Wir reden dann kurz darüber, dass wir nicht mehr so gern zu Konzerten gehen wie früher, weil vor uns Hunderte Bildschirme in den Nachthimmel flimmern und irgendeiner immer streamt. Dass wir nicht mehr in Kirchen gehen, weil die Leute während der Messe whatsappen, oder dass die Stimmung in der S-Bahn irgendwie eine andere ist, seit alle nur noch in ihre Geräte starren und nicht merken, ob sich jemand neben sie setzt, aber wenn dann mal ein Kind schreit, dann rollen wir passiv-aggressiv mit den Augen, diese Menschen überall, wie sehr uns das stört. Wir hören dann, wie das Leben durch unsere Kopfhörer in unseren Podcast schreit, wie anstrengend.

Wir denken manchmal kurz daran, dass wir Angst haben, auf einer Party zu wild zu tanzen oder ohnmächtig zu werden und am nächsten Tag ein Video von uns im Internet zu finden, gegen das wir nichts mehr machen können, weil wir das Recht auf unser Leben schon längst verkauft haben, gegen Gratiszugang in ein WLAN-Netz. Oder dass uns etwas passiert auf der Straße und keiner hilft, weil alle so beschäftigt damit sind, zu filmen oder wegzuschauen oder weiterzuscrollen.

Wir reden darüber, wie sich unser Konsumverhalten verändert hat, dass wir weniger rausgehen und öffentliche Plätze leerer werden und Läden aus der Region schließen und die Restaurants alle gleich aussehen und das Gleiche auf der Karte haben, dann denken wir, recht so, dass ich alles nur noch online bestelle, da habe ich einfach die größere Auswahl. 

Wir lesen dann, dass Teenager sich umbringen, weil sie online gemobbt werden und 12-Jährige sich ihre Brüste machen lassen wollen, weil sie zu Hause in den Spiegel schauen und ihr eigenes Abbild nicht so schön ist wie das Foto von ihnen auf Instagram und sie die Dissonanz zwischen ihrem realen Abbild und dem Filter nicht mehr zusammenkriegen, im Kopf.

Wir regen uns kurz darüber auf, wie weit es mit der Menschheit gekommen ist, dass ein Babydelphin an einem spanischen Strand sterben musste, weil eine Horde von Touristen ihn so lange anfasste und herumtrug, um Selfies mit ihm zu machen, bis er in ihren Händen erstickte. Oder dass die deutsche Polizei jetzt Bußgelder verteilen muss, an die Leute, die auf der Autobahn langsamer gefahren sind, damit sie eine Verkehrsleiche filmen konnten, aber es nicht aushielten, die Leiche in echt zu sehen, ohne Bildschirm zwischen ihrem Auge und dem Tod.

Wir lachen kurz darüber, dass unser Chef uns um halb zwölf in der Nacht noch eine E-Mail geschrieben hat, die wir um zwanzig vor zwölf noch lesen, und sagen dann, hat der kein Leben?

Wir reden darüber, wie viele E-Mails wir täglich bekommen, dass wir bei der Arbeit kaum mehr eine Viertelstunde in Ruhe nachdenken können, weil das Nachdenken noch nicht messbar ist und die Datenabteilung, die für den Verkauf von Klicks zuständig ist, den Schluss ziehen könnte, wir seien zu wenig produktiv. Wir reden darüber, wie viele eingehende Hasskommentare gar nicht online gestellt werden, weil die vielen Vergewaltigungsdrohungen nicht öffentlich gepostet gehören.

Wir sagen dann, dass wir schon lange nicht mehr spazieren waren, im Wald, dass wir unsere Oma nicht mehr angerufen haben, dass wir nicht mehr wissen, wann wir das letzte Mal den PC ausgeschaltet und nicht nur zugeklappt haben, und dass wir jedes Mal wieder nach Hause rennen, wenn wir merken, dass wir unser Handy liegen gelassen haben – wenn das überhaupt noch vorkommt. Dass wir Phantomklingeln hören. Noch 14.000 Fotos auf dem iPhone sortieren sollten. 20.000 Entscheidungen fällen müssen, jeden Tag. Versucht haben, Tinder zu löschen, eine Woche. Wieder geladen. Ist eigentlich doch scheiße, dieses Tinder, aber irgendwie hab ich den Absprung nicht geschafft.

Wir sind fahriger, wütender, aufgewühlter. Wir sind rastloser, wir halten ständig unseren Atem an und haben weniger Sex, alles fühlt sich irgendwie weniger bunt an und in jeder freien Minute, die uns noch bleibt, in diesem gehetzten Leben, starren wir in Geräte, wir sprechen seltener mit Fremden und wenn wir mal daheim bleiben, fühlen wir uns komisch, einsam, irgendwie ängstlich.

Wir finden uns weniger zurecht, in unseren Leben, vergleichen uns ständig, wir können nicht mehr wirklich abschalten und haben Angst, uns zu binden, wir können keine Lieder mehr zu Ende hören, googeln den Weg, auch wenn wir ihn doch seit der Kindheit kennen, und verlaufen tun wir uns sowieso nicht mehr. 

Ist das die Welt, in der wir leben wollen?

Ich habe mein Leben an dich verschwendet, Internet.

Ich fühle mich wie eine Hülle ohne Inhalt, langsam leer gesaugt von einer Kraft, die ich gar nicht recht fassen kann. Ich wache morgens auf und lasse mich in eine Welt saugen, die auf den ersten Blick so unendlich vieles bereithält, mich am Ende des Tages aber wieder ausspuckt, leer und taub. Rausspuckt in eine Welt, die mir immer fremder wird, weil in ihr immer mehr Menschen leben, die scrollend umherwandern wie Tote, physisch da, aber innerlich weg. Die Welt, die ich manchmal sehe, wenn ich die digitalisierte Zukunft sehe, macht mich traurig. Sie fühlt sich so fremd an und so gar nicht nach etwas, was glücklich macht.