Ich habe entschieden, meine Kinder nicht zu schlagen. Die meisten Leserinnen und Leser wird diese Aussage sicherlich nicht überraschen; denn in Deutschland gibt es einen breiten Konsens, Kinder nicht zu schlagen – es ist seit dem Jahr 2000 verboten. In Frankreich, wo ich aufgewachsen bin, ist körperliche Züchtigung hingegen noch weit verbreitet: Drei Viertel der französischen Eltern betrachten die "kleine Ohrfeige", die fessée – auf Deutsch: den Klaps auf den Po – als legitime Erziehungsmethode. Sie scheuen auch in der Öffentlichkeit nicht davor zurück, sie anzuwenden, und geben es in Gesprächen ohne Scham zu. Seit dem 10. Juli ist der Klaps nun auch in Frankreich offiziell verboten. Das Gesetz hat aber nur symbolischen Charakter: Der Gesetzestext fordert, dass "die elterliche Autorität ohne körperliche und psychologische Gewalt ausgeübt wird". Väter oder Mütter, denen die Hand ausrutscht, werden allerdings nicht bestraft. Die Regierung setzt stattdessen darauf, einen Kulturwandel durch Informationskampagnen einzuleiten.

Cécile Calla,1977 geboren, war Korrespondentin der französischen Tageszeitung "Le Monde "und Chefredakteurin des deutsch-französischen Magazins "ParisBerlin". Sie hat den Blog "Medusablätter" über Frauen und Feminismus gegründet. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Als Kind hörte ich oft den beliebten Spruch "qui aime bien, châtie bien": Wer liebt, züchtigt gern. Ohrfeigen und Klapse von meinen Eltern waren zwar nicht alltäglich, aber sie kamen vor. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die elterlichen Schläge mich sonderlich verunsichert hätten. Ich weiß noch sehr gut, dass ich mich im Vergleich zu anderen Spielkameraden oder Cousinen, die manchmal eine ordentliche Tracht Prügel bekamen, glücklich schätzte. Die Nachbarskinder, mit denen ich jeden Tag spielte, hatten zu Hause einen martinet – eine kleine Peitsche aus Lederriemen, die man früher in allen Drogerien Frankreichs kaufen konnte. Den martinet kannten damals fast alle Kinder; er gehörte bis in die Achtzigerjahre bei vielen französischen Familien zum festen Haushaltsinventar, auch wenn er meist nur als Drohung eingesetzt wurde. Im Jahr 1984, ich war damals sechs Jahre alt, hat der Gesetzgeber seinen Einsatz als ungesetzlich erklärt. Einige Familien kauften ihn jedoch weiterhin und verwendeten ihn, wenn der liebe Nachwuchs aus ihrer Sicht übertrieb.

Aus meiner kindlichen Perspektive viel schockierender waren die Schläge in der Schule oder in den Vorschulen. Sie waren zwar eigentlich nicht gestattet. Körperliche Züchtigung in Grundschulen wurde erstmals in einer Schulverordnung von 1795, und nochmals 1887, kurz nach der Gründung der kostenlosen und laizistischen öffentlichen Schule, formell verboten. In der Praxis konnten jedoch viele Lehrer ihr droit de correction, ihr Züchtigungsrecht, bis Ende der Achtzigerjahre ziemlich ungestört ausüben. Erst 1991 verbot eine Richtlinie des Kultusministeriums ausdrücklich jegliche Strafe in den Vorschulen und jede Form körperlicher Züchtigung in den Grundschulen – und selbst danach gab es laut einem Bericht aus dem Jahr 2004 noch 81 registrierte Fälle körperlicher Züchtigung.

Meine Schwester und ich wurden nach heutigen Gesichtspunkten jedenfalls – wie nicht wenige französische Kinder – noch in den Achtzigerjahren von Lehrern psychisch und körperlich misshandelt. Die Bestrafungen nahmen alle möglichen Formen an: von Demütigungen bis hin zum Klaps auf den Po, von Ohrziehen bis hin zu Ohrfeigen. Wir Kinder erzählten unseren Eltern diese Vorgänge nicht. Einerseits, weil wir weiteren Ärger befürchteten, und andererseits, weil wir sie irgendwie als normal ansahen. Ich weiß allerdings noch, dass ich in der ersten Klasse einen wiederkehrenden Alptraum mit schwarz-weißen Bleistiften hatte, die ein Rennen in einer Art Stadion liefen. Ich war wohl einer dieser Stifte und verlor das Rennen ständig, was mich in tiefe Verzweiflung stürzte. Das war der Moment, in dem ich schweißnass und in Tränen aufwachte.  

Inzwischen ist solches Verhalten in der Schule Vergangenheit. Aber die Kultur der Gewalt ist – wie die Diskussionen um ein Verbot der erzieherischen Gewalt in Familien belegen – längst nicht verschwunden. Weil Frankreich sich viele Jahre lang dagegen sträubte, den Eltern körperliche Züchtigung per Gesetz zu verbieten, wurde es regelmäßig vom Europarat gerügt. Trotzdem trauten sich die verschiedenen Regierungen nicht, das Thema voranzubringen. Sprach man Franzosen darauf an, erntete man meist nur Spott.

Als im Jahr 2016 eine Abgeordnete den Gesetzentwurf für ein Verbot auf den Weg brachte, dauerte es mehr als zwei Jahre, bis er von den beiden Parlamentskammern verabschiedet wurde. Das Thema spaltete die Gesellschaft. Die Gegner erklärten, dass ein Klaps auf den Po noch niemanden getötet habe und dass uns im Falle eines Verbots eine Gesellschaft von kleinen Tyrannen erwarte. Die meisten Franzosen sprachen sich gegen ein Verbot aus – 2015 etwa waren 70 Prozent der Befragten dagegen.