Nie zuvor in der Geschichte war der Fleischkonsum derart hoch wie heute, nie wurde so viel Natur für die Fleischproduktion verbraucht und niemals waren die globalen Folgen annähernd so bedrohlich. Der jüngste Sonderbericht des Weltklimarats lässt da keinen Raum für Interpretationen. Nichts davon ist wirklich neu. Nur nimmt die Dichte und Reichweite von Erkenntnissen zu, die gleichlautend eines verkünden. Man muss es so drastisch sagen: Fleisch ist ein ökologischer Schadstoff. Ein Klimakiller. 

Die Politik steckt in einem Dilemma. Seit vor dreißig Jahren die Grünen mit der Forderung nach einem Benzinpreis, der alle Umweltkosten des Fahrens einrechnete, aus dem Bundestag geflogen waren, scheuen Politiker vor ähnlichen Maßnahmen nicht bloß beim Fleisch zurück. Man setzt stattdessen auf Selbstverpflichtungen bei der Agrarindustrie oder auf individuelle Leitsysteme wie Tierwohlsiegel. Geholfen hat es bisher so gut wie nichts, und es ist schwer zu sehen, weshalb sich das in Zukunft ändern sollte. 

Ob seine Ernährung großenteils aus Fleisch besteht, liegt in der Verantwortung jedes einzelnen. Wenn die Agrarindustrie für die Fleischproduktion ganze Tierarten vernichtet, Böden und Ökosysteme zerstört und das Grundwasser mit Nitraten und Pestiziden belastet, ist das schon nicht mehr ein individuelles Problem. Teil der Existenzfrage der Menschheit wird der Fleischkonsum aber spätestens dann, wenn die Herstellung dieser Nahrung zulasten eines ganzen Planeten geht. Eigentlich wissen wir das mittlerweile alle. Doch obwohl der Fleischkonsum in Deutschland jüngst leicht zurückgegangen ist, ändert sich nicht wirklich etwas daran, dass unser Fleischverbrauch pro Kopf um 600 Prozent höher liegt als in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Warum ist das so? An mangelnder Information kann es nicht liegen. Das lässt die Hoffnung, die man in bessere Aufklärung legen möchte, illusionär erscheinen. Denn die Gründe liegen tiefer, in unterschwelligen kulturellen Motivgeflechten.   

Rückkehr zum Sonntagsbraten

Einer davon lässt sich aus dem Zusammenhang von Wohlstand und Fleischkonsum ablesen. Je mehr das Einkommen wächst und der soziale Aufstieg gelingt, desto stärker nimmt auch der Fleischkonsum zu. Der Verzehr von Fleisch ist wie ein wirtschaftlicher Emanzipationsmarker. Ihn durch politische Maßnahmen einzuschränken, greift das gesellschaftliche Bewusstsein breiter Schichten an. Erhöhter Fleischkonsum, einst Privileg der oberen Schichten, symbolisiert traditionell Gleichheit und Ungleichheit. Fleisch jetzt in Deutschland durch Steuererhöhung teurer zu machen, was sich vor allem auf mittlere und untere Einkommen auswirkt, weckt unweigerlich den Verdacht der Restriktion durch politische oder links-ökologische Eliten. Vor diesem sozialgeschichtlichen Hintergrund lässt sich die Forderung einer Rückkehr zum Sonntagsbraten natürlich bestens zur politischen Stimmungsmache nutzen.

Hinzu kommt, Fleisch zu essen hat etwas stark Männliches. Wir erinnern uns alle an die beiden ganzen Kerle, ein Starkoch und ein Starfußballer, wie sie in einem Dubaier Nobelrestaurant vor einem großen goldenen Fleischstück posieren. Dabei war es schon etwas heuchlerisch, wie sich eine ganze Gesellschaft entrüstete, als ihr da die Hoheitszeichen ihrer Lebensform, Gold (Geld) und Fleisch, unverschleiert vor Augen geführt wurden. Steak, schön blutig, weckt älteste Instinkte des potenten Jägers, wachgehalten an jedem Gartengrill, wo sich das maskuline Stereotyp nur zäh auflösen will. Nicht bloß bei Kampfsportlern stehen Fleischkost und virile Kraft in direktem Zusammenhang. Auch der Aufbau von Muskelmasse beim Bodybuilding nutzt mit anabolen Steroiden Substanzen, die ebenfalls in der Tierfleischproduktion eingesetzt werden.

Einer der entscheidenden evolutionären Vorteile des Menschen ist es, dass er ein Allesfresser ist. Heute ist unser Angebot an Lebensmitteln so vielfältig wie nie zuvor. Zubereitungsweisen und fusionierende Esskulturen haben sich stark ausgedehnt. Kochen ist Kult. Tatsächlich könnten wir auf Fleisch gut verzichten, ohne an Genuss und Reichhaltigkeit beim Essen einzubüßen. Zumal bestimmte Nahrungsmittel als Fleischersatz inzwischen an Geschmack und Konsistenz oft gleichwertig sind. Gleichwohl steht der breiten Veränderung unserer Essgewohnheiten beim Fleisch etwas entgegen, das sich nur schwer überwinden und mit den genannten Gründen bloß unzureichend erklären lässt.