Frage: Entscheiden sich die Grünen für Annalena Baerbock oder Robert Habeck als Kanzlerkandidaten? Antwort: Sie stellen Markus Söder auf. 

Wenn Bäume twittern könnten, dieser hier würde mit Sicherheit ein verzweifeltes #NeinheißtNein absetzen. Skrupellos södert sich der bayerische Ministerpräsident am helllichten Tag an den wehrlosen Baum und hält ihn mit beiden Händen fest. Man sollte den Baum jetzt unbedingt auf dem Schirm behalten. Wird das mit der abgeblätterten Rinde im Laufe der Jahreszeiten schlimmer, kann sich der Baum von diesem Übergriff erholen?

Er twittert jetzt im Sekundentakt. Markus Söder, der Radlbär. Söder konferiert im Freien. Markus und Winni duzen sich. Söder will in fünf Jahren 30 Millionen Bäume in Bayern pflanzen. Söder macht C02-Sitzung – es ist wirklich zum Auspuff-in-den-Kopf-halten. Jahaa, will man ihm zurufen, wir haben es begriffen! Söder macht jetzt auch in Klima. Botschaft angekommen. Er soll sich endlich unbedingt entspannen! Vielleicht auf einem Inlandskurzstreckenflug von Nürnberg nach Fürth, das mitgebrachte Steak aus der Plastiktüte auspacken und mit dem SUV wieder in die Staatskanzlei zurückfahren. Und bitte, bitte den Baum wieder loslassen! Und auch die anderen Bäume nicht anfassen! Darum kümmern sich die bayerischen Förster, die sowieso jährlich fünf Millionen Bäume pflanzen, macht in fünf Jahren 25 Millionen Bäume. Fünf Millionen mehr sind wahrlich keine Baumwende.

Die Panik vor einem möglichen Wahlerfolg für die Grünen, stürzt die anderen Parteien derart in die fantasielose Verzweiflung, dass ihnen nichts Besseres einfällt, als sich als blütenbestäubte Blumenwiese zu verkleiden. Die SPD beispielsweise hat keine Idee, wofür die SPD stehen könnte, sie hat auch keinen Parteivorsitzenden, aber der "Masterplan für Klimaschutz" steht.

Das Zehn-Punkte-Papier ist eine semantische Hölle auf Erden. "Der Schutz der Umwelt ist nicht alles. Aber ohne ihn kann alles nichts sein." Das steht da drin. Das ist das abgewandelte Willy Brandtsche Wort, wonach der Frieden nicht alles sei, aber ohne Frieden alles nichts. Egon Bahr interpretierte das Brandt-Zitat so, dass Frieden als oberstes Kriterium für den Fortbestand der Menschheit zu sehen sei. Will die SPD damit sagen, dass jetzt das oberste Ziel der Partei Umweltschutz ist? Dagegen ist nichts zu sagen, aber eine Reduzierung der Mehrwertsteuer auf Bahnreisen ist nun bei aller Liebe kein "Masterplan", oder? Das sozialdemokratische Masterziel für eine neue Master-Agrarpolitik benötigt zwei Absätze und lautet: "Die Agrarpolitik muss (…) klimafreundlicher gestaltet werden." In einer Sendung Löwenzahn aus dem Jahr 1981 stecken mehr ökologisch verwertbare Ideen als in diesem Masterdings.

Dieses Vorgehen, das schnelle Zusammenbasteln einer vermeintlichen ökopolitischen Agenda mit den Mitteln eines Wortbaukastens, wenn man "Weichen stellen", "Instrumente entwickeln", "stärkere Anreize setzen" und, natürlich der Klassiker, "Europa stärker einbinden" will, zeigt eigentlich nur, dass man hofft, dass die Grünen wie durch ein Wunder von Borkenkäfern befallen werden.

Das Problem der ehemals alten Volksparteien ist, dass sie nicht Schritt halten mit dem Zeitgeist. Gerade im Umweltschutz hat man das Gefühl, dass die Bürger mehr avantgardistisch sind als die Parteien. Es entsteht der Eindruck, als ob die Parteien lieber zwei, drei ewig gestrigen Chefredakteuren im Land gefallen wollen, statt die Bürger und deren ökologische Visionen zu unterstützen. 

Im WDR-Presseclub vom Wochenende beispielsweise wurden Klimafragen diskutiert. Im anschließenden Zuhörerteil rufen oft ältere Herren an und beteiligen sich an dem Gespräch. Dieses Mal waren die Zuhörer sehr unzufrieden. Die diskutierten Lösungen seien doch alle nicht radikal genug. Müsste der Soli nicht für Umweltschutz eingesetzt und die Containerschifffahrt eingestellt werden? Müsste es nicht um einen radikalen Wandel in der Lebensführung gehen? Müsste man nicht das ganze Wirtschaftssystem ändern. Wie gesagt. Ältere Herrschaften.

Auch die Klimaschutzpartei CDU hat eine erstaunliche Metamorphose durchgemacht. Generalsekretär Paul Ziemiaks ganze Vision über den Klimawandel und gegenüber einer minderjährigen Klimaaktivistin lautete: "Nur pure Ideologie. Arme Greta." Als Wahlplakat sicher ein eingängiger Slogan. Auch CDU-Ministerpräsident Armin Laschet will im Hambacher Forst lieber auf der Seite des Energieriesen RWE stehen und Wald roden lassen. Nun einige Monate und viele Wahlumfragen später, totale Wandlung. Teil der CDU-Waldkampagne in Sachsen ist eine politische Kitschkulisse, ästhetisch zwischen ZDF-Vorabendserie und Kratzhand mit Messingstiel: "Das grüne Gold unserer Heimat!" Bang fragt man sich, was als Nächstes kommt. Wird Annegret Kramp-Karrenbauer das nächste Mal als Windrad in die Bütt steigen?

Als es in einer Anne-Will-Sendung um die Proteste im Hambacher Forst ging, saßen dort Vertreter aller Parteien. Aber nur einer unter ihnen setzte sich selbstbewusst, unmissverständlich und kenntnisreich in den Fakten und Details für den früheren Kohleausstieg, für den Erhalt der Wälder, für Umweltschutz ein: Anton Hofreiter von den Grünen. Die Wähler merken sich so etwas. Die wählen immer lieber das Original.

Ansonsten kann diese Kolumne ruhig mal ohne Pointe enden. Nur diese eine Bemerkung noch: Es gibt in der Biologie ein Phänomen namens Mimikry, dessen Prinzip man als "länger leben durch perfekte Täuschung" beschreiben könnte. Bestimmte Tierarten besitzen die Fähigkeit, die Farbe oder das Muster der Pflanze anzunehmen, auf das sie sich setzen. Auch Pflanzen betreiben diese Form der Veränderung, sogar Moleküle. Die Tarnung ist eine Schutzmaßnahme, um das Überleben und die Vermehrung der eigenen Art zu sichern.