Als ich auf eine österreichische Schule kam, war ich zehn Jahre alt und sprach genau fünf Worte Deutsch: Guten Tag, Eis, Fahrrad, Tram und noch irgendwas. Ich verstand nichts. Ich verstand die Lehrerin nicht, wenn sie vorne an der Tafel gestikulierte, ich verstand die anderen Schüler nicht, die in den Pausen miteinander tobten und sich irgendwas zuriefen, ich verstand nicht einmal den Zweck mancher Unterrichtsfächer wie Handwerken und Religion, und schon gar nicht verstand ich, warum die Fünf, die in meiner alten Schule die beste Note gewesen war, plötzlich die schlechteste sein sollte.

Lina Muzur, geboren 1980 in Sarajevo, lebte in Graz und Prag und studierte in Bamberg und Edinburgh. Sie ist die stellvertretende Verlagsleiterin von Hanser Berlin sowie Redaktionsmitglied von "10 nach 8" bei ZEIT ONLINE. Zuletzt veröffentlichte sie als Herausgeberin die Anthologie "Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht". © Christian Werner

Ich weiß noch, wie beängstigend es sich anfühlte, mich nicht ausdrücken zu können. Ich war in permanenter Alarmbereitschaft. In Englisch, Musik und Sport gelang es mir zumindest ansatzweise, am Geschehen teilzunehmen. Doch die meisten Schulstunden verbrachte ich damit, zu rätseln, was die anderen wohl gerade sagten und taten – es war mir ein undurchsichtiges Schauspiel. Meine Stellung war die eines Sonderlings: Da es nicht möglich war, mit mir zu kommunizieren, wussten die anderen auch nicht, was sie mit mir anfangen sollten. Sie beobachteten mich skeptisch aus der Ferne.

Bald schon wurde das gelehrte Wissen abgefragt. Wir sollten einen Aufsatz schreiben zum Thema Erlebniserzählung. Ich wollte darüber schreiben, wie ich auf dem Weg zu meiner letzten Klavierstunde mit dem Fahrrad gestürzt war, aber ich beherrschte die neue Sprache ja nicht und meine alte verstand hier niemand. Die Lehrerin war zunächst ratlos, fing dann aber an, wild mit den Armen zu fuchteln und auf das leere Blatt vor mir zu zeigen und irgendwann verstand ich: Ich sollte den Aufsatz auf Serbokroatisch schreiben. Ich wurde wütend. Sie würde den Aufsatz doch gar nicht lesen können, warum also sollte ich ihn schreiben? Ich tat es trotzdem, denn eine bessere Idee hatte keiner.

In meiner alten Schule in Sarajevo mussten wir jede Woche die Schrift wechseln. Eine Woche lang schrieben wir kyrillisch, die nächste Woche lateinisch, immer im Wechsel. Wir lebten nämlich in einem multiethnischen Staat – und schon die Kleinsten sollten lernen, sich problemlos in mehreren Kulturen zu bewegen. Allerdings ging das mit der kulturellen Vielfalt auf dem Balkan bekanntlich nicht lange gut. Aber das ist eine andere Geschichte. Das Lateinische fiel jedenfalls allen leichter, und die kyrillischen Wochen waren uns verhasst. Irgendwann schob ich meiner österreichischen Banknachbarin einen Zettel mit einem kyrillischen Satz zu, wohl in der verzweifelten Hoffnung, wir könnten uns zumindest so austauschen. Doch sie schaute mich nur entgeistert an. Da fand ich heraus, dass es in Österreich nur eine Schrift gab. Ich war begeistert. Die neue Schule hatte doch etwas Gutes.

Alles dauerte eine ganze Weile. Zuerst verstummte ich, dann fing ich an, österreichische Jugendbücher zu lesen, und ignorierte alles, was ich nicht verstand, und irgendwann, schwallartig, fing ich zu sprechen an. Ich war täglich mit einer fremden Sprache konfrontiert worden und meinem Gehirn blieb nichts anderes übrig, als diese fremde Sprache zu erfassen und abzuspeichern. Ein Jahr nach meiner Ankunft in Graz sprach ich fast fließend Deutsch beziehungsweise Steirisch, denn so redete man eben in Graz. In Deutsch hatte ich eine Zwei, in einigen anderen Fächern sogar eine Eins.

Carsten Linnemann, Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU und Stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, machte diese Woche den viel diskutierten Vorschlag, Kinder, die nicht so gut Deutsch sprachen, von der Einschulung zurückzustellen. In einem Interview mit der Rheinischen Post sagte er: "Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen." Betroffene Kinder sollten in einer verpflichtenden Vorschule Deutsch lernen.

Ich frage mich: wollen Politiker, die Kinder ohne deutsche Sprachkompetenz von Regelschulen fernhalten wollen, wirklich diesen Kindern helfen? Oder geht es hier um etwas ganz anderes?

Kinder lernen Fremdsprachen nicht nur schneller, sondern auch anders als Erwachsene. Sie benutzen keine expliziten Strategien, sie lernen unbewusst und viel stärker über das Gehör. Je jünger sie sind, desto offener ist ihr Gehirn für unterschiedliche sprachliche Strukturen, wie es Babak Ghasemi und Masoud Hashemi 2011 in ihrem Aufsatz Foreign language learning during childhood in der Zeitschrift Procedia nachgewiesen haben. Mit anderen Worten: Kinder müssen mit einer Sprache regelmäßig konfrontiert werden, um sie zu lernen. Sie müssen gezwungen werden, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Sie müssen die Notwendigkeit verspüren, sich zu verständigen und zu verstehen. Kinder lernen eine neue Sprache, indem sie ihrer Sitznachbarin unbedingt erzählen wollen, wie sie vom Fahrrad gestürzt sind, und es so lange versuchen, bis es klappt. Sie lernen die Sprache nicht, indem sie mit anderen fremdsprachigen, syrischen oder iranischen oder türkischen oder bosnischen Jungs und Mädchen zusammensitzen und deutsche Verben konjugieren.

Bevor ich in eine österreichische Schule kam, schickten mich meine Eltern in einen vierwöchigen Deutschkurs. In diesem Kurs lernte ich die fünf deutschen Worte, die ich am ersten Schultag sprechen konnte: Guten Tag, Tram, Eis und so weiter. Der Kurs war sinnlos gewesen, weil ich ein Kind war.

Die Forderung von Carsten Linnemann, der zuvor bereits dafür plädiert hat, Moscheen in Deutschland strenger zu überwachen und den Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in Schulklassen zu begrenzen, scheint so unüberlegt wie provokativ, doch vor allem ist sie diskriminierend. Denn was ihn eigentlich umtreibt, etwas, das im Moment so viele umtreibt, ist nicht die Sorge um die Kinder, es ist eine diffuse Angst, die sich schwer fassen lässt: die uralte Angst vor dem Fremden in den eigenen Reihen beziehungsweise Schulbänken.