Es ist zwar schon einige Monate her, aber doch unvergesslich als schillernder Tiefpunkt in Annegret Kramp-Karrenbauers jüngerer Karriere. Bei einer Karnevalsveranstaltung machte sich die CDU-Vorsitzende und voraussichtliche Kanzlerkandidatin über Unisextoiletten und Transpersonen lustig. Das Ganze hatte Kalkül. Es war so formuliert, dass man es als blöden Büttenwitz abtun konnte, aber trotzdem alle wussten, was sie meinte. Kurz vor ihrem Auftritt hatte sie sich erneut gegen die Homo-Ehe ausgesprochen und sie in den Dunstbereich von Polygamie und Inzest gestellt. Trotz der gesetzlich verankerten Ehe für alle und des Personenstandsrechts auf eine "diverse" Geschlechtsidentität.

Dass Menschen, die nicht den gängigen Geschlechtsvorstellungen einer Gesellschaft entsprechen, zu einem Politikum gemacht werden, ist nicht überall so. Wer dieser Tage etwa durch London streift, begegnet einer Stadt, in der Unisextoiletten vielerorts selbstverständlich neben Damen- und Herrentoiletten zu finden sind. Einer Stadt, in der niemand angestarrt wird, der transgender ist oder sich auch nur queer oder nicht genderkonform kleidet. In der man unaufgeregt darüber nachdenkt, die Rolle von James Bond, dem Inbegriff britischer Maskulinitätsfantasien von virilem Understatement, mit einer schwarzen Frau zu besetzen. Einer Stadt, in anderen Worten, die so etwas wie ein Alptraum all jener deutschen Politikmachenden darstellen sollte, die mit talking points wie "Genderwahn" und "Identitätspolitik" den Untergang der abendländischen Kultur zu beschwören.

Eine der besten und bestbesprochenen aktuellen Ausstellungen Londons heißt Kiss My Genders und ist gerade in der Hayward Gallery im Southbank Centre sehen. Die Übersichtsschau bringt Arbeiten aus den vergangenen 50 Jahren zusammen, die herkömmliche Auffassungen von Geschlecht ablehnen oder gleich in der Luft zerreißen: vom Schweizer Künstler Luciano Castelli, der als junger Mann androgyne Selbstporträts machte, bis zur Transfrau Juliana Huxtable, die sich in ihren Arbeiten zu einer Art Cyborgpriesterin stilisiert. Etwas weiter im Osten der Stadt, in Shakespeare's Globe, einem der bekanntesten Theater des Landes, das sich der Shakespeare-Pflege verschrieben hat, wird diese Auseinandersetzung mit Genderfragen mit anderen Mitteln fortgeführt: Seit vergangener Saison werden dort alle Rollen unabhängig von Geschlecht und Hautfarbe besetzt. Die schwarze Schauspielerin Sarah Amankwah spielt den Kriegerkönig Henry V. im gleichnamigen Historiendrama, und der weiße Schauspieler Jack Laskey die aparte Rosalinde in Wie es euch gefällt. Das Publikum liebt es.

Ein unbetiteltes Werk von Juliana Huxtable in der Ausstellung "Kiss My Genders" © Juliana Huxtable

Ob im Karneval oder nicht, es ist nicht komisch, sondern tragisch, Menschen dazu bringen zu wollen, sich über nicht genderkonform lebende Personen zu entrüsten. Nur damit diese entrüsteten Menschen möglichst wenig Zeit haben, über tatsächlich entrüstenswerte Probleme wie die wachsende Ungleichheit oder den Klimawandel nachzudenken. Es ist nicht komisch, sondern tragisch, wenn konservative und rechtspopulistische Politikmachende Hass entfachen, um sich als die großen Fürsprechenden der "einfachen Menschen", der "Landbevölkerung" oder gleich des "Volks" aufspielen, während sie für die realen Belange dieser Menschen vor allem Verachtung übrighaben. 

Auch in Großbritannien gibt es homo- und transphobe Übergriffe. Auch hier warnen vermeintlich moderate Stimmen davor, dass das "alles zu weit" gehe oder der Zuspruch für Rechtspopulisten wachse, wenn sich Minderheiten Gehör verschaffen. Wie überall auf der Welt haben auch hier einige Menschen ein Problem damit, andere Menschen ihr Leben leben zu lassen. Doch im Vergleich zu Deutschland ist "Gender" hier nicht zu einer rechtspopulistischen Chiffre geworden. Der britische Rechtspopulismus hat sich bekanntlich auf die Themen von Nationalismus und Brexit kapriziert, was bedeutet, dass Genderfragen am rechten Rand des Landes nicht gleich für quasisexuelle Erregungsstürme sorgen. Das macht zumindest in dieser Hinsicht das Leben aller etwas entspannter.