Ein Leben nach dem Internet. Jetzt. – Seite 1

Was ich mit dir, in dir, geworden bin, darauf bin ich überhaupt nicht stolz. Ich habe alle Chancen, die das Leben mir bietet, ich bin so privilegiert, dass es mich manchmal, wenn ich genauer darüber nachdenke, schmerzt. Das Leben hat mich reich beschenkt, und ich bin nicht einmal gläubig, ein bisschen spirituell vielleicht, aber das, was mir Gott oder das Leben oder der Zufall oder meine Eltern geschenkt haben, gleicht einer Fülle, für die ich nur dankbar sein könnte.

Ich habe alle Möglichkeiten, ich bin gesund, ich kann denken, ich habe eine Meinung, ich habe mehr Zeit, Geld, Sicherheit und Wahlmöglichkeiten als Millionen andere Menschen auf der Welt. Ich bin in einem Zuhause aufgewachsen, wo Musik und Literatur im Zentrum standen, ich wurde sozialisiert und an Wissen herangeführt, ich spreche vier Sprachen fließend.

Wie viel ich aus mir machen könnte.

Wie viel ich entdecken könnte.

Doch stattdessen scrolle ich auf Facebook rum.

Das an sich wäre noch kein Problem, ich bin damit ja auch nicht allein, wir alle sind so, wir alle sind so geworden. Ein paar Minuten am Tag, was ist das schon? Was ändert das schon? Was macht das für einen Unterschied, ob wir jetzt ein bisschen am PC rumhängen oder am Smartphone? Ist doch eh alles digitalisiert, am Arbeitsplatz ist alles Digitale die Zukunft, umso wichtiger, dass wir uns auseinandersetzen, mit neuer Technik, mit dem digitalen Leben. Das wird doch von uns verlangt, ist doch eh alles scheißegal, heutzutage, schau mal, ein lustiges Katzenvideo, hast du was gesagt?

Aber es sind nicht mehr ein paar Minuten, während der Arbeit, kurz mal nebenbei. Aus ein paar Minuten sind Stunden geworden, aus ein paar Randzeiten eine Dauerschleife ohne Pause, aus ab und zu mal WLAN ein endloser, 24-Stunden-Strom an Verfügbarkeit, aus der wir uns nicht mehr verabschieden.

Aus unseren Leben mit ein bisschen Onlinesein ist ein Onlineleben geworden.

Dieses Leben ist die neue Normalität. 

Wir schmeißen dann Partys oder gehen zusammen essen und alle legen ihre Handys auf den Tisch, manchmal sogar so höflich, dass man den Bildschirm nach unten auf die Tischplatte kehrt, weil, so viel Anstand muss ja noch sein! Und dann machen wir Witze darüber, dass wir immer auf Facebook hängen und das Leben an uns vorbeizieht, dann schütteln wir die Köpfe und sind eine halbe Stunde mal offline, bevor wir uns mit unseren Geräten in der Hosentasche aufs Klo stehlen und beim Pinkeln, sitzend, durch die Internetwelt hetzen, vielleicht irgendwas Neues, die süchtigen Teile des Selbst befriedigen.

Hätte uns jemand vor ein paar Jahren gesagt, dass wir unser Leben in ein paar Jahren so sehr nicht mehr aushalten, dass wir während des Urinierens, eine Minute, eine Ablenkung brauchen, wir hätten nur gedacht, wie sonderbar dieser Mensch doch ist, solche Dinge zu denken.

Manchmal reden wir darüber, dass das Internet etwas mit uns gemacht hat, aber tiefer gehen wir nicht, wir schenken nochmals Wein nach und wischen den Gedanken weg und greifen nach dem Handy, so viel einfacher, irgendwie. Wir haben ja auch so oft gar keine Worte für diesen Zustand, wir haben nur ein dumpfes Gefühl im Magen, aber wem geht es schon so wie uns, wahrscheinlich niemandem, wahrscheinlich fühlen nur wir allein uns so. Und was ist so ein ungutes Gefühl denn schon wert, in einem postfaktischen Zeitalter – nicht viel.  

Manchmal denken wir kurz darüber nach, was wir alles machen könnten, in dieser Zeit, die uns jetzt fehlt, dann zucken wir mit den Achseln und denken, ach, dann würde ich vielleicht sowieso einfach noch länger auf Netflix rumhängen oder öfter schlafen, ist ja alles einerlei.

Wir sind fahriger, wütender, aufgewühlter

Wir reden dann kurz darüber, dass wir nicht mehr so gern zu Konzerten gehen wie früher, weil vor uns Hunderte Bildschirme in den Nachthimmel flimmern und irgendeiner immer streamt. Dass wir nicht mehr in Kirchen gehen, weil die Leute während der Messe whatsappen, oder dass die Stimmung in der S-Bahn irgendwie eine andere ist, seit alle nur noch in ihre Geräte starren und nicht merken, ob sich jemand neben sie setzt, aber wenn dann mal ein Kind schreit, dann rollen wir passiv-aggressiv mit den Augen, diese Menschen überall, wie sehr uns das stört. Wir hören dann, wie das Leben durch unsere Kopfhörer in unseren Podcast schreit, wie anstrengend.

Wir denken manchmal kurz daran, dass wir Angst haben, auf einer Party zu wild zu tanzen oder ohnmächtig zu werden und am nächsten Tag ein Video von uns im Internet zu finden, gegen das wir nichts mehr machen können, weil wir das Recht auf unser Leben schon längst verkauft haben, gegen Gratiszugang in ein WLAN-Netz. Oder dass uns etwas passiert auf der Straße und keiner hilft, weil alle so beschäftigt damit sind, zu filmen oder wegzuschauen oder weiterzuscrollen.

Wir reden darüber, wie sich unser Konsumverhalten verändert hat, dass wir weniger rausgehen und öffentliche Plätze leerer werden und Läden aus der Region schließen und die Restaurants alle gleich aussehen und das Gleiche auf der Karte haben, dann denken wir, recht so, dass ich alles nur noch online bestelle, da habe ich einfach die größere Auswahl. 

Wir lesen dann, dass Teenager sich umbringen, weil sie online gemobbt werden und 12-Jährige sich ihre Brüste machen lassen wollen, weil sie zu Hause in den Spiegel schauen und ihr eigenes Abbild nicht so schön ist wie das Foto von ihnen auf Instagram und sie die Dissonanz zwischen ihrem realen Abbild und dem Filter nicht mehr zusammenkriegen, im Kopf.

Wir regen uns kurz darüber auf, wie weit es mit der Menschheit gekommen ist, dass ein Babydelphin an einem spanischen Strand sterben musste, weil eine Horde von Touristen ihn so lange anfasste und herumtrug, um Selfies mit ihm zu machen, bis er in ihren Händen erstickte. Oder dass die deutsche Polizei jetzt Bußgelder verteilen muss, an die Leute, die auf der Autobahn langsamer gefahren sind, damit sie eine Verkehrsleiche filmen konnten, aber es nicht aushielten, die Leiche in echt zu sehen, ohne Bildschirm zwischen ihrem Auge und dem Tod.

Wir lachen kurz darüber, dass unser Chef uns um halb zwölf in der Nacht noch eine E-Mail geschrieben hat, die wir um zwanzig vor zwölf noch lesen, und sagen dann, hat der kein Leben?

Wir reden darüber, wie viele E-Mails wir täglich bekommen, dass wir bei der Arbeit kaum mehr eine Viertelstunde in Ruhe nachdenken können, weil das Nachdenken noch nicht messbar ist und die Datenabteilung, die für den Verkauf von Klicks zuständig ist, den Schluss ziehen könnte, wir seien zu wenig produktiv. Wir reden darüber, wie viele eingehende Hasskommentare gar nicht online gestellt werden, weil die vielen Vergewaltigungsdrohungen nicht öffentlich gepostet gehören.

Wir sagen dann, dass wir schon lange nicht mehr spazieren waren, im Wald, dass wir unsere Oma nicht mehr angerufen haben, dass wir nicht mehr wissen, wann wir das letzte Mal den PC ausgeschaltet und nicht nur zugeklappt haben, und dass wir jedes Mal wieder nach Hause rennen, wenn wir merken, dass wir unser Handy liegen gelassen haben – wenn das überhaupt noch vorkommt. Dass wir Phantomklingeln hören. Noch 14.000 Fotos auf dem iPhone sortieren sollten. 20.000 Entscheidungen fällen müssen, jeden Tag. Versucht haben, Tinder zu löschen, eine Woche. Wieder geladen. Ist eigentlich doch scheiße, dieses Tinder, aber irgendwie hab ich den Absprung nicht geschafft.

Wir sind fahriger, wütender, aufgewühlter. Wir sind rastloser, wir halten ständig unseren Atem an und haben weniger Sex, alles fühlt sich irgendwie weniger bunt an und in jeder freien Minute, die uns noch bleibt, in diesem gehetzten Leben, starren wir in Geräte, wir sprechen seltener mit Fremden und wenn wir mal daheim bleiben, fühlen wir uns komisch, einsam, irgendwie ängstlich.

Wir finden uns weniger zurecht, in unseren Leben, vergleichen uns ständig, wir können nicht mehr wirklich abschalten und haben Angst, uns zu binden, wir können keine Lieder mehr zu Ende hören, googeln den Weg, auch wenn wir ihn doch seit der Kindheit kennen, und verlaufen tun wir uns sowieso nicht mehr. 

Ist das die Welt, in der wir leben wollen?

Ich habe mein Leben an dich verschwendet, Internet.

Ich fühle mich wie eine Hülle ohne Inhalt, langsam leer gesaugt von einer Kraft, die ich gar nicht recht fassen kann. Ich wache morgens auf und lasse mich in eine Welt saugen, die auf den ersten Blick so unendlich vieles bereithält, mich am Ende des Tages aber wieder ausspuckt, leer und taub. Rausspuckt in eine Welt, die mir immer fremder wird, weil in ihr immer mehr Menschen leben, die scrollend umherwandern wie Tote, physisch da, aber innerlich weg. Die Welt, die ich manchmal sehe, wenn ich die digitalisierte Zukunft sehe, macht mich traurig. Sie fühlt sich so fremd an und so gar nicht nach etwas, was glücklich macht.

Eine Debatte über das, was Menschen glücklich macht

Ich hasse dich, Internet. Dafür, was du mit mir und meinem Leben machst. Dafür, was du mir wegnimmst. Dafür, dass du Dinge in mir und in der Welt auslöschst, die mir doch so wichtig sind. Ich hasse dich dafür, dass ich bis jetzt keine Kraft, nicht den Mut hatte, dir etwas entgegenzuhalten. Weil du doch alles bist, was ich immer wollte. Weil ich dachte, mit dir fände ich das Glück. Weil du dich oft doch so gut anfühlst. Und ich so genau hinsehen muss, um zu merken, wie weh du mir eigentlich tust.

Keine Ahnung, ob ich noch zurückkann. Vielleicht will ich einfach mal endlich wieder vorwärts. Ich will ein Leben nach dem Internet. Ich will mehr Ausgleich, Zeiten, in denen ich nur in einer Welt lebe. Ich will diese naiven, fahrlässigen Lobeshymnen auf die digitale Zukunft, das Digitale als Rettungsbringer von Wirtschaft und Politik nicht mehr hören.

Ich möchte handyfreie Zonen, Ruhe in der Kirche, ich möchte in den Sternenhimmel schauen können und niemanden, der neben mir über den Moonlight-Modus der Kamera flucht. Ich will Respekt vor meiner Intim- und Privatsphäre, ich will Momente, die nicht digitalisiert werden, und Zeiten, in denen auch mal nichts passiert.        

Ich will Stunden zusammen, wo man sich im Moment der Gemeinschaft verliert und den Boden unter den Füßen spürt und den Kuchen wirklich anschaut, statt nur das Handy draufzuhalten und ihn dann zu verfiltern und zu verschönern für die nächsten Likes.

Ich will eine echte Debatte auf politischer und wirtschaftlicher Ebene, mehr Sensibilität an den Schulen.  

Ich möchte, dass wir alle aufhören, das Problem auf unsere Kinder zu schieben und irgendwelche suchtkranken Jugendlichen, und dabei so tun, als wären wir selbst keine Opfer, obwohl wir die schlimmsten Vorbilder sind.

Ich will darüber reden, was das ständige Onlinesein mit unseren Gehirnen macht und einen Bürgeraufstand gegen die Algorithmen von Social Media. Ich will, dass wir aufhören, all diese Dinge in ein paar Spaltenmeldungen zu lesen und dann wieder weiterzuscrollen.

Unsere Abhängigkeit vom Internet, vom Smartphone, von Social Media macht uns krank, fahrig und emotional kaputt, und das geht uns alle etwas an, das ist kein Problem des Einzelnen, das kann man nicht privatisieren und mit Medikamenten behandeln und alles geht weiter wie immer.

Das ist eine Frage für unsere Gesellschaft, für die Menschheit.

Ich will mehr Kritik an der Art und Weise, wie wir im durchdigitalisierten Alltag miteinander umgehen, mehr Raum für Antworten, was Menschsein eigentlich bedeuten soll und was uns wirklich glücklich macht. Eine echte Auseinandersetzung. Nicht mehr nur Achselzucken, sondern endlich mal Courage. Ich will, dass wir endlich damit beginnen, Regeln auszuhandeln. Uns zu streiten. Uns zu einigen.

Wie wollen wir leben?

Gibt es ein Recht auf strahlungsfreien Raum?

Darfst du mich fotografieren?

Willst du gerade wirklich scrollen oder bist du ein Opfer deiner Instinkte?

Muss ich immer online sein, um einen Job zu kriegen?

Wem gehöre ich?

Willst du gerade mit mir reden oder willst du deine Identität im Netz pflegen?      

Dürfen hier alle immer filmen und posten?

Oder halten wir mal die Fresse und unsere Handys in der Tasche und lassen uns verdammt noch mal endlich auf das Leben ein?