, ist deutlich weniger ausgeprägt.

Die gänzlich andere Kultur erschwert wiederum häufig die Integration chinesischer Immigranten in Europa. Wer in China zur Grundschule gegangen ist, erlebt die Schulen in Europa als lässig und viel zu wenig auf die Belohnung herausragender Leistungen bedacht. Oft wird das geradezu als Entmutigung wahrgenommen.

An den großen Tagen des Gaokao erreicht die nationale Solidarität dann dramatische Ausmaße. In lokalen wie landesweiten Medien gibt es Berichte und Bilder: Polizeiautos machen den Weg frei für Schulbusse, sodass die Schülerinnen und Schüler die Prüfungsorte rechtzeitig erreichen; Behörden oder Unternehmen stellen in der Hitze Gratisgetränke für die Gaokao-Teilnehmer zur Verfügung; Taxifahrer chauffieren erkrankte Schüler umsonst ins Krankenhaus. In den sozialen Medien tauscht man sich über die eigenen Gaokao-Erfahrungen aus, mit Witzen über den eigenen Leidensweg, im Triumph darüber, dass man diesen Krieg überlebt hat. Es ist fast eine nationale Zeremonie der Heilung, die ein einzigartiges Band zwischen Millionen von Familien schafft. Jetzt, symbolisiert die Zeremonie, ist man bereit für die Mondlandung. Oder sogar für die Eroberung ferner Planeten.

Übersetzung: Robert Meyer