In der Stadt ist es nie still, das strengt mich mit jedem Jahr mehr an. Deshalb suche ich Ruhe, so richtig, keine anderen Menschen, keine von anderen Menschen verursachten Geräusche, nichts. Gibt es diese absolute Ruhe überhaupt oder jage ich da einem Abstraktum nach?

Cecilia Röski, 1994 geboren, ist eine freie Autorin. Ihre Prosa-Texte sind in Literaturzeitschriften wie der "EDIT" oder der "BELLA triste" zu finden. Sie schrieb das Drehbuch für die historische Webserie "Haus Kummerveldt", deren Veröffentlichung im Frühjahr 2020 geplant ist. Sie lebt mit ihrem Hund in Leipzig und ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Einfach mal wegfahren, die Seele baumeln lassen, so richtig ausspannen. Ich habe es oft versucht, doch war ich nach dem Urlaub angestrengter als zuvor. Wenn ich an die Ehepaare denke, die sich beim Zeltaufbau angeschrien haben, vermute ich, dass es nicht nur mir so geht. Das Konzept von Urlaubmachen hat doch einen Haken. Im Duden steht, es sei eine dienstfreie Zeit, die jemandem (zum Zwecke der Erholung) zugestanden werde. Urlaub setzt also einen in Relation längeren Zeitraum voraus, in dem gearbeitet wurde. Die Erholung muss verdient werden. Jemand, der sich 60 Stunden in der Woche mit Kundinnen herumschlägt, muss Urlaub machen, um nicht durchzudrehen. Damit man sich den Urlaub leisten kann, muss wiederum mindestens Vollzeit gearbeitet werden. Vielleicht müssen wir auch Urlaub machen, um endlich durchdrehen zu dürfen. Endlich rumbrüllen, sich beleidigen und mit Campingstühlen werfen. Das kostet dann durchschnittlich 29 Euro pro Nacht.

Urlaub ist Stress

Das Problem an Urlaubsorten ist, dass meistens schöne Stellen am Meer, in den Bergen oder in Wäldern ihrer entspannenden Wirkung wegen vor Jahrzehnten als Tempel der Ruhe auserkoren, zugebaut und "tourisiert" wurden. Ich habe das Gefühl, dass es in Deutschland keinen schönen Fleck gibt, an dem nicht irgendwer sein Handtuch ausbreitet und die Bluetooth-Box aufstellt. Das ist prinzipiell kein Problem, doch ich habe das dringende Bedürfnis nach Ruhe. Ich möchte keine Musik hören und auch niemanden, der von seinen Projekten erzählt.

Ich gebe "Geheimtipps abgelegene Orte" in die Google-Suchleiste ein und ahne schon, dass Geheimtipps, die bei Google erscheinen, nicht ganz so geheim sind. Natürlich könnte ich wegfliegen, in menschenarme Gegenden, niemanden treffen in Montana oder nichts sagen müssen an Grönlands Fjorden. Aber ich finde, dass lange Reisen zu vermeintlich ruhigen Zielen viel zu anstrengend sind. Wenn ich 20 Stunden irgendwohin fliege, brauche ich mindestens zwei Wochen, bis ich mich von dem Stress erholt habe, und dann muss ich ja noch wieder zurückkommen.

Auch eine Zugfahrt durch Deutschland verbinde ich vor allem mit überfüllten Waggons und "Können Sie mal weitergehen"-Schreien. Trampen wäre die günstige Option, doch keine entspannte für Introvertierte wie mich. Immerhin müsste ich dann Leute am Rastplatz ansprechen und anschließend eine Unterhaltung führen. Während ich mir Sorgen mache, ob ich überhaupt noch vor der Nacht ankommen werde. Mich nervt das Abwägen, das Rumrechnen und die Ökonomisierung von Ruhe. Ich fühle mich, als würde ich meine Hochzeit planen und gebe die Suche nach Urlaubsmöglichkeiten mit Schweißflecken auf.

Ich habe das Bedürfnis nach Ruhe. Was soll das überhaupt bedeuten? Es geht mir nicht darum, kurz mal auszuspannen, kurz mal Ruhe zu haben, um dann mit neuer Kraft meinen Dienst in der Gesellschaft zu leisten. Ich möchte diese Ruhe in meinen Alltag integrieren. Als ich einen Hund adoptierte, sagte eine Bekannte: "Das geht gar nicht. Hunde gehören nicht in die Stadt." Ich auch nicht, habe ich dann gedacht.